Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (12-04375)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

12. 05. 1905

language Deutsch

Schlagwörter: Stradner, Josef Schuchardt, Hugo (1905) Schuchardt, Hugo (1898) Harpf, Adolf (1905) Lange, Ernst (1906)

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (12-04375). Leoben, 12. 05. 1905. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7953, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7953.


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Leoben, den 12/V 19051

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Gern wäre ich einem Herzenswunsche gefolgt und hätte mich auf der Rückfahrt aus dem Süden auch diesmal wieder von Ihrem Wohlbefinden überzeugt, auf welches mich das frische, geradezu jugendliche Tempo in der Festschrift für Mussafia2, wie ich hoffe, – mit Recht schließen läßt, wenn es anders wahr ist, was Nietzsche in „Jenseits von gut und böse“3 u. zw. im 28sten Aphorismus des zweiten Hauptstückes sagt, daß das Durchschnittstempo des Stiles – auf den „Stoffwechsel“ zurückführt. Es ist ein „presto“ in der Sprache dieser Festschrift, welches Nietzsche dem Deutschen überhaupt „beinahe“ abspricht und das freut mich meines hochverehrten Lehrers halber – wenn ich auch, wie Sie ohnehin wissen, dorthin nicht folge, wohin Sie eigentlich in Ihrer Argumentation hinauswollen welche dieselbe ist, wie in Ihrer seinerzeitigen französischen Schrift über die Tschechen4, worüber Sie meinen Standpunkt aus meinem damaligen Briefe vielleicht noch in Erinnerung führen.

Universalismus auf dem Geistesgebiete ist Vorzug und Reichthum deutscher Kultur, ohne ihn könnten wir nur rückschreiten, aber die Folgerungen auf das politische Gebiet kann ich heute so wenig wie vormals theilen.

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Daß ich Sie auf meiner Durchfahrt in Graz diesmal nicht besuchen konnte, daran war der verschnupfende Empfang schuld, den mir die heimatliche Erde in Form einer ächten Triestiner Bora gleich bei der Landung bereitete. Als ich vollends durch meine grüne Mark gefahren kam, war es so kalt und regnete ächten Alpenschnürleregen, daß ich nach der Wärme der aegyptischen März- und Aprilchamsîne5 nichts Eiligeres thun konnte, als hinter meinen wohlgeheizten heimatlichen Ofen zu flüchten, wollte ich nicht wieder wie in früheren Jahren ein mehrwöchentliches Krankenlager riskieren, dem ich diesmal in der That glücklich entrann.

In nächster Zeit erscheint mein Buch: „Morgen- und Abendland“6, die Frucht meiner mehrjährigen Reisen und Aufenthalte im Oriente. Die Nachricht der „Tagespost“ v. 27. v. M., daß es schon erschienen sei, beruht auf einem Irrthume, indem H Stradner7 wohl die Voranzeige des Verlegers – welche ich auch hier beilege8, – in der Schnelligkeit der Niederschrift einer Zeitungsnotiz für die Anzeige des bereits erfolgten Erscheinens genommen haben mag. Das Buch ist ein kulturgeschichtliches, aber allerdings nicht im akademischen Tone oder Stile gehalten, weil ich es auf gebildete deutsche Leser im Allgemeinen absehe, die mitdenken wollen und können, wobei ich gleichwohl glaube, daß ich darum der Forderung nach Gründlichkeit des Denkens und Genauigkeit des Beob- |3| achtens nicht im Geringsten etwas vergeben habe9. Ich gestatte mir nun die Frage, ob Sie vielleicht in der Lage und geneigt wären, mein Buch in irgend einer Zeitung oder Zeitschrift zu besprechen10. Ich stelle diese Frage, weil ich mir Ihrer Antheilnahme an meinen Orientbeobachtungen bewußt bin und hoffen zu dürfen glaube, daß Sie meinen schriftstellerischen Bestrebungen auch fernerhin Ihr förderndes Interesse wahren. Sollte Sie das Buch nach dessen Durchsicht zu einer Betrachtung nicht anregen können, so haben Sie ja selbstverständlich mit einer allfälligen Bereitwilligkeit dennoch Ihrer endgültigen Entschließung in keiner Weise vorgegriffen.

In diesem Sinne Ihrer geneigten Nachsicht entgegensehend zeichnet

Ihr hochachtungsvoll

ergebener Schüler

DrAdolf Harpf
z. Z. Leoben in Steiermark


1 Briefkopf „Obersteirische Volkszeitung“ gestrichen.

2 Hugo Schuchardt an Adolf Mussafia, Graz: Leuschner & Lubensky, 1905.

3 Erstausg. Leipzig 1886

4 Schuchardt, Tchèques et Allemands. Lettre de M. Hugo Schuchardt, Correspondant étranger de l’Institut de France à M. ***, Paris: Welter, 1898. – Vgl. dazu HSA 04365.

5 Arab. Name für den Scirocco.

6 Harpf, Morgen- und Abendland. Vergleichende Kultur- und Rassenstudien, Stuttgart: Strecker & Schröder, 1905.

7 Josef Stradner (1845-1921), Publizist und Schriftsteller in „Wien; vgl. HSA 11297-11303.

8 Nicht erhalten.

9 Vgl. die Rez. von Ernst Lange, in: Die neue Zeit. Wochenschrift der deutschen Sozialdemokratie 24.1905-1906, 2. Bd.(1906), H. 30, 142 – 143. Die Rez. schließt: „Daß dieses neue Dogma der Rasse so viele Anhänger findet, ist ein Zeichen für unsere moderne deutsche Kultur, und darum darf man diese Bewegung nicht unterschätzen; sie ist der Ausdruck eines kritiklos um sich greifenden und darum politisch gemeingefährlichen germanischen Chauvinismus“.

10 Kein Nachweis.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04375)