Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (06-04369)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Kairo

20. 03. 1903

language Deutsch

Schlagwörter: Spitzer, Hugo

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (06-04369). Kairo, 20. 03. 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7947, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7947.


|1|

Abbasîah 20/3.03.

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Nach einer bösen Influenzawoche, die bei mir und all‘ den Meinen mit Hals- und Mandelgeschwulsten, bei meiner Schwarzen1 auch mit einem Ohrengeschwür einhergieng – und sie neigen alle sehr zu dergleichen – kann ich Ihnen erst heute für Ihr freundliches Schreiben vom 13. d. M. danken. Endlich muß es doch auch heuer noch warm werden, in anderen Jahren wären Sie um diese Jahreszeit kaum mehr im Oberlande – vielleicht überhaupt schon vor dem Chamsînen2 übers Meer verweht worden. Wenn Sie schon jetzt bei geringen Aufregungen über unstillbaren Durst klagen, |2| wird Ihnen meine dringende Warnung vor Anstrengungen bei eintretender Hitze – die ich m. letzt. Schreiben anfügte3, nicht mehr unbegründet erscheinen. Ich wiederhole daher, daß es höchste Zeit ist, wenn Sie überhaupt etwas in Oberägypten ansehen wollen – wird es aber wirklich warm, dann unterlassen Sie es lieber für heuer – Sie kommen ja doch wieder, da Sie nun einmal schon – Nilwasser kosteten. So denke auch ich bezüglich der Fayum4- und Mengalehfischerei5, die ich für heuer jedenfalls nicht mehr weiter verfolgen kann, wenn ich überhaupt jemals dazu komme, was ich sehr bezweifle, da umfassende Vorstudien notwendig wären, um es überhaupt mit entsprechendem Erfolge zu können. Das aber würde mich von meinen |3| übrigen Studienplänen abziehen, die mir ohnedies schon viel zu sehr in die Breite zu gehen drohen, – für mein Alter nämlich, das zur Sammlung und zum Ärnten mehr, als zu frischer Neusaat die Zeit ist.

Gestern habe ich mir einen Platz in der zweiten Klasse der, um den 18. April nach Triest abgehenden Semiramis in der hiesigen Lloydagentur bestellt, – die Schiffe sind um jene Zeit meistens übervoll und die – Letzten beißen die Hunde.

Ich hätte in Ihrem geschätzten Schreiben gerne eine Auskunft gefunden darüber, wie sich Meerbarben und Meeräschen unterscheiden und ob beide nicht dieselbe Art bezeichnen. Vielleicht sind Sie so gütig mir demnächst darüber Ihre Mittheilung zukommen zu lassen.

|4|

Gestern erhielt ich Prof. Dr. H. Spitzers6 Vermählungsanzeige über Léoben nachgesendet – ich gratulirte sofort und komme ich auch post festum mit meinem Glückwunsche, so dachte ich mir, daß man Glück im Ehestande je später eher – denn früher brauchen kann.

Ich bin jetzt in meinem Studium hier sehr gehemmt und gedenke auch hauptsächlich deshalb heuer früher als in anderen Jahren nach Europa zurückzukehren. Vor zwei Monaten kam nämlich ein neuer Generalkonsul Baron Braun7 – eine Protetionskreatur erster Güte – hier an. Er soll Sohn oder sonstiger Verwandter des ehem. Directors der Hofkanzlei, des alten Bar. Braun sein. Solche Leute brauchen natürlich auf die misera contribuens plebs, zu der ich gehöre, am Wenigsten Rücksicht zu nehmen, sie haben das ja ganz und gar nicht nöthig – zum |5| Fortkommen, dem einzigen Ideale ihres armseligen Daseins! Während nun sein Vorgänger de Velics8 mir alljährlich die von der Bibliothek verlangte und vom aegyptischen ministere de l’instruction publique vorgeschriebene Gutstehung gab, damit ich Bücher aus der Khedivialbibliothek nach Hause nehmen kann, hat mir Baron Braun diese Gutstehung direkt abgeschlagen, – weil ich Bismarcks Kopf an der Uhrkette trage auf den er ausdrücklich hinwies, als ich mich aufhielt, daß man als oesterr. Staatsbürger nicht einmal eine – leere Gefälligkeit haben kann, die an sich doch eine bloße Formsache ist. Den Bismarckkopf aber habe |6| ich von meiner Mutter9, die eine geborene Preussin war und ihr zu Ehren werde ich ihn auch tragen trotz Braun und Consorten. Aber hätte ich den Bismarck auch nicht von meiner preußischen Mutter, so ist es doch bezeichnend, daß man als Oesterreicher der äußersten Ausbeutung durch Steuern aller Art ausgesetzt ist, wogegen das Tragen eines Bismarckkopfes keinerlei Hinderniß bedeutet, – aber die geringste u. zw. keinerlei verursachende Gefälligkeit seitens der, aus meinem Arbeitsvertrage miterhal- |7| tenen Bureaukratie unmöglich zu verlangen ist.

Ich werde nicht verfehlen, das wertvolle Erlebniß einmal bei gegebener Gelegenheit öffentlich entsprechend zu beleuchten und diese Gelegenheit wird sich dort ergeben, wo es zur Erörterung der Frage kommt: Welchen Nutzen und Zweck haben für den Staatsbürger unsere ausländischen Konsulate und Botschaften?

Entschuldigen Sie, daß ich Sie mit diesem Stoßseufzer, der Sie ja gar nicht berühren kann, molestiere, aber es erleichtert doch – vor der Hand wenigstens.

Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr Hofrath, den Ausdruck meiner ganz ausgezeichneten Hochachtung womit ich zeichne als

Ihr Ergebenster

DrAdolf Harpf à Abassîeh près du Caire en Egypte
Propriétaire
service de poste à domicile


1 Gem. ist seine ägyptische Frau.

2 Trockener heißer Wüstenwind (Scirocco).

3 Dieses Schreiben ist nicht erhalten.

4 Neolithische Kultur des prädynastischen Ägypten.

5 El-Mengaleh, das alte Leontopolis im Nildelta.

6 Hugo Spitzer (1854-1937), österr. Philosoph und Soziologe, Prof. in Graz, verh. 23.2.1903 mit Irene Stepischnegg, Tochter des Dr. J. Spitzer, Advokat in Cilli.

7 Vgl. HSA 04368.

8 Ludwig Velics von Lászlófalva, österr. Berufsdiplomat

9 Marie Hellmann (keine näheren Angaben).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04369)