Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (04-04406)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Kairo

1903

language Deutsch

Schlagwörter: Pichler, Fritz Maspero, Gaston

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (04-04406). Kairo, 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7945, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7945.


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[Anfang 1903]
Abassia (Stadtteil von Kairo)1

Von Luxor um 5 Uhr N. M.2 abgefahren kam ich nach einer Stunde in Keneh3 an, wo eben großer Rummel – das 14 Tage dauernde Mulid4 des Ortsheiligen Abdurrachîm war, eine Kaffeebude mit Ghagartänzerinnen neben der anderen – meistens sehr übertragene Exemplar aus dem Ghagarstamme5, das gleiche ein Circus, in dem der arabische Clown die Späße seiner europäischen Collegen nachahmte. Ich kehrte mit Empfehlungsbrief Schmudes6 zuerst beim osterreichischen Konsul Girgis Daûd ein, den ich nicht zu Hause fand, da er in Gharle, auf dem Westufer auf seinen Gründen weilte. Kindergeschrei und allzu arabische Einrichtung des Hauses ließ mich die Einladung zum Uebernachten dankend ablehnen, auch kommt man mit nichts vom Fleck, wenn man beim Araber wohnt. Staune schwaje hin und her7, bis gegessen und getrunken, geraucht |2| und Kaffe geschlürft ist und so ließ ich mich in Skanderani’s Hotel bringen, wo ich ich ein für Keneh sehr schönes Zimmer mit reinem Bett um 1 ½ Franken bezog – er nimmt von Fremden sonst mehr, aber ich kenne den Rummel in Ägypten, handle arabisch, reise stets nur in Geschäften, erkundige mich vorher, was Landeinheimische zu zahlen pflegen und zahle dann prinzipiell nicht mehr. Stiefel muß man sich auf der Straße putzen lassen. Gerade gegenüber, mit dem Eingange nach S. W. ist ein reinliches arabisches Restaurant, wo man appetitlich bereitete Fleischspeisen zum üblichen Preise von 2 bis 2 ½ P. E.8, Suppe 1 P. E. Salat ebenso bekommt. Ich aß am folgenden Tage 2 Portionen Lammscoteletten, 1 gute Suppe mit einem Hühnerflügel darin Salat und 1 – allerdings landesüblich |3| grobes Brot und zahlte 7 ½ P. E. Im Hôtel selbst ist nur ein Café – kein Gasthaus. Am Abende meiner Ankunft aß ich beim oesterr. Consul, dessen Söhne Jussuf und Habîb sowie ein Neffe sich meiner bemächtigten. Es gab ziemlich dasselbe wie bei Schmude – reisgefüllte Taube, Fleischpolpetti, Kromb mit Machschi9 sehr gut eingesottenen Sfergel (Quitte), Taubensuppe, Früchte, Lôs und griechischen Wein sowie Cognac. Die Kopten fasteten an meiner Seite bei dem landesüblichen Fastenmuß aus Atz (Linsen), was10 auch ich mir geben ließ. Für den anderen Tag wurde verabredet, daß Jussuf um 7 Uhr früh mit mir nach Denderah11 aufbricht. Wer aber um 8 Uhr früh natürlich noch nicht da war, – das war natürlich mein ägyptischer Gastfreund. Ich kenne arabische Pünktlichkeit aus Erfahrung und wartete natürlich keinen Augenblick auf ihn.

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In der Stadt gieng es an einem imposanten Neubau vorüber, den sich der französische Konsul, ein anderer reicher Kopte, dem dort die ganze Straße gehört, errichtet.

Am Nilufer angelangt, wo ich mich samt Treiber und Esel zur Ueberfahrt einschiffte mußte ich energisch einschreiten, da der Schiffer noch eine Menge Fellachen, die aus der Ferne Zeichen gaben, daß sie noch mitwollten, abzuwarten sich anschickte. Läßt man es ruhig geschehen, dann ist des Wartens kein Ende und das Boot wird übervoll. Ebenso gieng es bei der Rückfahrt zu Mittag, wo ich zwei Fellachen, die sammt ihren Eseln herein wollten, nicht mehr mitnehmen ließ. Esel sammt Treiber nach Denderah einschließlich der 2maligen Ueberfahrt über den Nil kostet 10 P. E. – Bakschich dem Treiber ½ Fr. Dem Schiffer nach Belieben – 1 P. genügt.

