Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (38-04401)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

29. 02. 1916

language Deutsch

Schlagwörter: Luschan, Felix von Luschan, Felix von (1922)

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (38-04401). Leoben, 29. 02. 1916. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7979, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7979.


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Leoben, Ende Hornungs 19161

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Mit bestem Danke bestätige ich das Einlangen der brasilischen Blätter; indogermanisch2 ist allerdings ein unglückliches, aber nun doch allgemein gebräuchlicher Ausdruck. Wollte man von der geografischen Verbreitung ausgehen, dann müßte man vielmehr kelto-tocharisch oder wenigstens indo-keltisch sagen. Uebrigens ist es aber im Wesen der Sache doch ziemlich gleichgiltig, wie man ein Ding benennt, wenn man sich nur darüber genau verständigt, was man unter einem bestimmten Namen zu verstehen hat. Namen sind doch nur Anhängetäfelchen, Etiketten, um die Dinge immer gleich wiederzuerkennen. Dazu ist bloß erforderlich, daß sie nicht verwechselt werden.

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Ich sehe übrigens nicht ein, warum nun arisch im Sinne von urarisch nicht ebenso gut Sprach- als Rassenbezeichnung sein könnte. Etwa weil die Antisemiten diese Bezeichnung zum Ausdruck ihres Rassebewußtseins im Gegensatze zum Semitenthum gemacht haben? Das ist freilich für den unzweifelhaft judengenössischen Herrn Geheimrath v. Luschan3 und seine Judengenossenschaft der eigentliche, aber ungesagte Beweggrund zur Ablehnung des Ariernamens als Rassenamen, denn – hinc illae lacrimae!?4 Das kann aber doch für judenfreies Tatsachenerfassen kein Ablehnungsgrund sein! Zweifellos ist doch jede Ursprache oder Sprachthum ebenso wie der Urmÿthos, d. i. die angestammte Form der Weltanschauung überall und immer eine Rasseschöpfung gewesen und als solche Ausdruck der Rassenartung. Religion ist |3| doch selbst heute noch Ausdrucksform der vorherrschenden Rassenanlage ihres überzeugten Bekenners und kein bloßes Volksthumskennzeichen. Erst die abgeleiteten Sprachen und Mÿthen, mit denen wir es aber heute einzig und allein mehr zu thun haben, sind Völkerschöpfungen und als solche mehr oder weniger genaue Spiegelbilder der in jeder Volksthumsbildung aufgegangenen verschiedenen Rassen und ihrer Mischungsverhältnisse. Wir sehen, daß Sprachen sowohl wie Mythen und Religionsanschauungen sich deutlich wandeln mit den Wandlungen der Rassenzusammensetzungen der Völker. – Ich erinnere hier nur an die spätrömische und an die hellenistische Zeit mit ihren Mythos- und Kulturwandlungen und Mischungen bei gleichzeitiger Bildung vulgär-griechischer und vulgär-lateinischer Sprachformen, aus deren ersteren das Neugriechische entstand, während letztere in den romanischen Sprachen fortleben. Ich möchte geradezu behaupten, |4| daß Sprachen und Mythen sich überhaupt nur wandeln, wenn und indem die Rassenzusammensetzungen eines Volkes selbst sich wandeln. Semiten, deren Rassenstock seit jeher Reinzucht übt, haben die stationärsten Sprachen – keine Lautverschiebung!

Nach alle dem kann auch „arisch“ sehr wohl zugleich eine Rasse bezeichnen – eben die Rasse, welche die arische Ursprache geschaffen hat, wahrscheinlich also die von Cro-Magnon.5

Hochachtungsvoll
Harpf


1 Genau genommen wäre dies der 29. Februar, da 1916 ein Schaltjahr war.

2 Bezug unklar, vermutlich eine Äußerung zu Schuchardts Begleitbrief mit den in HSA 04398 erwähnen brasilianischen Zeitungsausschnitten.

3 Felix von Luschan (1854-1924), österr. Anthropologe und Ethnograph, der ab 1900 in Berlin lehrte. Das Adjektiv „judengenössisch“ entbehrt jeder Grundlage und ist im höchsten Maße diffamierend. Die diesbezüglich einschlägige Arbeit Luschans ist jedoch erst später erschienen: Völker, Rassen, Sprachen, Berlin: Welt-Verlag, 1922.

4 Daher also die Tränen“ (Terenz, Andria, Cicero, Pro Caelio, Horaz, Epistulae. Gemeint sind Tränen, die nur dem Anschein nach der Trauer, in Wirklichkeit aber heuchlerischer Absicht entspringen.

5 „Bezeichnung für den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) des westlichen Eurasiens, der während der letzten Kaltzeit lebte“ (wikipedia).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04401)