Julius Cornu an Hugo Schuchardt (117-01826)

von Julius Cornu

an Hugo Schuchardt

Leoben

06. 04. 1915

language Deutsch

Zitiervorschlag: Julius Cornu an Hugo Schuchardt (117-01826). Leoben, 06. 04. 1915. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Katrin Purgay (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7837, abgerufen am 06. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7837.


|1|

Leoben, 6. April 1915.

Lieber Freund

Ein Schweizer, der sich vor Monaten in Berlin aufhielt, gerieth in die Gesellschaft einiger Berliner. Er sprach nach meinem Urtheile recht vernünftige Dinge, woran ich mich jedoch nicht mehr erinnere. Darauf wurde ihm erwiedert: Die Neutralen verstehen nichts davon. Als geb. Schweizer nehme ich diese Antwort auch für mich in Anspruch.

Zu irgend einem Evangelium des Hasses – verzeihe diese Wortbindung – kann ich mich nicht aufschwingen:1|2| Wenn die Verse Guerra Junqueiro’s2 gegen die Engländer noch so sehr berechtigt sind, so wären sie in etwas geänderten Wendungen einst gegen die Portugiesen nicht weniger am Platze gewesen und gegen welche erobernden Völker wären sie nicht am Platze? Vereis amor da patria, não movido de premio vil sang Camões,3 aber viele seiner Zeitgenossen waren schon movidos de premio vil. Allerdings konnte der Dichter diese Helden der Gewinnsucht in seinem Epos nicht verwenden. Nach einem Ausspruch der Königin Victoria ist die Bibel die Quelle von Englands Grösse.4|3| Bibeln und neue Testamente haben die Portugiesen nicht verbreitet, aber ihre Missionstätigkeit in Ländern deren Moralbegriffe viel höher standen als die der Christen, stand kaum auf einer höheren Stufe als die der Engländer, welche in Jehova’s gesammelten Werken so richtig charakterisirt wird. Nun zu einem anderen Gegenstande. Durch einen Brief des Francisco Xavier de Oliveyra, der Sekretär der portugiesischen Gesandtschaft am Wiener Hofe gegen die Mitte des XVIII Jahrhunderts war, |4| habe ich einen wunderlichen Sprachmischer kennen gelernt. Wenn der Brief dich interessirt, bringe ich den Band mit, wo der Kauz charakterisirt wird.5

Mit herzlichen Grüssen

Dein
J. Cornu.


1 Zum deutsch-schweizerischen Verhältnis nach 1914 vgl. z. B. „Die politische auseinandersetzung zwischen W. v. Wartburg und Johann Ulrich Hubschmied“. Zusammengestellt von Johannes Hubschmied, herausgegeben, eingeleitet und angemerkt von Frank-Rutger Hausmann, ZrP 133, 2017, 1-29.

2 Vgl. A. M. Guerra-Junqueiro, Auswahl aus seinen Werken mit erklärenden Anmerkungen und einigen deutschen Nachdichtungen sowie einer Einleitung von Luise Ey. Heidelberg: J. Groos, 1921. Cornu bezieht sich hier allerdings auf Schuchardt, „Offener Brief“, Wissen und Leben 8/19, 1915, 601-613, hier 610.

3 Luis Vaz de Camōes, Os Lusíadas, Canto I, 1-2.

4 Vgl. das Gemälde von Thomas Jonas Baker „The Secret of England’s Greatness“ (Queen Victoria presenting a Bible in the Audience Chamber at Windsor).

5 Ein nicht nummeriertes Blatt von der Hand Cornus, welches nach HSA Brief 01827 eingeordnet ist, enthält den Text (oder einen Teil davon): „e por não augmentar exemplos, aqui tem V. M. o nosso insigne Portuguez Manoel João que fala Tudesco, Ungaro, e Turco muito mais barbaramente que todas as ditas naçoens. Francisco Xavier de Oliveira, Cartas familiares, historicas, politicas e criticas, discursos serios e jocosos. Tomo II. Haya 1742, p. 452“. Vgl. auch Cavaleiro de Oliveira, Memorias das viagens de Francisco Xavier de Oliveyra, Amsterdam 1741 (mit ähnlichen Textproben).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01826)