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Ich gieng nach Denderah hauptsächlich um mir die Farbengebung der Nut12 nochmals genau anzusehen, denn das erste Mal in der Herde des Nildampfers hatte ich keine genügende Muße dazu gewinnen können, denn kaum hatte man einen Eindruck gewonnen, hörte ich an der Tête der Herde schon wieder den Anglodeutschen Gardener aus Chicago drängend sein Let us go on! kommandiren. So ergieng es mir auch in Abydos13 vor 4 Jahren, weshalb ich diese beiden Hauptdenkmäler nun in aller Muße nochmals ansah. Mich interessirt, wie gesagt, namentlich die Farbengebung der alten Aegypter und gerade hierin sind Denderah und vor allem Abydos großartig. Am Ma[m]misi14 neben dem Denderahtempel war es namentlich das Bild des misgestalteten |6| nichtaegyptischen Gottes mit dem Dickwanst und dem Affenschwanze, der mir ein zu architektonischem Ausdrucke gebrachtes - Rassenrätsel stellt.

Wollte ich um drei Uhr Nachmittags den Zug versäumen, so brauchte ich nur die neuerliche Einladung meiner koptischen Gastfreunde anzunehmen. Da ersteres nun entschieden nicht in meiner Absicht lag, – gieng ich, wie schon angedeutet, in’s arabische Restaurant und kam – nach kurzem Abschiede von den Kopten zum Zuge zurecht. Auf dem Bahnhofe kaufte ich von einem Araber, der dringend verkaufen wollte, weil er ein paar Piaster zur Mulidfantasia15 brauchte und offenbar schon sein ganzes Kleingeld verjubelt hatte, 7 ächte Ptolemäer- und Römer- |7| münzen aus Cu16 für – ½ Fr., die sonst kaum unter einem Schilling zu haben sein dürften. Ich will sie dem Regr. Fritz Pichler fürs Joanneum dediziren.17

In der Abenddämmerung kam ich in Báljana18 an und ließ mich zum Hause des österreichischen Konsuls Khalil Boutrous führen, den ich gleich dem Consul von Kenell nicht zu Hause antraf, aber sein Neffe, der französischer Konsul ist, war da. Es ist das überhaupt eine ganze Kaufmannsfamilie, die bald alle europäischen Großstaaten vertreten wird, denn der Bruder des französischen Konsuls – ist italienischer Konsul daselbst. Ich wurde von dem Vertreter Frankreichs, der Fares Boutrous heißt, freundlich aufgenommen und mir wurde sofort |8| ein nett eingerichtetes Veranda-Zimmer in einem eigenen Serailgebäude angewiesen, das die Familie eigens nur für ihre Besuche hat – und das ist in der That nöthig, denn in Báljana ist bis jetzt überhaupt kein Gasthof in dem man absteigen kann. Ich hörte, daß in Bälde ein solcher dort erst eröffnet wird. Die Familie Boutr[o]us hat es Uebrigens – ausgedehnte Terrains und eine Zuckerfabrik werfen mehr als das Nöthige dazu ab. Uebrigens braucht man bei Annahme solcher Gastfreundschaft seitens wildfremder Araber in Egypten keinerlei Flausen zu machen – der Orientale selbst hält solche Gastfreundschaft für selbstverständlich und ist nur aufrichtig gekränkt, wenn man nicht annimmt, was er zu bieten vermag. |9| Das ist wieder eine der schönen Seiten am Orientalen – es sind deren übrigens nicht allzu viele, wie man bald gewahrt, wenn man ihm einmal schärfer auf den Zahn zu fühlen vermag.

