Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (05-04368)
von Adolf Harpf
an Hugo Schuchardt
06. 03. 1903
Deutsch
Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (05-04368). Kairo, 06. 03. 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7946, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7946.
RESTAURANT LA THESSALIE
S. COLOCOUVAROS Le Caire 6/3 1903
CAIRE-EGYPTE
Hochverehrter Herr Hofrath!
In aller Eile, da ich viel in der Bibliothek nachzulesen habe und der neue österr. Generalkonsul Bar. Braun1 so ungefällig ist, mir nicht mehr gutzustehen, damit ich Bücher ins Haus nehmen könne, – gestatte ich mir auf Ihr geehrtes v. 2. d. M. Folgendes zu antworten: Locanda iskanderani und mein Skanderani’s Hotel im Kenek ist zweifellos dasselbe. Schmude’s Empfehlungen sind jedenfalls nützlich! Wenn Sie von Luksor aus Keneh2 besuchen, so ist das nicht unpraktisch – aber unmöglich können Sie an Rückfahrt um 11 Uhr 53 Mitt. denken, da Denderah3 weit ist und Sie sich mit einer Hetzjagd zum Schlusse behufs rechtzeitiger Ankunft auf dem Bahnhof nicht einlassen sollen. Vor 8 Uhr Morgens aber ist Aufbruch nach Denderah kaum möglich, sonst müßten Sie vielleicht am Nil auf die Ueberfahrt warten und hätten also nichts gewonnen. Bezüglich Tel-el-Amarna4 kann ich leider keine Auskunft geben, weder das Dampfboot vor 4 Jahren hielt dort an, noch habe ich es diesmal besucht – obwohl es mich als Stadt des monotheistischen Revolutionärs auf dem Throne der Pharaonen ganz besonders interessiren würde, davon Unmittelbares zu erfahren da ich über diese monotheistische Revolution im alten Aegypten Einiges zu schreiben hätte.
Die Schiffe halten meines Erinnerns auf der Thalfahrt wohl in Baljana an, ich weiß aber nicht ob in Siut und jetzt auch in Tel-el-Amarna? |2| Benni Hassan5 können Sie meines Erachtens mit dem 8 Uhr Frühexpress von Cairo aus machen, Sie sind rasch fertig damit, es ist im Vergleich zu dem was Sie bereits im Bibân el Melûk6 erfahren haben – rein nichts. Unterkunft ist jedenfalls in dem ekligen Nest mit noch ekligeren Leuten nicht zu haben. Sie thun ganz richtig sich den Reisegenuß nicht durch die Sorge ums Sparen zu verkümmern, ich thäte es an Ihrer Stelle auch nicht, glaubte aber daß Ihnen Anhaltspunkte wegen dem Preise nicht unwillkommen wären – zumal man nirgends im Oriente sicher ist, ganz unverschämt übers Ohr gehauen zu werden was doch wieder bei aller Gleichgültigkeit der Preise nicht zu den Annehmlichkeiten gehören kann.
Sie haben ganz richtig u. A. auch an meine Vaterschaft erinnert und diese besteht, wie ich Ihnen mittheilen muß in doppelter Hinsicht – in Europa habe ich eine große Tochter7 mit meiner Frau, die ich schon kannte, als ich noch bei Ihnen in die Schule gieng. Auch das Kind kam schon damals an und ich hielt mich daher verpflichtet die Frau nachträglich zu heiraten. Ich habe mit ihr, die 6 Jahre älter ist8, im Allgemeinen auch ganz gut aufgehaust, aber meine Familie, – voran meine Mutter hatte doch nicht Unrecht, als sie von dauernder Verbindung abriethen. Seit einigen Jahren habe ich mir nun in Aegypten ein zweites Weib, eine junge Mulattin vom Denkastamme9 gemischt mit Koptenblut, zugelegt und habe mit derselben nun zwei kleine Kinder. |3|[ Kopfbogen wie oben, Seitenangabe II]
Ich theile Ihnen das alles jetzt mit, damit Sie nicht einmal vor eine Thatsache treten, die – ich weiß es nicht, wie Sie darüber denken – Ihr moralisches, oder Rasseempfinden, oder dgl. m. verletzten könnte, – wozu ich auch durch Unterlassung einer Mittheilung nun einmal bestehender Thatsachen nicht die Ursache geben möchte.
Außer der Rücksicht auf meinen Nachwuchs hat aber mein Sparen hauptsächlich den Zweck den Arabern, die sich bei jeder Gelegenheit über die dummen Europäer so gern ins Fäustchen lachen, – meinerseits diese Genugthuung nicht zu gewähren, denn Nobelsein erachtet der Araber beim Europäer stets nur als selbstverständliche Dummheit. –
Den Bischir10 müßte man in Spiritus in einer weithalsigen Flasche befördern – wenn Sie einen solchen nur in einem Kistel bis Kairo schicken könnten, würde ich ihn gerne selbst nach Europa mitnehmen. – Nun aber sollen Sie sich schon mit der Beendigung der Ausflüge in Oberaegypten beeilen, denn ganz plötzlich können die Südwinde eintreten und dann möchte ich Ihnen nicht zu Anstrengungen rathen. Ist denn die Äsche nicht auch eine Barbe? Ich glaubte die beiden Namen sind nur dialektisch im Deutschen verschieden!
