Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (03-04367)

von Adolf Harpf

an Hugo Schuchardt

Kairo

22. 02. 1903

language Deutsch

Schlagwörter: Schweinfurth, Georg

Zitiervorschlag: Adolf Harpf an Hugo Schuchardt (03-04367). Kairo, 22. 02. 1903. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7944, abgerufen am 24. 01. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7944.


|1|

Abbassîeh, 22/2.03 1

Hochgeehrter Herr Hofrath!

Genehmigen Sie meinen verbindlichsten Dank für Ihr werthes Schreiben ddto. Assuan v. 20/2.03. Wohl hätte ich gerne als ich in Luxor war, Ihre mir so schätzenswerthe Ansicht über meine übersendeten aegyptischen Artikel gehört, aber doch wollte ich Sie nicht darum befragen, weil ich annahm, daß Sie selbst vielleicht darüber einige Worte äußern würden, was ich abwarten zu sollen meinte, da Sie die Artikel ja möglicherweise noch nicht gelesen haben konnten. ]Ich schreibe jetzt allerdings nicht viel, glaube aber sagen zu können, daß ich jetzt aus innerer Nöthigung nur darum zur Feder greife, wenn ich glaube, daß ich wirklich etwas zu äußern hätte und das glaube ich, möchte mir hinsichtlich Egyptens und Alles dessen, was ich hier zu beobachten Gelegenheit fand, noch öfters der Fall sein wird. Umso mehr freut mich und erfüllt mich mit reichen Hoffnungen für meine eigenen Bestrebungen, die ehrenvolle Aus- |2| sicht die Sie mir auf gemeinsames Beobachten und Erörtern der gewonnenen Eindrücke in Ihrem hochgeschätzten Schreiben eröffnen. Ich stimme Ihrer gewonnenen Anschauung, daß man von den Ter[r]assen der großen Hôtels aus keinen Einblick in Land und Leute gewinnen kann, aus ureigenster, innerster Erfahrung vollkommen zu und auch die Dragomänner2 sind, wie Sie ganz richtig sofort fanden, nach meiner übereinstimmenden Ansicht die aller ungeeignetsten Vermittler von Eindrücken, deren Beleuchtung sie höchstens noch aus unklaren geschäftlichen Absichten trüben können, wodurch das Selbstbeobachtete nur zu leicht verschoben, in unrechtes Licht gerückt wird. Je länger man im Oriente weilt, desto mehr werden Einem aber die Schwierigkeiten klar, den vielen, von unseren Anschauungsweisen so ganz verschiedenen Erscheinungen auf den Grund zu blicken und immer mehr Handlungen, Denkweisen, Thatsachen stoßen Einem |3| auf, vor denen man ratlos stehen bleibt und sich sagen muß: Das hätte ich mir anders gedacht.