Am Abend kam zu meinem französischen Konsul der Englischlehrer der Regierungsschule von Báljana, gleichfalls ein Araber mit dem der Konsul nach einem Schulbuche seines Sohnes, das die englische Aussprache in arabischer Transcription wiedergibt, seine Englischlektion nahm. Bei dieser Transcription des Englischen durch arabische Schrift wurde mir wieder so recht deutlich wie mangelhaft das arabische Schriftsystem ist, das eigentlich nur zur Wiedergabe des Arabischen eignet und selbst da nur für denjenigen brauchbar ist, der die auszudrückenden Worte bereits kennt, |10| also das Arabische bereits vollständig beherrscht. Jedes arabische Wort, das der Araber noch nicht kennt, muß für ihn in seiner Schrift ein Rätsel sein, das er möglicherweise auch misdeuten kann und dessen Lösung ihm erst der gehörte Laut giebt. Englisch wurde übrigens auch in dem ganz abgelegenen Koptenkloster von Abu Mussâs und Sitte Dimiâna19 in der Wüste nördlich vom Abydostempel gelegen, betrieben und der koptische Lehrer ließ einen Schüler ein eingelerntes Lesestück ablesen, das er richtig ins Arabische übertrug. Ob er aber die Uebersetzung selbst nicht bloß eingelernt, sondern den englischen Text verstehen gelernt, daran zweifle ich mit Grund, denn als ich eine andere Buchseite aufschlug und übersetzt haben wollte, haperte es. Beide Vorkommnisse zeigen, |11| daß die Kopten jetzt wieder eifrig Englisch betreiben, nachdem es vor einigen Jahren geheißen, sie hören damit auf, – es war das damals, als es den Engländern in Südafrika schlecht gieng. Die Kopten waren ja stets kluge Beobachter des politischen Wetterhimmels, wie hätten sie sich sonst wohl mitten in der byzantinischen und dann der nicht gar viel ärgeren muhammedanischen Hochflut schwimmend erhalten können. Mich aber hatten die Kopten im Kloster offenbar zu Ehren meines weißen Tropenhelmes für einen Engländer gehalten und ich ließ es mir ausnahmsweise gefallen, lallte mein bestes Englisch, was ich sonst thunlichst vermeide und opferte auf dem Teller des koptischen Mönches zum Besten des englisch lernenden Klosters eine Münze, – höher als ich es als simpler deutscher Aegypten- |12| bummler gemacht – denn nicht minder als französische noblesse verpflichtet auch englische – splendid isolation, das fühlte ich nie so deutlich, als in dem Augenblicke, da der Kopte mit dem Sammelteller seinen tiefsten Bückling vor mir machte.

