Walter Erving Crum an Hugo Schuchardt (30-02066)

von Walter Erving Crum

an Hugo Schuchardt

Bristol

15. 09. 1926

language Deutsch

Zitiervorschlag: Walter Erving Crum an Hugo Schuchardt (30-02066). Bristol, 15. 09. 1926. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2020). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7921, abgerufen am 31. 01. 2023.


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15.9.26
13 Cavendish Road
Bristol.

Lieber Herr Hofrat –

Wenn ich Ihnen nochmals schreibe, so soll dies Sie doch durchaus nicht zum nochmaligen schreiben Ihrerseits veranlassen; Sie haben wohl Besseres zu tun; ich schreibe blos um Ihnen für den Ihrigen zu danken und zu sagen, welch‘ eine Freude es mir gewesen von Ihnen wieder zu hören. Sie schickten mir dazu Ihren zweiten „Sprachwissenschaft“1 und ich habe sie natürlich gelesen; aber – solche Dinge liegen mir, leider, so fern, dass ich nur mühsam einen Teil des darin ausgeführten zu verstehen – mir anzueignen – im Stande bin. Heute bin ich – ich bin es ja seit Jahren schon – zu dem engsten Genus der Spezialisten geworden und verstehe weiter nichts als koptische Vokabeln – auch dort mit vielen, vielen Ausnahmen. Wenn mir nun Sie, oder irgend einer sprachlich geschulter Freund zur Seite |2| stände, dem ich meine viele kleine Probleme vorlegen könnte! Eins der Dringendsten ist die Schwierigkeit, ein koptisches Wort dem Aussehen nach zu erkennen: zu entscheiden, wo Koptisches aufhört und Nubisches, Berberisches, was weiss ich sonst, anfängt. Weit ausgedehntere Sprachkenntnisse sollte man besitzen als ich es tue, um darin richtig, halb-richtig, urteilen zu können.

Sind Ihnen vielleicht die Schriften unseres alten Theologen Rendel Harris2 bekannt? Als „wilder“ gilt er wohl meistens in Deutschland, so wie bei uns. Neulich hat er eine Theorie der Hethiter als kolonisierendes Wandervolk aufgestellt, welche sie westlich bis an den Rhein – die Chatti – bringt, mit hinterlassenen Spuren, durch sämtliche Mittelmeerländer. Dafür ist wohl Hrozny3 in erster Linie verantwortlich.

Mit erneuertem Gruss, auch von meiner Frau

Ihr ergebenster

WECrum


1 Schuchardt, „Sprachverwandtschaft II“, Sitzungsberichte der Preussischen Akademie der Wissenschaften 1926, 148-152.

2 James Rendel Harris (1852-1941), britischer Bibelwissenschaftler und Kurator der Handschriften der John Rylands Library, Manchester, der sich besonders der Erforschung der syrischen Handschriften widmete (wikipedia); hier kommt in Frage The early colonists of the Mediterranean“, Bulletin of the John Rylands Library 10,2, 1926.

3 Bedřich Hrozný (1879-1952), tschechischer Altorientalist; Verf. von Die Sprache der Hethiter; ihr Bau und ihre Zugehörigkeit zum indogermanischen Sprachstamm; ein Entzifferungsversuch, Leipzig: Hinrich’s, 1917.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 02066)