Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (37-04400)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

09. 01. 1916

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (37-04400). Leoben, 09. 01. 1916. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7978, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7978.


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[Postkarte
LEOBEN 9-1-16]
Sender: Dr Adolf Harpf in Leoben, 9. Hartungs 1916

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Heilgruß zuvor im Neuen Jahre! Zu Ihrer heutigen Plauderei über „Boche“1, – das im Anfange der 80er Jahre, als ich in Frankreich zu Fuß reiste, von mir noch nicht gehört wurde, – scheint mir ein Hinweis den Weg anzuzeigen, auf dem dieses jetzige Schimpfwort seine Geltung über die Deutschen in ihrer Gesamtheit erstreckt haben mag. Sie er- |2| wähnen u. A., daß das Wort vorerst einen dumm- oder Dickkopf, besonders bei den Buchdruckern bezeichnete, die den Fremden unter ihnen mit tête de boche benannten. Nun werden die Deutschen bekanntlich seit jeher als „têtes carrées“ bezeichnet u. da ich weiters weiß, daß besonders im Buchdruckergewerbe überall im Auslande sehr viel deutsche Walzbrüder zulaufen u. in diesem Gewerbe überhaupt die Mehrzahl der fremden Wandergehilfen bilden, die gerade so wie die ebenfalls in aller Welt zahlreichen italienischen Wanderarbeiter ihre Spitznamen haben, – (in Nordamerika z. B. heißen die Italiener dágos, sing. dágo2 – woher das kommt, weiß ich auch nicht), – so wird die tête de boche unter den Buchdruckern in den allermeisten Fällen ein Deutscher gewesen sein. So lag die Uebertragung auf die deutschen Fremdlinge in Frankreichs Werkstätten nahe genug und ging von da auf die Deutschen in ihrer Gesamtheit über, wie heute in Nordamerika auch jeder Italiener schon ein „dágo“ heißt.

Heilgruß!
Harpf


1 Schuchardt, „Boche“, Grazer Tagespost (9. Jänner 1916).

2 Das Wort bezeichnet in den USA nicht nur Italiener, sondern auch Spanier und Portugiesen. Möglicherweise hängt das Wort mit „daga“ (Dolch) zusammen, man denke an „Messerstechereien“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04400)