Während ich mit dem französischen Consul in Báljana noch bei seiner arabischen Englischlektion saß, kam ein französischer Tourist herein und nahm ebenfalls die Gastfreundschaft meines Wirtes in Anspruch, – er hatte sich in Báljana mit dem Museumsdirektor Maspéro20 Rendez-vous gegeben, der noch in derselben Nacht von der Inspektion der neuen Ausgrabungen in Biban el Melûk21 mittels Dahabîe22 ankam. Der Franzose ergieng sich in breitem Wortschwalle in den lobendsten und schmeichelhaftesten Ausdrücken über die arabische |13| hospitalité – ein Ueberschwang, den der Araber von seinem Standpunkte kaum begreifen mochte. Hinter einem Hügel, nördlich vom Abydustempel23 wurde mir in einer Bodensenkung der Wüste die Behausung eines „Engländers“ (?), den mein Eseljunge Petrie nannte, gezeigt. Ob es derselbe24 ist, der 1889 den Eingang der Pyramide von Hawara im Fayum aufgedeckt hat25, und nun hier Grabungen macht – ich konnte es nicht erfahren. Vielleicht wissen Sie etwas davon? Maspéro besuchte ihn am Morgen und blieb über Mittag da, – ich konnte nicht erfahren, ob und welche neuen Funde auch hier gemacht wurden, aber gerade das Neue reizt meine Neugier als alter Zeitungsschreiber am Meisten. Es geht so etwas mit den Jahren entschieden ins Blut. |14| Habe ich Ihnen, geehrter Herr Hofrath, seinerzeit den Ausflug nach Edfu26 entschieden abgerathen, wobei ich auch heute noch verfahren muß, da dort eine für Ihre, mir bekannten Bedürfnisse entsprechende Unterkuft nicht vorhanden ist, so kann ich Ihnen Keneh und Báljana mit der Abfahrt um 9 Uhr 5 Min, früh von Assuan nach allem Gesagten anrathen, Unterkunft in Keneh bei Skanderani, in Báljana bei Butrus; bei Letzerem haben Sie auch annehmbare europäische Küche mit nur geringen arabischen Anklängen, – europäischer als bei Schmude selbst in Luksor. Von Assuân aus können Sie mit Abfahrt um 9 Uhr 5 Kom Ombo27 und an einem zweiten Tage eventuell Esneh28 mit Rückkehr nach Assuan per Nachmittagsexpress machen. Sie haben dann das Wichtigste in Oberägypten gesehen und der Denderahtempel ersetzt Ihnen vollkommen den kleineren und in der Anlage übrigens ähnlichen Tempel von Edfu. |15| Von Báljana fuhr ich mit dem um 8 Uhr Abends abgehenden Zuge die ganze Nacht durch bis Wasta29, wo ich um 5 Uhr morgens zähneklappernd anlangte. Ich wünsche Ihnen diese Nachtfahrt umso weniger, als man dann bis 10 Uhr morgens in dem gänzlich ungastlichen Wasta auf die Abfahrt des Zuges ins Fayum warten muß. Vielmehr thun Sie gut den 8-Uhr Morgenzug von Cairo fürs Fayum mit direktem Anschlusse um 10 Uhr morgens in Wasta und Ankunft zu Mittag in Medinet el Fayum30 zu nehmen. Hier ist ein reichliches, gut eingerichtetes Hotel des Arnauten Athanâsch Taschko31. Der hat zwar für sein „Grand-Hôtel Karûn“ ein gedrucktes Preisbüchel, worin er für ganze Pension 5 P. E. pro Tag ansetzt. Sie thun aber besser, nur Wohnung |16| zu nehmen, die Sie mit seinem schwarzen Kommissionär auf dem Bahnhofe in Fayum aushandeln. Zimmer kosten im Allgemeinen bei ihm 10 P. E. = 2 ½ Fr. pro Tag, ich machte es aber wie in Keiseh und meine Praxis, die ich Ihnen bestens empfehlen kann, hatte auch hier Erfolg. Ich zahlte 2 Frs. pro Tag und hatte ein schönes Zimmer mit Balkon nach dem Bahr Jussuf32 der die Stadt durchfließt hinaus und speiste im Restaurant des Hotels à la carte die griechisch und arabisch geschrieben aufliegt. Die Preise sind ziemlich dieselben, wie in den griechischen Restaurants von Cairo, ½ Fr. bis 5 P. Cour. Die Fleischspeisen, Suppen – Macaroni, Risotto 2 P. Cour. – Vorsicht und vorherige Preisanfrage beim Wein und anderen Getränken ist geboten, denn sie stehen nicht in der Karte! Trinken Sie kein Alexandriner Crownbier – es macht Leibwehen. |17| Esel selbst aufnehmen und nicht durchs Hotel besorgen lassen, da Sie sonst statt 10 P. E. 15 für den Ausflug nach Hawara33 zahlen. Nach Biahmù34 zahlte ich 5 P. E. und durch die Ruinen von Arsinoë-Krokodilopolis mit Besteigung des Kêmel chariâna, Kom Fares, Kom-el-dwât und Kom-el-bultîje 1 Fr. jedes Mal 1 P. E. Bakschisch für den Hammâr35. Zum Birkut el-Karûn, dem eigentlichen Fischereigebiete des Fayum fährt die Bahn. Man fährt bis Ebschawaŷ für 1 Sh. II. Classe, eine Stunde Bahnfahrt. Von Ebschawaŷ ist nun aber bis zum Seeufer noch 1 ½ Stunde zu reiten und dazu sind die Esel in Ebschawaŷ ungesattelt, sie haben nur den Tragsattel für die Sakîba36, worauf ich mich schlecht und recht zurecht finden mußte, zumal mein Exemplar noch dazu gern stolperte. Aber nachdem die erste halbe Stunde |18| Waden- und Schenkelkrampfes überstanden und mehrere Gleichgewichtsschwankungen ohne Unfall überstanden waren, gieng es auch so. Ich zahlte für den Esel 1 Sh. – beschafft Ihnen aber das Hotel einen dann allerdings gut gesattelten Esel so steht darauf der Tarif von 15 P. E. – ein Wagen von Fayum aus kostet bis zum See 1 lb. ég. Am See hat nämlich das Karoûnhôtel Taschkos ein Zweigetablissement. Als ich eben hinkam, wurde mir eröffnet, daß für Fremde nur Zelte mit allerdings dicken Teppichwänden bereit sind, die Diener wohnen in einer Holzbaracke darunter. Da mich nun schon im ganzen Fayum die größere Feuchtigkeit unangenehm irritirt hatte, wollte ich auf keinen Fall hier 40‘ unter dem Meeresspiegel im Zelte kampiren, denn nichts ist |19| in Egypten gefährlicher als feuchte Nachtluft, weshalb ich nie verstehen kann wie Aerzte sogar Nieren- und Lungenkranke die Nilfahrt nach Oberägypten gestatten können – ich war doch schon wieder leidlich beisammen, als ich vor vier Jahren die Nilfahrt machte – und kam doch krank nach Kairo zurück.

