Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (09-04372)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Leoben

01. 08. 1903

language Deutsch

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (09-04372). Leoben, 01. 08. 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7950, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7950.


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Dr. Adolf Harpf Herausgeber der Obersteirischen Volkszeitung
Buch- und Kunstdruckerei Verlag des Obersteirischen Schreib-Kalenders Behördl. conc. Ankündigungs-Anstalt
Postsparkasse-Check- Leoben, den 1 / 8. 1903
Conto Nr. 818.766. (Josefé, Südbahnhofstr. 158)

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Die Stelle in Gobineau welche Sie im Sinn haben1, ist unter meinen ausführlichen Exzerpten. Sie steht in der Ausgabe von 1898 und in der zweiten Auflage v. 1902 in der Schemann’schen Übersetzung auf Seite 132 des I. Bandes zur zweiten Anm. Dieser Seite betreffend die Ablehnung eines zwar in der Bretagne geborenen, aber nicht rassegleichen Pfarrers stimmt, was Ernst Renan in seinen Essais de morale et de critique über die Selbstabsonderung der Kelten in Rasse u. Kirchentum S. 380 ff. ausführt. Zum Schlußsatze dieser zweiten Anm. Gobineaus2 über das verpönte Freien der Bretonin außerhalb des eigenen Volkes ist H. St. Chamberlains Vorw. zur 4. Aufl. der Grundlagen: „Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom“ (1903) gehörig, wo S. 11 genau dieselbe Sitte für die Hochthäler Tirols aus Schurtz „Altersklassen“ 19023 gezogen wird und ich selbst weiß, daß ganz dasselbe für die Krakau, abseits von Murau und überhaupt fürs Lungau gilt. Die Zug’roasten bleiben noch nach Generationen unebenbürtig zur Heirat. Das Alles stimmt aber nicht gegen – wie ich Sie zu verstehen glaube, – sondern ich ziehe es im Gegentheile für meine Stellung zur Dialekt= und Heimatdichtung an. Eben weil jene Bauern überall eine „geheimnisvolle prähistorische Rasse“ sind und sich auch als solche fühlen und absondern, eben weil die Dialekte und ihre |2| Verschiedenheiten weiters selbst nicht anders, als der Rassen=Niederschlag solcher Fremdelemente, die unsere Sprache zwar annahmen, aber dabei natürlich ihren Sprachwerkzeugen und Gehirn und Sprachorganen gemäß wandelten, sind – ist es doppelt widersinnig, diese Dialekte im deutschen Schriftthum zur Geltung bringen zu wollen. Sie sind als Niederschläge fremden Rassenthumes unserem Volksthum im Allgemeinen fremd und haben daher innerhalb unseres Schriftthums als Ausdruck fremdrassiger Eigenart erst recht keine Daseinsberechtigung, – können eben daher auch nur zersetzend auf unser hochdeutsches Schriftthum wirken. Oder ist der Geist Rosegger’scher Bauerngestalten4 vielleicht deutscher Geist? Sehen Sie nur einmal Rosegger selbst an. Fast photographisch genau denselben Kopf mit den kleinen verschmitzten Augen, der wie aus Holz geschnitzten Nase und der Spitze des dreieckigen Gesichtes im Kinn fand ich bei Schweizern wieder. Ich fragte einen derselben sogar, ob er mit der Familie unseres Roseggers nicht verwandt sei, so frappirte mich auf den Blick eine ausgesprochene Familienähnlichkeit. Und die Schweizer haben doch bei sich zu Hause schon zu Zeiten Tells und Winkelrieds Alles, was zweifellos deutschen Blutes war, – ausgemerzt. Kann ein solcher Typeneinklang zwischen dem Sohn aus den äußersten deutschen Ostalpen und Volkstypen aus der Schweiz Zufall sein?

Und auch gerade deshalb weil – wie Sie mit vollem Grund selbst hervorheben, die Bauern „nie Nationalitätsgefühl sondern nur Heimatsinn“ haben – kann ihr Geist und ihre Sprache im völkischen Schriftthum die Stelle nicht behalten, die sie heute an Seiten der Dialektdichter beanspruchen, soll nicht unser |3| neuhochdeutsches Schriftthum und einheitliche Sprache selbst darunter leiden. Das und nichts weiter aber habe ich zuerst schon in meinen „Deutschvolklichen Sagen u. Singen“ 18985 und nun im Aufsatze zur Heimatdichtung wiederum behauptet. Berlinismen sind wie Austriacismen eben auch dialektische Abweichungen von der Schriftsprache und fallen somit einfach auch unter das vom Dialektwirrsal im heutigen Schriftthum und seinen schädlichen Folgen von mir Gemeinte und Ausgeführte, sobald sie ins Schriftthum eindringen.

