Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (15-04378)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

24. 10. 1906

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (15-04378). Leoben, 24. 10. 1906. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7956, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7956.


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Leoben 24/10.06

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Die guten Werke ergeben sich aber nur dann wenn selbst aus dem Glauben, wenn dieser nicht schon alle Energie zur That überhaupt aufgezehrt hat, in welchem Falle sich eben aus dem Glauben gar nichts weiter mehr ergiebt – als eben bloßer Glauben.

Genau so ist es mit der Erkenntniß und da läßt es sich doch wohl nicht läugnen, daß die ganze Art unseres Wissensbetriebes |2| von der Schule bis in die Arbeitsstube des Gelehrten und Forschers eine durchaus lebensfeindliche ist. Sie macht unser im Ganzen überstudiertes Volk so lebensuntüchtig, daher dann die aufgehäufte Masse unseres Wissensstoffes so wesentlich unfruchtbar bleibt. Vor lauter Theorie ergiebt sich, wenn Thaten notwendig wären, nichts als „Erwägung“ aus all dem Wissen, und der lebensfreudige Willens-Impuls bleibt aus.

Das ist es, was ich eigentlich meinte. |3| Einen zwingenden Zusammenhang zwischen Langköpfigkeit und geistigen Fähigkeiten kann allerdings Niemand nachweisen1. Ich wenigstens habe hierüber auch nirgends etwas behauptet, wie denn meines Wissens unter den Germanen der ältesten Zeit schon nicht lauter Langköpfe anzunehmen sind.

Was das gewiß zutreffende argumentum ad hominem anlangt, daß ich selbst homo alpinus erscheine, so geht dies auf die steirische Großmutter |4| väterlicherseits zurück2, deren dunkler Typus seitdem in meiner Vaterfamilie und noch in meiner eigenen durchschlägt. Meine im Uebrigen ungewöhnlich begabte Tochter hat wieder ganz meinen Typus und ihre Mutter ist hochblond, groß und sehr nüchterner Geistesart und selbst meine Kinder von der langköpfigen Mulattin haben meinen und nicht ihren Schädel. Mein Großvater aber war blonder, schlanker, hochgewachsener Bajuware – seine Vor- |5| fahren sind aus Baiern eingewandert.

Wenn Sie sich, hochverehrter Lehrer, aber wundern, wieso ich mich doch für unsere Kulturrasse so erwärme, dann will mir das ebenso scheinen, als wenn Einer sich wundern wollte, wieso gerade Sie sich, da Sie doch ein ächter Deutscher sind, für das Vulgärlatein begeistern konnten – und ohne innere Begeisterung für Ihr Hauptforschungsgebiet hätten Sie doch Ihr berühmtes Werk3 nicht geschaffen – noch schaffen können!

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Ich kann nämlich unmöglich zugeben, daß irgend ein Ehrgeiz und wäre er noch so stark, zu solchem Antriebe auszureichen vermöchte – mindestens die Wahl des Forschungsgebietes, wenn darin Hervorragendes und Dauerndes geleistet wird, kann immer in letzter Linie nur von Begeisterung für die Sache bestimmt sein.

Was das Hauskaufen angeht so thut da erfahrungsgemäß Jeder, was er nicht lassen kann; genau so wie beim Heirathen – man kann keinem rathen dabei. Ich kenne nun zwar Ihren jetzigen Hausherrn gar nicht, möchte aber doch vor allen Dingen erforscht wissen, ob seine so plötzliche |7| Lust, das Haus selbst zu beziehen nicht eben damit zusammenhängt, daß er es auf diese Weise am sichersten und unter höchstem Preise an Sie loszuwerden hofft. Wenigstens Geschäftsleute, die durch ihr Lokal auf einen bestimmten Posten gewiesen sind, werden auf solche Weise, sobald sie nur einigermaßen credit- u. zahlungsfähig geworden, ganz Allgemein zum Kaufen getrieben. Es ist das ein häufig vorkommender Trick der Hausbesitzer – denn Alle wollen sie in Graz verkaufen und Keiner kann es, wenn nicht ganz besondere Glücksumstände eintreten und dazu liegt es nahe, das Glück eben herbeiführen zu helfen.4

Ich wünsche von Herzen, – wenn |8| Sie wirklich kaufen wollen, daß Sie nicht zu theuer kaufen und daß Sie es wenigstens nicht schon im ersten Jahre des Besitzgenusses bereuen – aber ausbleiben kann die Reue nicht – sie kommt spätestens, wenn die Reparaturen angehen – haben Sie aber auch noch Mietsparteien – dann kommt sie schon früher.5

In hochachtungsvoller Verehrung

Ihr

Ergebenster

Harpf


1 Harpf erklärt in diesem Brief die Grundlagen seiner „Rassentheorie“, die der „langköpfigen“ Menschen besondere Fähigkeiten zuspricht.

2 Harpfs Vater Johann Baptist war Kapellmeister und Komponist; seine Mutter hieß Marie Hellmann.

3 Schuchardt, Der Vokalismus des Vulgärlateins, Leipzig: Teubner, 1866-68, 3 Bde.

4 Dieser Briefpassus liefert eine Erklärung für Schuchardts Entscheidung, noch im vorgerückten Alter von 64 Jahren in der Johann-Fux-Gasse 30 eine bemerkenswerte Villa zu bauen.

5 Vgl. den folgenden Brief HSA 04379.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04378)