Als ich am See ankam sah ich mir verdächtige Dünste über denselben streichen, die Landschaft in der die sog. Hotelfiliale campirt, ist ringsum ebenso wie das ganze weite Seeufer flach sumpfig – nur im Hintergrunde auf der anderen Seite des Sees erheben sich die Vertrauen erweckenden Wüstenschelfe (??). Dorthin möchte man die Fremdenniederlassung postiren, aber das wäre allerdings |20| noch um die ganze Seebreite weiter entfernt. Auch die Bedienungsmannschaft des Zelthotels, ein Verwandter (??) oder Grieche, einer Berberiner und Araber erweckten in mir nicht den Wunsch mit ihnen allein am einsamen Seeufer unter einem – Zeltdache zu wohnen – und so probirte ich die Seeküche erst gar nicht, ließ meinen Esel umsatteln, sandte den auf dem See schwimmenden Fischerbo[o]ten mit dem nicht allzu originellen Gedanken, daß es nicht hat sein sollen, einen Scheideblick zu und kehrte um, damit ich den Abendzug nach Fayun noch rechtzeitig erreichen könne. Damit aber hatte ich die Zeit-Rechnung entschieden ohne die steifen Beine meines weißen müden Grauthieres gemacht, obwohl ich schwur kein Millim37 zu bezahlen, |21| wenn ich den Zug nicht erreiche, obwohl mein Eseljunge entschieden sein möglichstes that, um sein Thier zur möglichsten Eile anzukitzeln, so daß sich mein Langohr mehrfach zur energischsten Abwehr nach rückwärts veranlaßt sah, wobei ich jedesmal eine Bauchwelle über seine langen Ohren riskirte, mußte ich es doch mit ansehen, wie der von Nabuksa langsam durch die Fruchtgefilde dampfende Zug zwei Minuten vor meiner Ankunft die Station von Ebscharaŷ verließ.

Es war Abend, einen Gasthof mit Nachtherberge giebt es in Ebscharaŷ38 nicht. Ich ließ mich also direkt zum Omdah39, einer Art Ober-Schãch-el-beled40 bringen, von dem es hieß, daß er ein sauberes Bett in seinem großen Hause für nächtigende Fremde habe. Ebscharaŷ hat 5000 Einwohner, lauter Fellachen, nur |22| einige Schnapsschänken und Lokale, die nebenbei aber eigentlich hauptsächlich das ebenso einträgliche als in Egypten ehrbare Handwerk der Wucherer betreiben, sind hier natürlich sowie in allen Fellachendörfern ganz Egyptens – vom Stamme Homers. – Der Ort hat außer dem Omdah noch 4 Schêchs. Mein Omdah nannte sich Mahmud Rodoân – sein Haus liegt mitten im Orte, der wie die meisten Dörfer des Fayûm auf einer Bodenerhebung erbaut ist. Das Haus des Omdah zeigt alle Merkmale eines großen egyptischen Wirtschaftshofes, ist von einer Mauer mit Thor umgeben, in der Mitte der Hof, um den sich die Gebäude reihen. Zum geräumigen Empfangszimmer, dessen Fußboden mit Strohmatten belegt ist, führt eine höhere Freitreppe, an die sich eine säulengestützte Veranda schließt. |23| An den Wänden entlang sind im Empfangszimmer die Divans gereiht, ein dunkles Nebenzimmer enthält das Gastbett mit Musketière41 und Matratzen. Ich wurde natürlich ohne alle Umstände aufgenommen und der Sohn des Omdah, ein etwa 16jähriger Bursche leistete mir Gesellschaft bis der Omdah selbst kam, – ein noch in kräftigstem Mannesalter stehender Araber mit fein geschnittenen Zügen in denen sich das ganze Bewußtsein der hohen Würde eines Omdah von Ebscharaŷ ausprägt.

