Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (19-02674)

von Paul von Ebart

an Hugo Schuchardt

Coburg

07. 04. 1921

language Deutsch

Schlagwörter: Ehwald, Rudolf Ebart, Paul J von (1928)

Zitiervorschlag: Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (19-02674). Coburg, 07. 04. 1921. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7940, abgerufen am 06. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7940.


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[Coburg, 7.4.1921]

Lieber hochgeehrter Freund,

ehe ich den Nachen besteige, der mich zu seinem jenseitigen Ufer führt, von dem keine Rückkehr mehr möglich, möchte ich noch einmal mit Ihnen plaudern, wie „einst im Mai“1. Ueber Politik, Krieg u. seine Folgen, schreibe ich nicht, denn ich treibe seit unserem schmachvollen Rückzug aus Belgien eine vollständige geistige |2|Hÿgiene, lese im Goetheschen Sinn keine Zeitung und lebe abseits von Gut und Bösen. Habe mich von Allen zurückgezogen und besuche nur ab und zu Conzerte wo ich positive Musik hören kann. Je älter ich geworden, desto mehr mißfallen mir die letzten Werke Wagners und ich gehe ihnen aus dem Weg. So wie es in der Musik, so ist es auch in der Literatur. Wieland, Seume, |3| Platen, Grillparzer sind meine Begleiter. Dann jeden Tag mein längerer Gang ins fränkische Hügelland mit meinem treuen Hund, den ich aus Belgien mit gebracht. Ein rührendes Vieh. Kürzlich war Albert Samel2 aus Graz hier, was er hier gewollt hat, hat er mir nicht anvertraut. Der Kreis der alten Coburger u. Gothaer Bekannten existiert nicht mehr. Der gute Ehwald3 hat sich zurückgezogen, seiner |4| Handschrift nach, muß es dem verehrten Manne schlecht gehen. Auch der Tod Ernst v. Wangenheims4 der Sohn vom schönen Max hat sich zu seinen Ahnen versammelt5. Meine einzige geistige Ansprache die ich habe verdanke ich der Gunst König Ferdinands I.6, dessen stupendes Wissen mich oft in Erstaunen setzt, namentlich auf historischem Gebiet. Er wird seinem Großvater Louis Philipp7 immer |5| ähnlicher, auch seine Lebensweise hier, erinnert stark an die des Großvaters in Claremont8. Die Abende bei ihm sind oft höchst amüsant und dehnen sich weit über Mitternacht hinaus aus. Seine herrliche Bibliothek darf ich mit benützen, was für mich jetzt unbezahlbar ist – da die armen Hofpensionäre nicht mehr in der Lage sind, Bücher zu kaufen. Ich lebe eigentlich |6| in der Vergangenheit. Gleich der alten Fürstin Wittgenstein, der Freundin Liszt[s]9, schreibe ich täglich an meinen Erinnerungen: „Erinnerungen eines alternden Höflings“10. Was hat man nicht alles erlebt, das keine Revolution einem nehmen kann. Seit Wochen habe ich angefangen einige Ordnung in die Masse der Briefe zu bringen, die ich seit fünfzig Jahren von allen Arten und Federn her empfangen hatte. Dieses |7| Geschäft hat mich in eine große Gesellschaft abgeschiedener Geister eingeführt. Viele dieser Briefschreiber sind mir entfallen, selbst die Schriftzüge sind nicht mehr hinreichend, mir die Gesichter der Persönlichkeiten, in denen ich zu vielen der Schreiber gestanden, wieder vorstellen zu machen. Ich bin alt geworden und fange an, wie ein alter Seeberger=Sandstein11 an, zu bröckeln.

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Leben Sie wohl, hochgeehrter Herr u. Freund, möchte es Ihnen gut gehen. Behalten Sie lieb

Ihren alten

senilen, dankbar

ergebenen

von Ebart
Coburg, 7.4.21.
Callenbergerstraße 3


1 Operette in vier Bildern von Walter und Willi Kollo. Das Original-Libretto von 1913 verfassten Rudolf Bernauer und Rudolph Schanzer. Das Werk erlebte seine Uraufführung am 4. Oktober 1913 im Berliner Theater in Berlin.

2 Nicht identifiziert; Entzifferung des Nachnamens unsicher.

3 Rudolf Ehwald (1847-1927), deutscher Bibliothekar, Historiker und Altphilologe aus Gotha; vgl. HSA 02705-02707.

4 Nicht identifiziert.

5 Satzbau stimmt nicht!

6 Zar Ferdinand I. von Bulgarien (1861-1948), seit 1918 in Coburg im Exil.

7 Louis Philippe (1773-1850), von 1830 bis 1848 französischer König („Bürgerkönig“).

8 Claremont House, Landsitz südwestlich von Esher in der englischen Grafschaft Surrey, zeitweilig Wohnsitz verschiedener gekrönter Häupter, u. a. Kg. Louis Philippe.

9 Carolyne Elisabeth Fürstin zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg-Ludwigsburg, geb. von Iwanowska (1819-1887), zeitweise Liszts Lebensgefährtin, Vf.in eines Ms. gebliebenen Werkverzeichnisses Liszts

10 Ebart, Am Herzogshofe und im Dienste der Kunst: Blätter der Erinnerung, Berlin: G. Stilke, 1928.

11 Sandstein des Oberen Keuper, den Rätsandsteinen zugeordnet; sein Vorkommen liegt am Großen Seeberg bei Gotha in Thüringen südlich von Wandersleben.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02674)