Ihrem mich ehrenden Wunsche komme ich gleichzeitig nach und sende gleichzeitig als papiers d’affaire einen kurzen Bericht über meine Reise von Luxor aus. [Vgl. im Anhang HSA 04406]. Ich erlaubte mir darin einige Winke über praktische Reiseverhältnisse einzuflechten, die Ihnen Ihr Reisebuch vielleicht nicht giebt. Gerade was Sie am meisten wünschen, einen Bericht über die Fischereiverhältnisse des Fayum3 kann ich zu meinem eigenen Bedauern aus den im Reiseberichte auseinander gesetzten Gründen leider nicht bieten. Dafür aber legte ich dem Reiseberichte eine Skizze bei, die ich unter den Entwürfen zu meinem Buche „Unter aegyptischer Sonne4“ fand und im Vorjahre entwarf. Ich bitte bei dieser Skizze über die Fischerei des Menzalehsees5 zu beachten, daß dies noch keineswegs ein druckreifes Manuscript sein sollte, denn in einem solchen würden namentlich die Bemerkungen über den „englischen Agriculturprofessor“, der mein Gewährsmann ist, wesentlich anders aussehen. |4| Eben weil ich mit der Skizze, so wie sie ist, nichts anzufangen wußte, legte ich sie im Vorjahre bei Seite. Mich interessirt übrigens die ganze Fischereifrage hauptsächlich vom Standpunkte der Volksnahrung, worüber ein Theil des Buches in einer bisher noch nicht erörterten Art handeln soll. Beobachtungen und Daten habe ich zwar wohl, – aber wann soll es zur Darstellung kommen und auch das wie ist noch eine mir unklar vorschwebende Frage. Die Bewölkung, welche Sie in Assuan finden, herrscht gleichzeitig gewiß auch in Luxor und hängt mit den ganz abnormen Wetterverhältnissen des heurigen Winters zusammen. Hier in Abbassîeh herrscht gar sturmartiger Wind bei fortwährender Bewölkung und fiel fast in den letzten Wochen wiederholt Regen. Versuchen Sie es doch einmal mit dem Edenpalacehôtel in Kairo6 – Aussicht auf den Ezbekîehgarten, oder mit dem Hôtel du Nil, das nächst der Muski7, inmitten der Stadt, besonders gern von Deutschen besucht ist. Gezirehpalace8 würde ich entschieden abrathen, da es am Nil liegt und daher feuchte Atmosphäre hat, was in Egypten gleich Gift ist. Es kehren zwar alle Fürstlichkeiten, die nach Kairo kommen, dort ein – aber das will nichts beweisen. |5|9 Es freut mich zu vernehmen, daß Ihnen die Wüstenluft gut thut. Sie haben dieselbe aber auch in ganz einziger Reinheit im Catarakt Hotel welches über den übrigens aus den Katarakten stets rascher abziehen, den Nildünsten hoch erhaben in reiner Wüstenatmosphäre sich erhebt. Auch ich befand mich dort ganz ausnehmend wohl. Ich glaube Ihnen, hochgeehrter Herr Hofrath, schon in Luxor meine Ansicht darüber geäußert zu haben, daß ich das Cataracthotel für ein geradezu ideal gelegenes Hotel in ganz Egypten und auch in baulicher Hinsicht ist ja der große Speisesaal ein ganz einziges und originelles Werk. Der beste Beweis für die gesundheitlich treffliche Lage des Hotels aber ist es mir, daß man, ohne zu frösteln, bis in die Nacht hinein auf der Hotelter[r]asse sitzen kann, was nicht möglich ist, sobald Feuchtigkeit die Luft er- |6| füllt, die sich sofort an allen tief gelegenen, nicht von reiner Wüstenluft bestrichenen Punkten des Nilthales nach Sonnenuntergang durch ein auch bei hoher Lufttemperatur noch fühlbares Unbehagen und Kälteempfinden über den Rücken und an den Armen bemerkbar macht. Ich kenne einen ach[t]zigjährigen Witwer, den alten Schiffner in Kairo10, der seit vielen Jahren ohne jemals in Europa gewesen zu sein, in Kairo lebt. Er sagte mir, das Klima ist ganz ausgezeichnet, aber man muß in Egypten mäßig und nüchtern sein und in der Nacht nicht im Freien verweilen. Auch dem gläubigen Muselman ist es ja Vorschrift nach dem Abendgebete sich in seinen Harîm zurückzuziehen. Der alte Schiffner lebt nach seinen Erfahrungen und wurde hier nie krank, während sich viele rüstige Leute durch unvernünftiges Gebahren |7| Siechthum und raschen Tod holten. Allerdings ist Unmaß namentlich im ägyptischen Sommer so naheliegend, daß namentlich im Trinken schwer maßzuhalten ist für solche, die körperlichen Anstrengungen ausgesetzt sind. Die Skizzen über die Menzalafischerei erbitte ich mir gelegentlich zurück. Da sie die Grundlage zu einem Kapitel über die Fischgerichte der modernen Aegypter bilden soll. Finde ich Weiteres für Ihre Zwecke vor, dann bin ich selbstverständlich gern zur Mittheilung bereit. Sollte dann der Dr Schweinfurth, der ja Naturhistoriker und Mediziner (?) ist11, nicht Quellen wissen, aus denen Weiteres bezüglich der Fischerei zu schöpfen wäre?

Es begrüßt Sie hochachtungsvollst

Ihr ergebener Schüler

Dr Adolf Harpf

P. S. Vielleicht wäre es möglich von Fischern in Assuân ein Exemplar des Bischir aufzutreiben. Ich würde es gern für ein österreichisches Museum mitnehmen. Die Weise des Burifanges in der Skizze über den Menzahlesee ist mir nicht ganz klar. Ich wäre dankbar, |8| wenn Sie mich aufklären würden, ob das beschriebene Fangmanöver nicht doch eine Unmöglichkeit oder Sinnwidrigkeit enthält. Ergebenst Obiger.

II S. S. Dank für Rücksendung der N. Fr. Pr. – mit der Rückgabe der Handschrift über die Menzalahfischerei – 50 S. Ms. – hat es keinerlei Eile, da ich selbst nur äußerst langsam an diese Dinge herankomme, in dem Maße als dieselben mir zur Darstellung reifen.

Heilgruss Dr. H.


1 العباسية‎, heute meist „Abbassia“, Vorort von Kairo.

2 „sprachkundiger Reiseführer“ (hat mit Dt. „Mann“ nichts zu tun!).

3 Fayyum-Becken im nördlichen Ägypten, an das der Qarunsee anschließt.

4 Kein Nachweis.

5 Der Manzala-See, auch Manzaleh genannt, ist ein brackiger See im Nordosten Ägyptens im Nildelta in der Nähe von Port Said und nur wenige Kilometer von den antiken Ruinen von Tanis entfernt. Es ist der größte der nördlichen Delta-Seen Ägyptens (wikpedia). – Diese Skizze findet sich nicht bei den Papieren Harpfs.

6 Damals ein bedeutendes „First Class Hotel“ (Opposite The Esbekieh Gardens).

7 „The du Nil was established in 1836 by the half-German, half-Italian Signor Friedmann. Like all the early hotels that came before Shepheard’s, it was buried in the alleyways of the medieval city, just off the Muski, one of the busiest commercial streets in Cairo at that time“ (http://grandhotelsegypt.com/?tag=hotel-du-nil).

8 Gezira-Palast, ursprünglich ein 1863 bis 1868 vom deutschen Architekten Julius Franz erbautes Gästehaus der Regierung

9 Am Anfang steht rechts eine römische II., wohl um anzumerken, dass hier der zweite Quaternio beginnt.

10 Nicht identifiziert.

11 Georg Schweinfurth (1836-1925), russisch-baltendeutscher Afrikaforscher; vgl. HSA 10440-10451.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04367)