Während dieser selbst noch bis in die Nacht mit dem Schlichten der Streitigkeiten schreiender Fellachen beschäftigt war, die sich um einen rechtswidrig gefällten Dattelbaum zankten, für den der Besitzer ein Pfund Ersatzanspruch stellte, wurde |24| mir das Abendessen aufgetragen. Dasselbe bestand in einem Stück gesottenen Hammelfleisch, einer Tunke aus getrockneter Mulachîa42 bereitet, Reis mit Ûtasauce43, schwerem, kräftigem, vollen saïtischen44 Brot. Der Omdah ließ sich entschuldigen, wenn er zu Hause ist, hat er den ganzen Tag streitende Fellachen im Hofe und jeder solcher Streitfall ist nie ohne den Aufwand mehrerer Stunden abzuwickeln. Doch das bringt den Schêch niemals aus seiner würdevollen Ruhe, denn die Zeit hat bekanntlich beim ächten Orientalen keinen Wert und die stete Ungeduld des Europäers ist ihm daher eine der unverständlichsten und daher geradezu lächerlichen und verächtlichsten Untugenden unseres nervösen Geschlechtes. Ich verbrachte bei dem würdevollen Omdah keine allzu ruhige Nacht, |25| denn sie war ziemlich insektenreich; wie muß es da erst in der warmen Jahreszeit an den Schläfern herumwimmeln, da mich schon in der Kühle des heurigen Winters, der Alles, was da kreucht, in die verborgensten Schlupfwinkel verscheucht hat, aus dem Schlafe der Ermüdung geweckt fühlte.

Noch dämmerte es kaum im Morgen, als mich der flintenbewehrte Kafir45 – der am Abend mit dem rechtzeitigen Aufwecken des fremden Schläfers beauftragt worden, auftrommelte und fort gieng es zum Bahnhofe, wo ich Gelegenheit fand, mich vom Omdah zu verabschieden, der sich in Geschäften mit dem gleichen Zuge wie ich selbst zur Stadt begab. Wohl hätte ich das Nachtlager beim Omdah vermeiden können, wenn ich noch gestern abend einen Esel, der |26| mich um 10 gr. P. zur Stadt zurückgebracht hätte, miethen wollte. Aber einmal fühlte ich kein Verlangen den sattellosen Ritt noch weitere zwei bis drei Stunden in die Nacht hinein auszudehnen und dann war es wieder die empfindliche Feuchtigkeit der Luft des Fayum, die mir einen solchen Nachtritt nicht allzu gerathen erscheinen ließ. Am anderen Tage schloß meine Rückkehr nach Kairo den an neuen und gewiß andauernden Eindrücken reichen zweiwöchentlichen Ausflug ins ägyptische Oberland ab.

Zug um 5 Uhr abends von Fayum ab – um ½ 10 Uhr Nachts in Kairo an.

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46Anregungen sich in der weiteren Entwickelung eines wichtigen Industriezweiges fördernd erweisen können


1 Es handelt sich vermutlich um den in Brief 04367 (22.2.1903) angekündigten Reisebericht Harpfs.

2 Nachmittags, am Nachmittag.

3 Keneh (Kena, Kenneh), Oberägypten, Masr-el-Kahira gegenüber, links am Nil.

4 Maulid, Mulid = Geburstagsfest.

5 Ägypt. Volksstamm, dessen Angehörige sich häufig als Schausteller (Affenführer, Seiltänzer, Schlagenbeschwörer usw.) betätigten.

6 Nicht identifiziert. Möglicherweise ein Mitglied der „Hermetischen Bruderschaft von Luxor“, einem in Europa verbreiteten okkultistischen Orden.

7 „mit den Armen hin und her schwanken“, ursprüngl. aus dem Niederl.

8 Piastre Égyptien (Ägyptische Piaster).

9 Mit Reis und Hackfleisch gefüllte Weinblätter.

10 Meist mit „Ads“ transliteriert.

11 „Dendera ist ein Ort im oberägyptischen Gouvernement Qina mit einem archäologisch bedeutenden Hathor-Tempel. Dendera liegt etwas mehr als 55 km nördlich von Luxor am linken Ufer des Nil gegenüber der Stadt Kena am Rande der Wüste“ (Wikipedia).

12 An der Decke der Halle des Haupttempels fand man während der Expedition Napoleons neben der riesenhaften Gestalt der Himmelsgöttin Nut (daher auch Himmelssaal genannt) zwei berühmte Tierkreise, von denen einer 1820 von einem Franzosen ausgesägt wurde und seit 1822 in der ägyptischen Abteilung des Louvre in Paris ausgestellt wird“ (Wikipedia).

