Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (17-04380)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Birkat Qārūn

25. 01. 1908

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (17-04380). Birkat Qārūn, 25. 01. 1908. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7958, abgerufen am 29. 01. 2023.


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Am Karunsee 25./I.081

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Erst heute ist es mir möglich, mein vor Jahren gegebenes Versprechen bezüglich der Fischerei am Fayumsee einzulösen2. Ein deutscher Sammler namens Richard Markgraf3 hat sich hier am Karûn-See 7 1/3 Feddan4 neu gewonnenen Landes gekauft und darauf ein primitives Haus gebaut. Während er selbst 6 Kamelrittstunden weit in der libyischen Wüste nach Arfinoetharien (??)5, Ammonsschildkröten und anderem Tertiärgethier gräbt, wohne ich nun hier einige Zeit in seinem Hause |2| mit seinem 14jährigen Bruder. Wir gehen zusammen an den Karunsee und holen uns Fische oder Wildenten für unsere Mahlzeiten. Die Fischer fischen hier mit zwei Netzen, einem großen Fangnetze das bis zu 20 Mt und darüber lang ist u. im Kreis ausgeworfen wird; es ist je nach der Tiefe für die es gebraucht wird 1 bis 2 M. breit. An der unteren Seite ist es mit roth gebrannten Thonrollen beschwert, um (eine solche Rolle habe ich für Sie!) |3| am Grunde des in weiten Flächen sehr feuchten Sees gezogen zu werden, während der obere Rand von Schwimmern aus Schilfstengelstücken (Fille genannt) über Wasser gehalten wird. Mit diesem großen Netze, das arabisch Schabbak heißt werden die Nilbarsche Bultas, die den Hauptertrag der Seefischerei bilden, eingekreist; ein Mann steigt mit einem Stocke bewehrt skerdum [am] offenen Ende des Kreises |4| ins Wasser und schlägt unter lautem Rufen denn nichts geht ja bei den Arabern ohne Schreien ab – mit dem Stocke ins Wasser, um die Fische ins Schubak zu jagen. Ist das Wasser aber zu tief, so geschieht diese Jagd von einem Boote aus. Sind die Fische in den Umkreis des Schabback gejagt, so wird dieses geschlossen und nun steigen die Fischer je 2 Mann mit einem zweiten, kleineren |5| Sacknetze ins Wasser. Dieses heißt Schilp oder Dâra. Es hat etwa diese Form: [Stock wie drüben ǀÖffnung (darunter ein gezeichnetes Netz)ǀ Stock zum Aufspreizen] Die Stöcke, etwa ein Meter lang, haben am Ende einfache Astgabelungen [Zeichnung: Ast Y Ast] Diese werden am Oberrande in die Netzmaschen einfach eingesetzt um das Netz an der Öffnung auseinanderzuhalten. Dann ergreift je ein Mann einen der Stöcke und sie |3| schöpfen dann die im Schâbbak enthaltenen Fische mit dem Schilp heraus. Dies geschieht immer auf seichtem Grunde, nach welchem man aber vorher die Fische gejagt hat. Sie werden auch mit der J/Gâzia, einem Korbe aus Galb, einem biegsamen Schilfrohr vom Nilufer gefangen. Dasselbe sieht so aus: Große Dschabien kosten etwa ½ Pfund 50 P[iaster], kleine 30.

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[Zeichnung mit Text]

zufließendes Süßwasser

[Skizze Fangkorb B-A, darunter langer nach rechts weisender Pfeil, an dessen Spitze: Abschluß um die Fische nicht durchzulassen]

schwach salziges Seewasser

Die Fische wollen zum Süßwasser schwimmen, werden durch die Staender welche bei A und B geste[c]kt wurden, abgehalten und müssen sich so in der Dschâbia6 fangen, aus der sie nicht zurückkönnen.

Im Nilthal fangen die Fallachun die in den flachen Bewässerungskanälen und |8| derenTümpeln nach dem Verlaufen der Flut rückbleibende Fische mit sogenannten Kaffas=Körben die so aussehen [Zeichnung eines solchen Korbs mit der Legende „offen“ am oberen Ende]. Die Stäbe, welche unten vorragen, werden in den Schlamm gedrückt. Die Körbe so über die Fische gestülpt und die Fische von oben durch die Öffnung mit der Hand heraus genommen. Wollen Sie eine Dschâbbia haben, so würde wohl Herr Markgraf Ihnen eine solche besorgen.