Das Wahren des sprachlichen Einheitsbandes der Nation ist aber noch lange nicht gleichbedeutend mit Centralismus, als welcher sich an eine Örtlichkeit, ein bestimmtes Centrum knüpft. Sprachlicher, an eine solche Örtlichkeit geknüpfter Centralismus ist auch – wie Sie mir wohl zu verstehen geben, doch nicht die notwendige Folge jenes Einheitsstrebens, das ich forderte – wie Französisch trotz des denkbar strammsten Centralismus doch nicht Pariser Patois geworden und Italienisch nie gleichbedeutend mit dem Romagnolischen wird, wie Schriftenglisch sich von der Sprache des Londoners trotz |4| Zentralismus merklich abhebt und die Sprache der Wiener Hofkanzlei nicht einfach Neuhochdeutsch geworden ist, wenn sie dessen Bildung auch anbahnen geholfen hat. Wohl aber führt umgekehrt sprachliche Zersetzung immer und überall – wenn auf dem Gebiete der Schriftsprache zur Herrschaft kommend – politische Zersetzung und Untergang der Nationen herbei, wie Gioberti6 so schön sagte. Für Centralismus, der sich an eine Örtlichkeit heftet, bin ich überhaupt nie und nirgends eingetreten und namentlich nicht auf geistigem Kulturgebiete, denn da könnte er gewiß nur zur schrecklichsten Verarmung des Geisteslebens führen. In einem Aufsatze der demnächst in Eisenach unter dem Titel: „Was soll uns eine Deutsche Hochkirche?“7 – vereint mit anderen Kundgebungen gegen jüngste Bestrebungen des Deutschen Kaisers auf Unifizirung und Uniformirung, sowie Berlinisirung der evangelischen Landeskirchen Deutschlands erscheint, habe ich diese Meinung für den Stand der religiös-deutschen Entwicklung auseinandergesetzt und werde mir erlauben, Ihnen die ganze Schrift nach Erscheinen zugehend zu machen.

Überflüssige Fremdwörter meide ich wohl gern wo sie mir aufstoßen. Aber vielsprachige Vorbildung und namentlich philosophisches Denken, dem leider die Form nicht gewachsen ist, läßt sie mich zu meinem eigenen Leidwesen oft nicht einmal empfinden. Das ist gewiß ein schwerer Mangel meines Stils, gegen den ich mit wenig Erfolg, aber doch fortgesetzt ankämpfe. Uebrigens ist doch immer das, was man zu sagen hat, die Hauptsache und in der wissenschaftlich gerichteten Prosa wenigstens das genaue getroffene Gedankenbild wichtiger, als sein Rahmen. Ich hoffe Sie, hochgeehrter Herr Hofrath – demnächst in Graz zu begrüßen.

Ergebenst
Harpf


1 Harpf antwortet hier vermutlich auf eine briefliche Kritik Schuchardts an seiner Schrift Aus Heimat und Fremde bzw. seinen Aufsatz zur „Heimatdichtung“ und wendet sich vermutlich gegen eine enge Verbindung von „Rasse“ und Sprache.

2 Arthur de Gobineau, Essai sur l’inégalité des races humaines, 1853-1855 u. ö.

3 Heinrich Schurz, Altersklassen und Männerbünde; eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft, Berlin: Reimer, 1902.

4 Peter Rosegger, Als ich noch der Waldbauernbub war, 1902 u. ö.

5 Harpf, Ueber deutschvolkliches Sagen und Singen. Streifzüge im Gebiete deutschen Schrift- und Volksthums, Leipzig: Werner,1898.

6 Vincenzo Gioberti (1801-1852), ital. Politiker und Philosoph („Ricordi a chi cale della patria comune, che secondo la comune esperienza, la morte delle lingue è la morte delle nazioni“).

7 Kein Nachweis.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04372)