13 Ägyptische Nekropole in der Nähe von Sohag am westlichen Nilufer.

14 „Geburtshaus“, kleiner Tempel neben einem Haupttempel.

15 Maulid an-Nabī, Fest zur Geburt des Propheten.

16 Nicht identifiziert bzw. nicht klar, wofür die Abk. steht (Cupfer, Kupfer?).

17 Regierungsrat Fritz Pichler (1834-1911), österr. Historiker, 1869-90 Leiter des Münz- und Antikenkabinetts am Grazer Joannum. – Die Numismatische Sammlung der Einheit Alte Geschichte und Altertumskunde Graz ist vorbildlich erschlossen: https://bit.ly/34iC99G

18 Stadt im südl. Ägypten, Sitz eines koptischen Bischofs.

19 Deir el-Qiddisa Damyana, auch Deir es-Sitt Damyāna bzw. Deir Abu Musa, heute ein Nonnenkloster westlich vom Dorf Balqās Chāmis im Gouvernement ed-Daqahlīya. Die Anlage befindet sich nahe der mittelägyptischen Stadt Sohag (Sūhāǧ/Sauhāǧ), ursprünglich auf dem westlichen Nilufer.

20 Gaston Maspero (1846-1916), franz. Ägyptologe; vgl. HSA 06889.

21 Biban el Molûk, Tal der Könige; die ersten bedeutenden Ausgrabungen fanden 1907 statt.

22 Langes schmales Nilschiff.

23 Der Totentempel des Sethos I. liegt in Abydos in der Nähe von Sohag am westlichen Nilufer 160 km nördlich von Luxor.

24 Sir William Matthew Flinders Petrie (1853-1942), bedeutender engl. Ägyptologe.

25 Die Hawara-Pyramide ist das Grab des altägyptischen Königs Amenemhet II. aus der 12. Dynastie im Mittleren Reich, die 1888/89 von Flinders Petrie näher erforscht wurde.

26 Der Tempel von Edfu ist eine altägyptische Anlage am westlichen Rand des gleichnamigen Städtchens in Oberägypten.

27 Doppeltempel von Kom Ombo am östlichen Niluber in Oberägypten. Die noch sichtbaren Teile stammen aus der Zeit der Ptolemäer über Ägypten.

28 Esna oder Isna ist eine Stadt am westlichen Ufer des Nils in Oberägypten, etwa 55 Kilometer südlich von Luxor und 135 Kilometer nördlich von Assuan. Dort findet sich der freigelegte Pronaos (Vorhalle) des dem widderköpfigen Chnumg gewidmeten Tempels.

29 El Wasta, Stadt im Norden des ägypt. Gouvernements Beni Suef

30 Ruinen von Medinet Madi im südwestlichen Fayum (Fayyum-Becken).

31 „Arnaut“ bezeichnet einen Albaner;

32 Seitenarm des Nils im Fayyum-Becken.

33 „Hawara ist der moderne Name einer altägyptischen Nekropole, die am Eingang zum Fayyum-Becken südöstlich von Medinet el-Fajum liegt“ (Wikipedia).

34 Archäologisch interessante Stätte im Fayyum-Becken mit Überresten zweier Kolossalfiguren Amenemhets II.

35 Arab. für „Eselstreiber, Eselsführer“.

36 Vermutlich Sahiba, صاحبة, Herrin, also Ritt mit „Damensattel“.

37 Ägypt. Währungseinheit, eigentl. „ein Tausendstel“.

38 Ebscharay, Ort im Fajum.

39 Der Umda (so meist die Schreibung) oder auch Saih al-balad wird im Engl. meist mit „Village Headman“ wiedergegeben.

40 Kaper oder „Sheik el-Beled“, alt-ägptischer Schreiber und Priester, berühmt wegen einer ihn darstellenden Holzfigur der späten 4. oder frühen 5. Dynastie.

41 Moskitonetz.

42 Molokhia, eine Art Spinat (langkapselige Jute), besonders in Ägypten serviert

43 Nicht identifiziert.

44 „altägyptisch“

45 Islam. Bez. für einen Ungläubigen.

46 Bl. 27 ist in der rechten oberen Ecke mit der Zahl 50 nummeriert, hat also mit dem vorliegenden Text nichts zu tun.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04406)