Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (14-04377)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

26. 10. 1906

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (14-04377). Leoben, 26. 10. 1906. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7955, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7955.


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Leoben 26/10.06.

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Haben Sie besten Dank für Ihr frdl. Billet, das ich heute erhielt und dessen ich mich von Herzen freue, und das mir zeigt, daß mein verehrter Lehrer meiner gedenkt. Ich war dieses Jahr nur ein Mal in Graz und während meines dortigen Aufenthaltes derart von |2| Geschäften bei meinem dortigen Hause – für das ich einen andern Verwalter anstellte – in Anspruch genommen daß ich gar keine Besuche machen konnte. Dieses leidige Haus verleidet mir noch ganz Graz. Jetzt habe ich baare 18000 fl darin stecken – das Andere ist Sparkassa – und beziehe davon 2% – ungerechnet die ewigen Scherereien – ich rathe Ihnen – kaufen Sie sich niemals ein Haus in Graz. |3| Graz ist der schlechteste Ort der Erde – für Hausbesitzer. Was Sie rein wissenschaftliches Interesse an der Kassenfrage nennen ist für mich nur Mittel – Sie wissen ja, hochgeehrter Herr Hofrath aus meinem M. u. Abdld.1 daß ich eine Wissenschaft, die nichts als wissen und gar nicht ins Leben eingreifen will – für graue Theorie halte, die ebenso gut ungewußt bleibt. – Das ganze Alterthum – bis zur Zeit der alexandrinischen Wissenschaft, der die unserer |4| Zeit aufs Haar gleicht – hätte hell gelacht wenn man ihm von einem Wissen gepredigt hätte, das nichts als Wissen sein will. Uebrigens gestatte ich mir auf das Cap VII, „unser Gegenwartsziel“ Morg. u. Abdld. S. 316 zu verweisen, wo ich meinen bezüglichen Standpunkt deutlich auseinander gesetzt habe. Die Zustände im Reiche verfolge auch ich mit tieffer Bekümmerniß. Ich denke sie sind die Vorboten eines großen |5| europäischen Krieges, der sicher keine 10 Jahre mehr auf sich warten läßt und auch dringend not thut – je eher – desto besser. Meine nächste Flugschrift – die ich in Aegypten schreiben will – soll über den Krieg handeln.2

Wenn ich bei meiner demnächstigen Durchreise in Graz nicht wieder mit Unannehmlichkeiten überlastet bin, die mir Al- |6| les verleiden, da sie mich jetzt allemal zuerst im Kopf angreifen, was ich früher nie gekannt habe – so möchte ich mir gern die Ehre geben, Sie zu besuchen, – und ein solcher Besuch war ja für mich immer von großem Gewinn, da ich niemals davon ohne wichtige Gedankenanstöße nach Hause kam, – wenn auch oder |7| besser eigentlich gerade weil dann erst deutlich der Gegensatz zu mancher heute herrschenden Anschauungsweise in mir lebendig und bewußt wurde.

Mit hochachtungsvollem Grusse Ihr Ergebenster
Harpf


1 Harpf, Morgen- und Abendland. Vergleichende Kultur- und Rassenstudien, Stuttgart: Strecker & Schröder, 1905.

2 Harpf, Die Zeit des ewigen Friedens, eine Apologie des Krieges als Kultur- und Rassenauffrischer, Rodaun b. Wien: Ostara, 1908. – Die „Ostara“ war eine von 1905 bis 1917 von dem österr. Publizisten Jörg Lanz von Liebenfels hrsg. Schriftenreihe mit stark rassistischer Ausrichtung. Sie fand in Adolf Hitler einen interessierten Leser.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04377)