Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (09-02664)

von Paul von Ebart

an Hugo Schuchardt

Tutzing

17. 07. 1910

language Deutsch

Zitiervorschlag: Paul von Ebart an Hugo Schuchardt (09-02664). Tutzing, 17. 07. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7930, abgerufen am 31. 01. 2023.


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Tutzing, Hotel Simson1
17.7.10
am Starnberger See.

Hochgeehrter Freund und Gönner!

Vom Oberhaupt der Stadt Graz habe ich einen Pachtvertrag fürs Theater erhalten; ehe ich demselben näher träte, wäre es mir lieb, wenn Sie mir, hochgeehrter Herr Professor, etwas Näheres über die Grazer Theaterverhältnisse mitteilen wollten. Schmerzlich empfinde ich, daß man eine Kaution von 100,000 Kronen hinterlegen muß2, bzw. vorzeigen soll. Glauben Sie mir, daß ein Bankhaus in Graz sich finden wird, die [sic] mir, dem fremden Namen, eine derartige Summe zur Verfügung stellen würde? Bitte teilen Sie mir Alles was Sie |2| über Theater etc. wissen mit. Im Ganzen sind die einzelnen Paragraphen des Vertrags nicht schwer zu erfüllen – aber einige Zweifel hege ich, ob das Publikum ernste künstlerische Arbeit liebt, oder ob es mehr das heitere Genre der Literatur und in der Oper huldigt. Besonders gern möchte ich wieder eine Bühne leiten; ich kann ja ohne Theater nicht leben.

Seit Juni sitze ich unter strömendem Regen, ab und [an] ein Gewitter, oder ein Erdstößchen im alten Tutzing und arbeite an einer Biographie der Herzogin Alexandrine3. Die engere Heimath bietet mir gar nichts |3| mehr, die allzu Wilhelminischen Verhältnisse in Coburg sind mir unangenehm geworden. Alles wird an dem kleinen Hof dem großen Berliner nachgemacht.

Sie sehen also, ich lebe abseits vom Wege und habe kaum mehr Interesse an den Hof, dem ich über 34 Jahre angehört habe.

Bitte, lieber Herr Professor schreiben Sie mir bald und ausführlich.

In treuer Verehrung

Ihr dankbar

Ergebener

vEbart
Intendant z. D.


1 "Das alte Hotel Simson war ein Magnet in Tutzing“ (mit Photo aus der Zeit vor dem Abriß), vgl. https://vorort.news/tutzing/kommunalpolitik/2019/2/25/simson-kloster-bahnhofsviertel/

2 Es konnten keine Belege gefunden werden, dass Ebart die Kaution stellte und in Graz tätig wurde. Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass sich Schuchardt für ihn verwendet hatte. Der Grazer Theater-Almanach 1911, der rückblickend über das Jahr 1910 berichtet, erwähnt Ebart nicht.

3 Ebart, „Ein Lebensbild der Herzogin Alexandrine von S.-Coburg-Gotha, geb. Prinzessin von Baden (geb. 6. Dezember 1820, gest. 1904)“, [19] Bl., aus: Coburger Zeitung 1920-1921. Aufgeklebte Zeitungsausschnitte.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02664)