|4|Einen arabischen Lehrer weiß ich nicht – ich habe von solchen Nichts profitiren können. Gutes Vulgararabisch aber können Sie jedenfalls in dem American Mission11 hören – die Stunden stehen am Hausthor angeschlagen. Das arabische Theater ist in der Abdul Aziz neben dem Bierhaus unseres Landsmannes Wittowetz12 wo man die endlosen Zwischenakte zubringt. Ich war vor längerer Zeit in einem endlosen Stück mit mindestens 8 Akten. Die Akteure waren größtentheils syrische Araber. Eine französische Königin ließ ihren Günstling fallen an allen vieren in Ketten legen und besucht ihn nun im Kerker am Vorabend der Hinrichtung, um sich in ächt arabischem Edelmuthe an seiner Verzweiflung zu weiden. Er jammert in endlosen Tiraden zum Steinerweichen, als er endlich noch in den höchsten Fisteltönen und arabischen 1/3 Tönen zu singen beginnt, muß auch das Eis vom Herzen der Meleka13 schmelzen, die ihn selbst losmacht. – Ich beneidete meinen schwarzen Freund Achmed Saïd el Bakri, der Schreiber an der Hakanîje14 ist, – er schnarchte bereits längst in seinem Sperrsitz, als das Stück um ½ 12 Uhr zu Ende war. Ein anderes, vulgäreres Theater war auf dem großen Platze der Markthalle, ist aber eingegangen, und auch das Kaffe mit dem Märchenerzähler, das früher neben Witowetz‘ Bierhalle war hat längst einem griechischen Lokal weichen müssen. – Beim Burifang15 ist es mir auch vor allem unklar, wie man das Netz zweiseitig aufrollt – da es doch Stangen zum Hochhalten am Rande hat.
Genehmigen Sie, hochgeehrter Herr den Ausdruck meiner besonderen Hochachtung
Dr. Adolf Harpf
1 Adolph von Braun (1819-1904)? Identifikation nicht sicher. Der Name fehlt in Deusch, Die effektiven Konsuln, 2017.
2 Stadt in Oberägypten.
3 Dendera ist ein Ort im oberägyptischen Gouvernement Qina mit einem archäologisch bedeutenden Hathor-Tempel, 55km nördlich von Luxor.
4 Archäologische Fundstätte am Ostufer des Nils in Mittelägypten, im Gouvernement al-Minya.
5 Bekannt für seine Felsengräber.
6 „Tal der Könige“ (Bibân el-Molûk)
7 Hilde Harpf (1882-1938), Ps. Hilde Hagen, La Harpe-Hagen, Heinrich Spiller, verh. Spur, Schriftstellerin, Journalistin und Sängerin, vom Vater unterrichtet; vgl. Ilse Korotin (Hrsg.), biografiA. Lexikon österreichischer Frauen, Wien: Böhlau, 2016, Bd. 1, 1196.
8 Harpf war verh. mit Anna Pausch aus Heiligenkreuz am Wasen, Steierm. Von seiner ägyptischen „Zweitfamilie“ war bisher wenig bekannt; in Wer ist’s? findet sich kein entsprechender Hinweis. Zu einem „völkischen“ Vorkämpfer passt, ohne moralisch zu werten, ein derartiges Doppelleben nur schlecht. In Morgen- und Abendland. Vergleichende Kultur- und Rassenstudien, Stuttgart 1905, bezeichnet Harpf die arische Rasse als der der tiefer stehenden, dunkleren, in allem minderwertigen sklavischen Rasse in allem überlegen. – Markus Osterrieder, Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg, Stuttgart: Freies Geistesleben, 2014, schreibt dazu: „Der im untersteirischen Marburg / Maribor tätige ADOLF HARPF (1857-1927), nach 1905 Mitglied in der ,Guido von List-Gesellschaft‘ sowie Mitarbeiter bei den in Österreich erscheinenden, völkischen Ostara-Heften, die zur Lieblingslektüre des jungen Hitler zählten, gab 1905 in dem unter dem Pseudonym Adolf Hagen verfaßten Buch Der völkische Kampf der Ostmarkdeutschen zum Besten: ,Der völkische Kampf tobt heute von der Ostsee bis zur Adria‘. Der ,vielsprachige Völkerbrei‘ der Monarchie bedürfe der ,Schärfe der strafenden Rute‘“ (es folgen weitere Ausführungen über die notwendige Zurückdrängung der Slaven in der Donaumonarchie) [S. 235f].
9 Heute meist „Dinka“, afrikanische Ethnie im Südsudan.
10 Polypterus bichir, Nil-Flösselhecht, vgl. HSA 04367.
11 Einrichtung der United Presbyterian Church of North America, seit 1854 in Kairo, mit dem Ziel, koptische Christen zum Protestantismus zu bekehren.
12 Keine näheren Angaben; der Name wird mal Wittowetz, dann Witowetz geschrieben.
13 „Königin“.
14 Gem. „Hakimija“ (Verwaltungsbehörde)?
15 Buri, Fisch aus dem Roten Meer.
