Julius Cornu an Hugo Schuchardt (052-01761)
von Julius Cornu
an Hugo Schuchardt
23. 02. 1890
Deutsch
Schlagwörter: Reis Gonçalves Viana, Aniceto dos Cornu, Julius (1888) Deus, João de (1804) Schuchardt, Hugo (1889) Schuchardt, Hugo (1889) Schuchardt, Hugo (1889) Schuchardt, Hugo (1889)
Zitiervorschlag: Julius Cornu an Hugo Schuchardt (052-01761). Prag, 23. 02. 1890. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Katrin Purgay (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7772, abgerufen am 11. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7772.
Prag, den 23 Februar 1890.
Lieber Freund,
Später als ich es dachte komme ich dazu, den ersten Theil Ihres Schreibens vom 29 Januar zu beantworten.1
Was Sie über ão und ãi [schreiben] ist durchaus begründet, ebenso das über Gutturalisierung der Vokale, welche sich nicht auf a beschränkt. e an tonloser Stelle ist meinem Gehör nach kaum verschieden vom franz. e muet. Das verdi im Creolischen ist aus Fällen wie vḙrdi ḙrva2 hervorgegangen. Das erste a in cama ist nach der Aussprache von Lissabon nicht nasal: ich gab mein besseres Wissen gegen die Angabe von João de Deos3 auf, welche irgendwo von Leite de Vasconcellos unterstützt wurde. João de Deos ist aus dem Algarve gebürtig und hat |2| in seinem Wörterbuch zahlreiche feine Unterscheidungen, welche man in Lissabon nicht kennt. Überhaupt sind in den ersten Seiten der port. Grammatik manche Angaben vorhanden, welche ich bedaure und welche entfernt worden wären, wenn ich es noch gekonnt hätte. Wo es noch möglich war, habe ich im Verlauf der Arbeit das richtige Sachverhältniss hergestellt. Wenn auch dasjenige, was Sie mir mittheilen, mir nicht entgangen ist, so danke ich Ihnen für das warme Interesse, welches Sie mir entgegenbringen.
Ebenso erwünscht wie Ihre brieflichen Mittheilungen waren mir Ihre Aufsätze, wenn ich auf die Lektüre von A Magyar Nyelv Román Elemeihez4 verzichten muss. |3| Was eiro, eiroz5 betrifft mache ich mich vor Ihrem besseren Wissen mäuseklein. In Bezug auf chouriço mögen Sie auch recht haben, wenn auch eine Verbindung mit chorume und chorudo durchaus nicht fest steht. In einer altport. Stelle fand ich chorume so gebraucht, dass eine Grundlage *FLORUMEN kaum abzuweisen sein wird. Ihre Deutung von fofo werde ich mir zu Nutzen machen.6 Gegen meine Etymologie hat schon Gonçalves Vianna7 Protest eingelegt. Ich hatte Recht dieselbe stehen zu lassen; denn sie hat ihre wohl richtige Etymologie zu Tage gefördert.
Da Sie S. 528 gerade von calar sprechen, so möchte ich wissen, ob Sie die angenommene Grundlage für richtig halten. Ich hege dagegen |4| schon lange einen hartnäckigen Zweifel und zwar ist derselbe ähnlicher Art, wie derjenige, den Sie gegen eine andere Grundlage für aller als AMBULARE selbst vorbringen. In der Entwicklung von andare, annar und aller nehme ich jedoch mehr Lautliches an als Sie. Denn die Abweichungen von der klassischen Form sind wahrscheinlich sehr alt, wenn sie auch nirgends nachgewiesen sind. Von einer Grundlage +AMBUNARE, die lautlich wohl möglich ist, würden alle rom. Formen ohne Schwierigkeit hervorgehen: denn eine Dissimilation von +AMBUNEMUS in AMBUDEMUS wäre wohl keine zu kühne Vermuthung.
Ist lęrdo wirklich portugiesisch, so ist die angenommene Grundlage für das sp. Wort ebenfalls unhaltbar.
