Willy Bang an Hugo Schuchardt (02-00499)

von Willy Bang

an Hugo Schuchardt

Louvain

27. 11. 1910

language Deutsch

Schlagwörter: Radloff, [Wilhelm Friedrich] Lagarde, Paul de

Zitiervorschlag: Willy Bang an Hugo Schuchardt (02-00499). Louvain, 27. 11. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2021). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7855, abgerufen am 29. 01. 2023.


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Materialien zur Kunde des älteren Englischen Dramas1
Louvain 27.XI.10

Hochverehrter Herr Kollege,

Ihre freundliche Karte war und ist mir bei meinem schweren Gange gegen Radloff2 und Genossen ein grosser Trost. Und Ihr Schlusspassus hat mich herzlich lachen machen! Sie werden schon in den eignen Säckel greifen müssen, wenn Sie „so was“ anbringen wollen. Übrigens glaube ich, dass unsere Akademie doch dafür zu haben wäre, und bitte Sie, mir den Artikel einzusenden, wenn Sie ihn wirklich schreiben. Und schrei- |2| ben sollten Sie ihn, denn dem Geschmiere, überhasteten Veröffentlichungen, Lobgehudel und Kritisieren muss einmal von kompetenter Seite Einhalt geboten werden. Nehmen Sie doch einmal unsere modernsprachl. Zeitschriften zur Hand: ½ jeder Nummer ist mindestens dem „Kritisieren“ geopfert und dann meist von Kritikern eingenommen, die die Bücher nur rezensieren, weil der Herausgeber weiss, dass die Betreffenden „gute Kerle“ sind, die die Sache regelmäßig abliefern.

Damit ist Niemand gedient, am aller- |3| wenigsten der Wissenschaft und deren Vertretern, die sich durch all den Wust durcharbeiten müssen und vor lauter „Sich-auf-dem-Laufenden-Halten“ nicht mehr dazu kommen, selbst zu produzieren. Und von der Überbürdung der Neuphilologen müssten Sie auch sprechen: greift doch eins ins andere: wir müssen, staatlich gezwungen, verflachen bei all dem was man von uns verlangt. Werden Sie uns ein zweiter Paul de Lagarde,3 dessen herrliche Stimme leider seit langem verstummt ist.

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Das einzige Mittel, die alte Gründlichkeit in der Philologie wieder zu erwecken, wäre die obligatorische Benutzung – der langen Pfeife! Mit ihr bewaffnet war der Biedermann ein Biedermann; die Cigarette4 hat sie vertrieben: so sind wir Windhunde geworden!

Mit herzlichem Gruss

und in alter, aufrichtiger Wertschätzung

Ihr Ergebenster

WB


1 Von Bang hrsg. Schriftenreihe zur englischen Sprache und Literatur. Im Jahr 1914 lagen 44 Bände dieser Reihe vor.

2 Friedrich Wilhelm Radloff (1837-1918), deutsch-russischer Turkologe und Orientalist: „1894 wurde R. zum Direktor des anthropologischen und ethnographischen Museums der Akademie in St. Petersburg gewählt. In den „Petersburger Jahren“ seit 1884 wandte sich R. neben Studien zu den lebenden Türksprachen mehr und mehr den älteren türk. Sprachen und Literaturen zu, wie den alttürk. Runen-Inschriften der Mongolei, dem karahanidischen (R.: uigurischen) islam. Kutadgu Bilig oder dem altuigurischen buddhist. Goldglanz-Sūtra. Viele seiner Arbeiten zu diesen Themen führten zu Auseinandersetzungen mit der „Berliner Schule“ der Turkologie um →Wilhelm Bang-Kaup (1869–1934)“ (Laut, Jens Peter, "Radloff, Wilhelm" in: Neue Deutsche Biographie 21 (2003), S. 96-97 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119238535.html#ndbcontent).

3 Paul de Lagarde (Paul Anton Bötticher) (1827-1891), einflußreicher deutscher Kulturphilosoph, Theologe und Orientalist mit antisemitischer Grundhaltung.

4 Die Pfeife steht hier für Ruhe und Beharrlichkeit, die Cigarette für Hast und Oberflächlichkeit.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 00499)