Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (11-02666)
von Paul von Ebart
an Hugo Schuchardt
13. 02. 1912
Deutsch
Schlagwörter: Seebach, Lyda von
Zitiervorschlag: Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (11-02666). Coburg, 13. 02. 1912. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7932, abgerufen am 11. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7932.
Coburg, 13./2. 1912
Lieber, verehrter Freund!
Ihr heute erhaltenes liebes Bild weckte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten; im Geiste sah ich Ihre lieben Eltern, Ihre herrliche Mutter, meine gnädige Gönnerin, Ihren Vater mit seinem köstlichen Humor – mein Gott, wie die Zeit vergeht, Sie feiern Ihren Eintritt in das siebzigste Lebensjahr, ich begehe bald meinen 60 Geburtstag. Wahrlich, Sie konnten mir keine größere Freude machen als mit Ihrem ausgezeichneten Bilde. |2| Still, abseits vom Wege sitze ich in der Fränkischen Residenz und spinne den Faden meines Lebens fort, und suche allmählig meine kleinen Bemühungen ans Licht bringen1 – womit es mir gelingen möge. Der Hof, mit seinen allzu modernen, sportteibenden (??) – geistig armen Menschen interessirt mich nicht mehr. Die junge[n] Generationen auf den Thronen Deutschland[s] sind mehr oder weniger Copien vom Deutschen Kaiser. Die in Potsdam genossene Ausbildung übertrugen sie auf ihre kleinen Länder, und erzeugt Unbehagen. Es ist nicht mehr schön im Deutschen Reich und wäre ich nicht, wie Tuyllrand [gem. Talleyrand (??)] von den Kammerherren (??) sagt, „ein wolgekleideter Bettler“, ich zöge nach dem Süden über den Brenner.2
|3|Die Reichtagswahl3 kann einen alten Nationalliberalen Deutschen tief traurig stimmen. Die schwarze Regierung in Bayern erfüllt mich mit Wehmuth – gute Bücher werden keine mehr geschrieben und ist man heute kein „Beschnittener“ – dann lohnt sich kaum noch etwas für die Menge zu schreiben.
Ihnen, gehts hoffentlich gut und Sie genießen das otium cum dignitate eines Philosophen. Wie gern plauderte ich einmal wieder mit Ihnen4 – Gotha – Constanca5 – Wansitia6 - Salisch7 - !!!8 Ich bin seit 1909 jenem hundsföttischen Winter nicht wieder in Transwaldanien9 zu [ein Wort fehlt imText] |4| gewesen, sehne mich auch nicht mehr dahin – denn die alten Getreuen sind in der Aschenurne. Die letzte, die kürzlich gestorben, war Lidia v. Seebach.10
Im Geiste drücke ich Ihnen die Hand, und bin mit herzlichem Gruß
Ihr alter, Sie stets
verehrender
vEbart
1 Satzbau!
2 Zitat nicht nachgewiesen.
3 Die Reichstagswahl zum 13. Deutschen Reichstag fand am 12. Januar 1912 statt.
4 Das Folgende bleibt räselhaft, da entsprechende Informationen über das Gothaische gesellschaftliche Leben, an dem Schuchardt und Ebart teilgenommen haben, fehlen. Es könnte sich bei den Namen um Verschlüsselungen handeln.
5 Constanța am Schwarzen Meer?
6 Nicht gedeutet!
7 Karl Heinrich Julius Graf von Salisch (1769-1838), 1792 herzoglicher Kammerjunker in Gotha; 1821 Oberhofmarschall; Mitglied der gothaischen Freimaurerloge, ab 1806 Meister vom Stuhle.
8 Entzifferung unsicher, Deutung unklar!!
9 Wortspiel für „Transsylvanien“, Ortsbezeichnung für den Thüringer Wald?
10 Lyda Freiin von Seebach (1841-1911), Tochter des sachsen-coburg-gothaischen Staatsministers Richard Camillo Freiherr von Seebach (1808-1894), Appellationsgerichtsrat und 1849 Staatsminister des Doppelherzogtums Sachsen-Coburg und Gotha.
