Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (20-04383)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

24. 08. 1908

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (20-04383). Leoben, 24. 08. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7961, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7961.


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Leoben, 24./8.08.

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Ich habe mir Ihren Villenbau angesehen u. beglückwünsche Sie vor Allem zu der schönen, luftigen u. ruhigen Lage der Villa. Mit dem Fertigwerden allerdings wird es wohl kaum so schnell gehen, als Sie zu glauben scheinen1. Ich weiß aus eigenen Bau-Erfahrungen, daß die zuletzt kommenden Handwerkerarbeiten stets die allerunpünktlichsten sind, u. da ist in Ihrem Neubau noch so manches ausständig. Zuletzt läßt immer ein Handwerker den andern warten u. so werden sie schließlich allesamt nicht fertig. Ich möchte Sie daher aufmerksam machen, möglichst bei Zeiten und energisch anzutreiben. Sie ersparen sich dadurch den größeren Ärger am Schlusse!

Ueber Ihr Doppelsehen habe ich nachgedacht u. glaube die Er- |2| klärung dafür gefunden zu haben. Sie liegt einfach in ungleichmäßiger Alterung im Innern des Seh=Organs, sei es nun der Linse oder der Netzhaut. Wenn die Linse z. B. an den Rändern schneller altert, also seniler wird als gegen die Mitte zu, also hier contraktiler, jünger bleibt als dort, oder Ähnliches bei der Netzhaut eintritt, so muß daraus Doppelsichtigkeit entstehen, die sich aber von selbst nach u. nach verliert, wenn die Altersveränderungen sich nach und nach ausgleichen. Die Grundlage für meine Ansicht ist die geniale Lehrer Dr Lakers von dem möglichen ungleichmäßigen Altern der Gewebe, die aus verschiedenen Keimblättern stammen. Dieser „einkeimblättrige Senilismus“, wie ihn D r Laker genannt hat2, ist nun |3| zwar von den Fachkreisen noch lange nicht anerkannt, aber er ist doch die einzig zutreffende Erklärung für die daraus möglicherweise unter bestimmten von Dr Laker festgestellten Umständen entstehenden krebsigen Erkrankungen aller Art. Übrigens hat noch jede geniale, wirklichen Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft bedeutende Lehre ja noch immer die bekannten Hemmungen der zünftigen Organisationsweise unseres Wissenschaftsbetriebes in Akademien, Universitäten, Fakultäten etc. zu befahren gehabt: also die derzeitige Nichtanerkennung seitens der sog. Fachkreise beweist mir wenigstens gar nichts!

Wenn nun die ganzen Gewebe einzelner Keimblätter im Verhältnisse zu einander ungleichmäßig altern können und daraus |4| dann bei einer krankhaft gewordenen Steigerung jener Ungleichmäßigkeit sogar die ganze Reihe der Krebserscheinungen auf die einzig befriedigende Weise zu erklären ist, warum sollte eine solche Ungleichmäßigkeit des Alterns zeitweise nicht auch innerhalb eines Sinnesorgans angenommen werden, das, wie das Auge, den Altersveränderungen ganz besonders unterworfen ist? Das ist nun allerdings eine Folgerung, die ich auf eigene Faust mache, da sie in Lakers Lehre, die sich nur auf die ungleichmäßige senile Veränderung des Verhältnisses verschiedenkeimiger Gewebe bezieht, nicht enthalten ist. Aber diese Folgerung scheint mir die einzig zutreffende und befriedigende |5| Erklärung für die gegebene Thatsache Ihres zeitweiligen Doppelsehens zu sein und ich möchte Ihnen auf Grund der immerhin anzunehmenden Möglichkeit dieser meiner Folgerung raten, mit Ihren Augen keinerlei ärztliche Versuche u. Unternehmungen anstellen zu lassen.

Gleicht sich im fortschreitenden Alterungsprozesse die Struktur des Organs wieder aus, dann wird auch das Doppelsehen wieder von selbst verschwinden. Ihre bisherigen Beobachtungen einer allmäligen Besserung scheinen mir darauf hinzuweisen, daß dies der Gang der Entwickelung sein wird. Allerdings könnte |6| man sich ja auch denken, daß die Ungleichmäßigkeit ebenso fortschreitet und sich krankhaft steigern könnte, aber das scheint mir nach Ihren bisherigen Beobachtungen bei Ihnen nicht zuzutreffen. Auch der einkeimblätterige Senilismus ist als solcher noch keine eigentliche Krankheitserscheinung, er führt dazu erst im weiteren Fortschreiten der ungleichmäßigen Keimblattalterungen im Falle der dauernden Durchbrechung und Aufhebung der Gewebsgleichung des Organismus. Cf. D r Karl Laker, „Ueber das Wesen und die Heilbarkeit des Krebses.“ Wien, bei Deuticke, 1906, insbesondere S. 45, f.

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Ihre Eröffnungen bezüglich der Forschungen über Berbern u. Libyer3 regen mich andauernd immer mehr auf, da sie wie für Andere, so für mich von ausschlaggebender Bedeutung hinsichtlich der Frage der Richtung der Urwanderung und der Herkunft der ältesten Kulturrasse werden dürfen. Ich bitte Sie dringend mir beim Erscheinen Ihrer bezüglichen Arbeiten dieselben dadurch zugänglich zu machen, daß Sie mir deren Erscheinungsdaten bekannt geben.

Ihr hochachtungsvollst Ergebener Schüler
Harpf


1 In seiner „Vita“ ( http://schuchardt.uni-graz.at/hugo-schuchardt/vita) lesen wir, dass Schuchardt „im doch schon respektablen Alter von 64 Jahren in der Johann-Fux-Gasse Nr. 30 in Graz eine architektonisch bemerkenswerte Villa, für sich und seine Bücher“ gebaut habe. Demzufolge wäre der Bau 1906 erfolgt und im Sommer 1908 noch nicht fertiggestellt gewesen. Eine derart lange Bauzeit ist jedoch nur schwer vorstellbar; möglicherweise fasste Schuchardt Ende 1906 den Plan zu bauen, der dann 1907 in Angriff genommen wurde. Der Einzug erfolgte Ende September 1908.

2 Karl Laker, Über das Wesen und die Heilbarkeit des Krebses, Leipzig-Wien: Deuticke, 1906.

3 Schuchardt, „Berbische Studien I. Ein alter Plural auf -u̯?“, Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 22, 1908, 245-264; „Berberische Studien II. Zu den arabischen Lehnwörtern“, ebd. 22, 1908, 351-384.

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