Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (21-04384)
von Adolf Harpf
an Hugo Schuchardt
28. 08. 1908
Deutsch
Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (21-04384). Leoben, 28. 08. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7962, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7962.
Leoben, 28.8.1908.
Hochgeehrter Herr Hofrath!
Ich erinnere mich nicht Hütten nach Art Ihrer Zeichnung u. zw. solche mit schrägen, tief herabhängenden Dächern gesehn zu haben, muß aber allerdings bemerken, daß ich auf die Sache bisher nicht geachtet habe. Gleichwohl wäre eine Hütte mit schrägem Dache, auch ohne von vornherein darauf aufmerksam gemacht zu sein, mir in Aegypten jedenfalls aufgefallen, wenn ich sie aufgefunden hätte. |2| Alle Fellachen-Häuser und Hütten sind ja in Aegypten und auch in Fayûm1 nichts als aus ungebrannten Lehmziegeln errichtete Mauern flach überdacht im Fayûm mit dem trockenen Schilfrohr und Holzwerk von Gesträuchen und verkrüppelten Bäumen, die massenhaft aus den, dem See abgewonnenen Landwecken gewonnen und in Kamelladungen ins Fruchtland des Fayûm gebracht werden. Diese Kamelladungen mit ihren weitabragenden zähen und dornigen Zweigen sind ein steter |3| Ärger und eine Besorgniß der Reiter auf den Straßen zum Seeufer. Die Fischer haben meines Wissens am Seeufer überhaupt keine Hütten und brauchen dort auch keine, da sie in den Dörfern im nahen Fruchtlande wohnen und von da aus zum Fischfang gehen. Uebrigens ist das Seeufer ein so schwankender Begriff, einestheils wegen der ausgedehnten Sumpfstrecken am See u. anderntheils wegen der nicht unbedeutend wechselnden Seehöhe, daß für Hütten nach der Seite des Fruchtlandes kaum entsprechende Plätze zu finden wären. |4| Ich besuchte eine häufig benützte Landungsstelle der Fischer an einer sandigen, trockenen Uferausbuchtung des Nordwestendes, wo die Wüste bis knapp an den See heran reicht, aber die Fischer sich da auf dem nackten Sandboden lagern, wo sie aus den dürren Ufergesträuchen offene Feuer anmachten und sich Bulti (Nilkarpfen) in der heißen Asche gar brieten. Ein so zubereiteter Fisch schmeckt nach Entfernung der Asche ganz vortrefflich und braucht nicht gesalzen zu werden, da die Asche der Pflanzen des salzigen Bodens selbst salzhältig ist.
|5|Wenn ich, wie beabsichtigt, wieder ins Fayûm kommen sollte, will ich wohl auf Fischerhütten merken und darnach auch Umfrage halten. Uebrigens kann ich Ihnen vielleicht schon früher verläßliche Auskunft geben, wenn ich in Cairo meinen Gastfreund, den Fossiliengräber Markgraf2, treffen sollte, der seit Jahren im Fayûm behaust ist – nur zu einer brieflichen Auskunft ist der Mann sehr schwer zu bewegen – er beantwortet Briefe meist gar nicht, denn er hat jahraus, jahrein Wichtigeres zu thun – als zu schreiben. ./.
|6|Ihre Beobachtung, daß Sie schon ein Mal vor 20 Jahren auf kurze Zeit doppelsichtig waren, scheint mir nicht unbedingt gegen meine und Dr Lakers Theorie von den ungleichmäßigen Alterungen abgeleitete Erklärung Ihres Doppelsehens zu sprechen3, zumal sich auch damals die Erscheinung in kurzer Zeit wieder verlor. Sie waren damals 46 Jahre alt und bei vielen Menschen u. namentlich solchen, die, wie Sie, ihr Lebtag lang viel und fortwährend lesen, beginnen sich gerade in den Augen |7| bereits um die Mitte der 40er Jahre die ersten Accomodationsschwierigkeiten zu ergeben. Bei mir selbst, der ich immer weit- u. scharfsichtig war, begannen sich diese Schwierigkeiten allerdings erst seit einem Jahr recht fühlbar zu machen, aber ich las und konnte auch im meinem Leben weitaus nicht so viel und anhaltend lesen als Sie, weil ich ja einäugig bin und daher nach einigen Stunden Lesens immer wegen gänzlicher Ermüdung abbrechen mußte.
Ihr hochachtungsvoll
Ergebenster
Harpf
1 Ein oasenartiges Becken im Gouvernement al-Fayyum (Ägypten), an das im Osten der Qarun-See angrenzt. Das Gebiet war schon sehr früh besiedelt.
2 Richard Markgraf (1869-1916), österr. (!) Fossiliensammler, Finder bedeutender Säugetier- und Dinosaurierfossilien; vgl. Ernst Stromer, „Richard Markgraf und seine Bedeutung für die Erforschung der Wirbeltierpaläontologie Ägyptens“, Centralblatt für Mineralogie, Geologie und Paläontologie 11, Stuttgart 1916, 287-288.