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Bevor ich hierherkam besuchte ich die österr. Ausgrabungen, welche auf Kosten des ungarischen Staatsbürgers Philipp Back, Maison Orosti-Back7, Moisky Kairo wohnhaft, bei Station Fashn in der lybischen Wüste nächst Gamhûd, vier Reitstunden in der Wüste betrieben werden. Im Vorjahre bekamen die die Museen in Pest, Wien und Krakau eine größere Zahl schöner Mumien. Da der Preis einer solchen Mumie, wenn sie auch gar nicht irgend eine geschichtlich bedeutsame Persönlichkeit darstellt, immerhin min- |10| destens 20 Pfund beträgt, sollte sich das Grazer Landesmuseum bei Herrn Back, dessen Anschrift oben mitgetheilt ist und dem Anreger der Grabungen Grafen Koziebrodzki kuk. General-Consul in Kairo8 um Gratis-Betheilung mit diesjährigen Grabungsergebnissen bewerben. Bisher sind bereits schön gemalte Holzsärge vorhanden, die Grabungen werden aber noch bis April fortgesetzt. |11| Auch anthropologisch hochinteressante Langschädel sind vorhanden, um die sich biser Niemand bewirbt. Ich möchte Sie bitten, die Museumsvorstehung oder den Landes=Ausschuss anzuregen, daß er sich bei den Genannten sofort mit Ersuchschreiben bewirbt – dann bekommt Graz dies Jahr sicher auch etwas ab. – Bitte mich gelegentlich mit einem Schreiben nach Abbassîeh und Nachrichten über Ihr werthes Befinden, die ich seit Langem misse, zu erfreuen.

Hoffentlich und wünschentlich ist Ihr |12| Befinden ein derartiges daß Erfreuliches darüber zu berichten ist Ihrem Ergebensten
Harpf.

P. S. Die Fischer gehen auch bei der Nacht hinaus auf den See um zu fischen und die Fangmethode ist alsdann dieselbe wie beim Tage, da sie die Standorte der Fische vorher erkunden und daher kennen.

Obiger.


1 Der Qarun-See ist ein 230 km² großer abflussloser See im nordöstlichen Ägypten. Er gilt als Überrest des Moeris-Sees. – Harpfs Brief wurde mit Kopierstift „vor Ort“ geschrieben und ist somit ein damals höchst aktueller Forschungsbericht.

2 Das Fayyum-Becken, auch Fayum, Fajum, Fajjum oder Faijum, ist ein oasenartiges Becken südlich des Nildeltas, an das im Nordwesten der Qarun-See anschließt.

3 Richard Markgraf (1869-1916), österr. (!) Fossiliensammler, Finder bedeutender Säugetier- und Dinosaurierfossilien; vgl. Ernst Stromer, „Richard Markgraf und seine Bedeutung für die Erforschung der Wirbeltierpaläontologie Ägyptens“, Centralblatt für Mineralogie, Geologie und Paläontologie 11, Stuttgart 1916, 287-288. – Im Volkskundemuseum Wien ( ÖMV/63.530) findet sich ein Stülpkorb, dessen Beschreibung wie folgt lautet: „Möglicherweise erhielt Hugo Schuchardt diesen Stülpkorb von Adolf Harpf oder durch dessen Vermittlung von Richard Markgraf, einem Fossiliensammler böhmischer Abstammung, der in Ägypten arbeitete“.

4 Arab. Landmaß, 1 feddan = 4200 m2.

5 Nicht identifiziert; Karl A. Zittels Palaeozoologie, München-Leipzig: Oldenbourg, 1881-1885 mit ihrem detaillierten Index hilft bei der genauen Deutung dieser Species leider nicht weiter.

6 Es bleibt zu prüfen, ob dieses Netz nicht mit dem als „Sciabica (?)“ bezeichneten Exemplar aus Schuchardts NL im Volkskundemuseum Wien identisch ist, da nicht nur die Bezeichnung Dschâbia, Dschâbbia, sondern auch Harpfs Skizze dies nahelegen.

7 Philipp Back (keine Daten) war offenbar Inhaber oder Mitinhaber einer bedeutenden Warenhauskette: „The Orosdi-Back story starts in Hungary with the liaison of two families when Adolf Orosdi’s sister, Antoinette (?-1879), married Maurice Back. Given that they were Jewish and had supported the Hungarian rebellion against the Austrian Empire, Adolf Orosdi and Maurice Back settled in Galata district in Istanbul, a focal point for Jews and one of the Ottoman Empire’s most vibrant business centres. In 1855, they established their shop under the name of Omar Effendi. The Orosdi-Back enterprise expanded from there, and their branches were given the combined name “Orosdi-Back”. It had outlets in Constantinople, Adana, Izmir, Samsun, Cairo, Alexandria, Port-Said, Zagazig, Tanta, Tunis, Philippopoli (Plovdiv), Bucharest, Aleppo, Beirut, Salonica, Tabriz, Tehran, Casablanca, Meknes, Vienna from 1893 and Basra and Baghdad after WWI“.

8 Wohl gemeint Dr. iur. Thaddäus Koziebrodzki Bolesta (1860-1916), k. u. K. GK I. Kl. Kairo 6.12.1904, dort bis 1909, dann an den württ. Hof versetzt. Zu Einzelheiten vgl. Engelbert Deusch, Die effektiven Konsuln Österreich (-Ungarns) von 1825 bis 1918. Ihre Ausbildung, Arbeitsverhältnisse und Biografien, Köln-Weimar-Wien: Böhlau, 2017, 396.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04380)