Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (17-02672)

von Paul von Ebart

an Hugo Schuchardt

Arlon

16. 02. 1915

language Deutsch

Zitiervorschlag: Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (17-02672). Arlon, 16. 02. 1915. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7938, abgerufen am 31. 01. 2023.


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Arlon 16.2.15

Lieber hochgeehrter Freund!

Für die Karte und Ihre herrliche Arbeit1 danke ich herzlichst. Wie Sie in dem Heft zu uns sprechen hat mich mit aufrichtiger Freude erfüllt, denn wenn man wie ich, fast vierzig2 Jahre gemeinsam auf diesem Planeten gewandelt ist, so empfindet man das, was Sie sagen ungleich mehr, als die jüngere Generation. Mit echt Schuchardtschem Humor [und] ein wenig Galle haben Sie den Leuten von heute die Wahrheit gründlich gesagt. Zu einem Satz auf pag. 17 habe ich eine Bemerkung geschrieben, die mir einmal mit dem Herzog Ernst II. in Paris 1891 passierte. Wir waren im Hôtel Meurice beim Frühstück, und der hohe Herr bediente sich auch des Französischen einem servierenden Kellner gegenüber, |2| aber dieser brave Deutsche sagte, „Euer Hoheit können mit mir ruhig Deutsch sprechen, ich heiße Fischer und bin aus Eisenach und kenne Eure Hoheit schon seit meiner Kindheit“. Herzog Ernst nahm diesen, wirklich netten Kerl in seine Dienste als Kammerdiener; nach seinem Tode trat er zum Bulgaren Häuptling3, dem Cÿrano von Balkany4 über. Wie erinnere ich mich des berühmten Batke-Briefpapiers!5 Du lieber Gott! Noch sehe ich jene Rosetten von Herrn Wagenrieder aus London auf den Schreibtischen meiner unvergeßlichen alten Herrschaften stehen.

Lieber Freund, was ist alles über unser liebes Deutschland hereingebrochen, seitdem ich Sie zum letzten Male im alten Gotha |3| sah. Meine Gedanken sind so oft bei Ihnen und ich wünschte, ich könnte mit Ihnen plaudern. Dieser große Kampf hat unermeßlichen geistigen Reichtum über unsere Welt gebracht und er ist zur rechten Zeit gekommen, da wir schon anfingen in ein trübes Aesthetentum oder in rohen Materialismus zu fallen. Nun aber sind die Flügel des deutschen Adlers wieder lebendig und es ist ein Flug ins Licht. Was immer noch kommen möge an Opfern, Siegen, Enttäuschungen, eines ist gewiß: unser Volk hat sich wieder gefunden und es ist mir als fielen wieder die Strahlen des deutschen Idealismus von [vor?] 100 Jahren auf unser Vaterland. Wir wollen |4| zu vergessen suchen daß unsre Diplomaten in ihrer Impotenz uns fast in den Abgrund gestürzt hatten, aus dem nur unsere herrliche Armee uns errettet hat. Wir wollen lernen, dreimal lernen. Während ich dies schreibe, kommen mir die wundervollen Gedanken in den Sinn, die Friedrich Meinecke in seinem bei Cotta erschienenen Büchlein „Die deutsche Erhebung 1914“ niedergelegt hat6. Lassen Sie sich das schöne Büchlein kommen; es ist das Beste was über diese Zeit gesagt wurde und Sie wissen selbst am Besten, wie gefährlich die nun mehr beginnende „Kriegsliteratur“ sein kann, wenn sie von Unmündigen betrieben wird. Auch auf die Aufsätze meines Lehrers Wilamowitz (Berlin Weidmann) 2 Hefte darf ich Sie aufmerksam machen.7

Nochmals innigsten Dank, Gott befohlen

Ihr alter

Centurio Ebartus8.


1 Schuchardt, Deutsch gegen Französisch und Englisch, Graz: Leuschner & Lubensky, 1914

2 Doch wohl eher sechzig?

3 Ferdinand I. (1861-1948), ab 1887 Fürst (Knjaz), ab 1908 König (Zar) von Bulgarien

4 Anspielung auf Cyrano de Bergerac, den Verfasser phantasitsicher Romane, um die politischen Großmachtpläne des bulgarischen Zaren als phantastisch zu qualifizieren?

5 Von Josefine Batke-Koller (1897-1967)?

6 Meinecke, Die deutsche Erhebung von 1914, Stuttgart: Cotta, 1914 ff. (zahlreiche Auflagen).

7 Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff, Reden aus der Kriegszeit, Berlin: Weidmann, 1915.

8 Die Schlussformel findet sich spiegelverkehrt am oberen Rand von S. 3

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02672)