Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (22-04385)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

03. 10. 1908

language Deutsch

Schlagwörter: Universitätsbibliothek Graz Maspero, Gaston Peisker, Johann Peisker, Johann (1905)

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (22-04385). Leoben, 03. 10. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7963, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7963.


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Leoben 3./10.08.

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Meines Wissens fährt Maspero1 nicht alle Sommer nach Europa. Da ich seinen Namen in den Schiffslisten der Cairiner „Aegyptischen Nachrichten“2, die ich stets von Anfang bis zu Ende zu lesen pflege, nicht gefunden zu haben mich erinnern kann, scheint mir die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu sein, daß er in Cairo ist, zumal sich am großen Neubau des Museums, wie ich höre, bedenkliche Bauschäden, Senkungen infolge ungenügender Untergründungen gezeigt haben sollen. |2| In jedem Falle aber erhält er jeden Brief, dessen Anschrift lautet:

A Mr G. Maspero

Directeur général du service

des antiquités du Caire

Musée égyptien

près du Kasr-el-Nil

Cairo, Egypten

Was mich anbelangt, so fürchte ich, kaum vor Dezember nach Egypten fahren zu können. Ich habe mir bei einem Sprung in der hiesigen Schwimmschule, deren Sprungbrett schief schwingt, eine Zerrung der linken Achillessehne und Zerreißung im Wadenmuskel mit Blutaustritt zugezogen. |3| Ich hatsche daher jämmerlich und so etwas dauert erfahrungsgemäß lange – jetzt schon über 4 Wochen. Wenn man einmal über 50 und bei 80 Kilo Gewicht ist, die ich vorher nie hatte, soll man eben nicht mehr springen, die Muskeln sind nicht mehr leistungsfähig genug dazu.

Zu Ihrer Uebersiedlung wünsche ich alles Glück und überhaupt einen recht angenehmen Winter im neuen, schöngelegenen Heim.

Wie gewöhnlich vergaß ich bei meinem letzten Besuche die Hauptsache, über die ich gerne Ihre mir maßgebende Ansicht gehört hätte.

Ich habe nämlich vor einigen Monaten J. Peiskers3 Buch über die älteren Bezie- |4| hungen der Slawen zu den Turktataren u. Germanen4 genau durchgenommen.

Das Sprachliche, was es enthält, muß zwar Jedem, der auch nur ein Bischen in die Sprachwissenschaft hineingerochen hat, auf den ersten Blick als der schwächste Theil des Buches erscheinen, da ja Vieles, was da als germano-slawische Einwirkung angesprochen wird, ebenso gut auf indogermanische Urverwandtschaft hinweisen kann, aber die übrigen Darlegungen historischer, archäologischer, ethnographischer u. soziologischer Art haben mich namentlich in Hinsicht auf die Rassenkunde, sehr angesprochen. Möchten Sie mir nicht gelegentlich Ihre mir wertvolle Ansicht über das Buch mittheilen?

Hochachtend
Harpf


1 Gaston Maspero (1846-1916), franz. Ägyptologe; vgl. HSA 06889 [dat. Kairo, 10.6.1908]. Vgl. zum Kontext Guilaume Nicoud, „Maspero et la création de l’École Française du Caire“, Histoire par l'image [en ligne]. Maspero war die treibende Kraft beim Neubau des 1904 eröffneten Archäologischen Museums in Kairo gewesen.

2 Aegyptische Nachrichten. Les Nouvelles Egyptiennes , diese zweisprachige Zeitung ist nur in einem Jg. (1912) in Bibliotheken nachweisbar.

3 Johann Peisker (1851-1933), Sozial- und Wirtschaftshistoriker, von 1910-1919 Leiter der Grazer Universitätsbibliothek.

4 Peisker, Die älteren Beziehungen der Slawen zu Turkotataren und Germanen und ihre sozialgeschichtliche Bedeutung, Berlin u.a.: Kohlhammer, 1905 (Neue Forschungen z. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte d. Slawen; 1).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04385)