Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (35-04398)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

15. 10. 1915

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (35-04398). Leoben, 15. 10. 1915. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7976, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7976.


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Leoben, Mitte Gilbharts1 1915

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Mit gleicher Post gestatte ich mir Ihnen, mein hochgeehrter Lehrer, mehrere kürzlich erhaltene brasilianische Blätter zu übersenden, da ich annehmen möchte, daß Sie dieselben als Stimmungsberichte interessieren, weil ich weiß, daß Sie die Stimmungen im weiteren außerdeutschen Auslande mit Aufmerksamkeit verfolgen. Ich habe die Blätter ganz durchgelesen und so weit es mir – ohne ein portugiesisches Wörterbuch an der Hand zu haben, möglich war auch in allen Hauptsachen verstanden – mit wesentlicher Hilfe dessen, was ich seinerzeit in den romanistischen Uebungen und Kollegien bei Ihnen gelernt habe. Freilich entging mir manche |2| Einzelheit, besonders in dem schwülstig-hochtrabenden Aufsatze „O sonho dal [recte: do] corsario“. Es war aber meine allererste Lektüre „em língua brazileira“ [recte: brasileira] – aber ich entnahm doch genug, um was es sich in Brasilien jetzt handelt, um darüber insoweit zureichend und aus erster Quelle unterrichtet zu sein, daß ich heute einen Aufsatz über Brasilien und den Krieg von Stapel bringen konnte. Ich gedachte bei der Lesung des „Diario allemão“ [recte: Diário alemão]2 dankbar wiederholt der sz. bei Ihnen statt gehabten Uebungen am Chevalier au Lÿon des Chrétien de Troyes – und eine weitere Erinnerungsverkettung führte mich von da nach Troyes selbst in dessen Mauern ich vor nun 55 Jahren auf meiner Fußwanderung durch Frankreich wohl die schrecklichste Nacht aller meiner bisherigen Reisen zugebracht habe. –

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Ich kam in später Nachtstunde zu Fuß in der Stadt an, auf der Landstraße lag Vollmondschein, in dem es sich gut wandert. In der Stadt war alles geschlossen und da ich nicht wußte, wo übernachten, gieng ich auf die Mairie. Dort schlug der Polizist zuerst das Verbrecher-Album auf, was insofern gerechtfertigt war, als in Frankreich kein anständiger Mensch zu Fuß reist und am allerwenigsten in das Nest auf einsamer Landstraße daherkommt. Zum Glücke zeigte ich keinerlei Ähnlichkeit mit den damals von der Polizei gesuchten Persönlichkeiten. Man wies mich in eine Spelunke, wo mich der Wirt in eine Kammer führte. Die Thür hatte kein Schloß. Als Beleuchtung bekam ich einen Kerzenstummel von 1 Cm. Länge. Ich legte mich angekleidet aufs Bett, denn es zeigte verdächtige Färbungen und ich schlief, todmüde wie ich war, sofort fest ein. Nach vielleicht zwei Stunden Schlafes wachte ich plötzlich auf und mir war nicht anders als läge ich im Feuer. Der ganze Körper vom Kopf bis zu den Zehen brannte. Ich dachte zuerst, mich müsse ein hitziges Fieber überfallen haben, zündete meinen Kerzenstummel an und bei seinem Lichte sah ich dann, daß mein Lager förmlich übersät war mit durcheinander wimmelnden winzig kleinen Wanzen. Natürlich verzichtete ich auf die Bettruhe und brachte den Rest der Nacht auf dem Stuhle sitzend zu. |4| Nach diesem eigenen Erlebnisse kann ich mir die Unterkünfte unserer armen Internierten, Gefangenen und verwundeten in Frankreich lebhaft vorstellen und bin überzeugt, daß die Schilderungen davon, die wir lesen, gewiß nicht übertrieben haben. Ich war seitdem in elenden Fellachenhütten und im Beduinenzelte zur Nacht, aber so schlecht wie damals in Frankreich habe ich es nirgends wieder getroffen – und das will Kultur predigen – lächerbar!

Heilgruß!

Ihr ergebenster

Dr Ad. Harpf


1 15. Oktober.

2 Diário alemão: Supplemento Português do „Deutsche Zeitung de São Paulo, möglicherweise Mai-Nummer 1915.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04398)