Bei árdego habe ich auch an ähnliches gedacht und den richtigen Weg vielleicht verfehlt. Meine Etymologie gründet sich auf Isidor, welcher ÁLACER und ALÁCRIS verschieden erklärt und offenbar als zwei Wörter betrachtet. Die Erklärung von |5| ÁLACER stimmt mit derjenigen Bedeutung, welche das port. Wort hat, vorzüglich überein. Was pg. -ẹgo, sp. -iego betrifft, so bedarf dieses Suffix noch einer eingehenden Untersuchung. „Auch wäre auf port. - adẹgo8 ˃ -aticus zu verweisen, worüber ich bei Cornu vergeblich nach Auskunft suche“ sagen Sie S. 531.9 Dass ich eine so auffällige Erscheinung könnte übersehen haben, überrascht mich so sehr, dass ich das Bett verliess, wo ich die Influenza curirte, um mich von diesem Versehen zu überzeugen. Ich gestehe, dass ein Suffix adẹgo10 mir unbekannt ist und bitte Sie, meiner Unwissenheit zu Hülfe zu kommen. Ich theile im Weiteren Ihr Bedenken wegen manteija. Die schlechte Butter, welche man in Portugal zu kosten bekommt, lässt nicht den Gedanken aufkommen, dass ein lat. Wort zur Bezeichnung derselben dienen könnte.11
Ich hätte nicht meine Deutung von vadio für diejenige von Gonçalves de Vianna aufgeben |6| sollen. Die Bedeutung stimmt viel zu gut zu +VAGATIVUS, als man anderswo zu suchen hätte. Obgleich das Folgende mich nicht so sehr direkt berührt, so bin ich auch der Meinung und sage es Ihnen, dass ich ebenfalls für disio deseo die Grundlage DESIDIUM annehme, glaube aber nicht dass DESIDERIUM irgend wie in Betracht kommt.
Manches, was hoffentlich ebenfalls Ihr Interesse erwecken wird, habe ich in meinen Papieren, bin aber durch anderweitige Beschäftigung daran gehindert, es druckfertig zu machen.
Mit herzlichen Grüssen
Ihr dankbarer
J Cornu
1 Vermutlich hatte Schuchardt brieflich zu Cornus Kapitel „Die portugiesische Sprache“ im Grundriss (I, 1888, 715-803) Stellung genommen
2 Im Original hat das „e“ einen in den Zeichensätzen nicht vorhandenen umgekehrten Zirkumflex.
3 João de Deus (1732-1797), O. E. S. A., Diccionario historico, juridico, e theologico, que contem as peças mais interessantes pertencentes á historia ecclesiastica, á jurisprudencia, e á theologia, Porto: Typ. de Antonio Alvarez Ribeiro, 1804.
4 Schuchardt, „A magyar nyelv román elemeihez“, Magyar Nyelvőr 18, 1887, 385-396, 433-442.
5 Schuchardt, „Port. eiró, eiroz; span. chorizo, port. chouriço, -a'“, ZrP 13, 1889, 525-526.
6 Schuchardt, „Span. port. fofo“, ZrP 13, 1889, 527.
8 Im Original „ẹ“ mit accent aigu.
9 Schuchardt, „Franz. aller; span. lerdo u. s. w.; port. árdego; span. port. lóbrego; port. manteiga, span. manteca; port. vadio“, ZrP 13, 1889, 527-532.
10 Im Original „ẹ“ mit accent aigu.
11 Schuchardt, loc. cit. 531. Wenn er Kritik an Cornu übt, „il dore la pilule“, denn das klingt wie folgt „Mein Freund möge mich entschuldigen; er durchwandert das so wechselvolle Terrain des Portugiesischen mit bewundernswerter Ortskenntnis, ich glaube aber daß ein oder das andere Mal die Furcht vor einem ,mauvais pas‘ ihn zu Umwegen veranlaßt auf denen er sich schließlich versteigt“.
