Julius Cornu an Hugo Schuchardt (051-01760)

von Julius Cornu

an Hugo Schuchardt

Prag

01. 02. 1890

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Basel Universität Leipzig Mussafia, Adolf Rolin, Gustav Thurneysen, Rudolf Gilliéron, Jules Salvioni, Carlo Gartner, Theodor Pogatscher, Alois Vargas, Jeronimo de (1553)

Zitiervorschlag: Julius Cornu an Hugo Schuchardt (051-01760). Prag, 01. 02. 1890. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Katrin Purgay (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7771, abgerufen am 18. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7771.


|1|

Prag den 1 Februar 1890

Lieber und sehr verehrter Freund;

Den Schluss Ihres Briefes beantworte ich zuerst und danke für das mir sehr willkommene Philologische, worauf ich später (und zwar bald) eingehen werde. Dass M.1 demnächst um einen Urlaub einkommen will, ist mir im Augenblick nicht gerade erwünscht. Vor Neujahr bin ich selbst um Urlaub für den Sommer eingekommen, damit ich zu einer Grammatik des Spanischen die nöthigen Mittel an Ort und Stelle sammeln kann. Da ich seit meiner Berufung nach Prag niemals um einen Urlaub eingekommen bin, hoffe ich, dass meine Bitte vom h.kk. Ministerium gewährt wird. |2| Nähere Mittheilungen über die Lehrverpflichtungen des neuen Extraordinariats in Wien habe ich nicht, obgleich vor etwa einem Jahre mir Prof. Mussafia von seiner Absicht einen zweiten Vertreter der rom. Philologie als Extraordinarius in Vorschlag zu bringen etwas verrieth. Ich besprach nämlich mit ihm die Lehrverpflichtungen der zukünftigen Lectoren, da ich damals für Prag einen Lector des Französischen vorzuschlagen hatte. Er war mit meinen Anschauungen im Ganzen und Grossen einverstanden, und ich liess auf meine Forderungen an den Lector einen Punkt fallen, damit ich seinem Vorschlage mit dem |3| meinen beim hohen kk. Ministerium nicht in die Quere komme. Es wäre mir nämlich erwünscht gewesen, dass der Lector mit den neu eintretenden Studirenden leichte altfr. Texte hätte lesen dürfen, damit ich sie dann um so besser für meine Vorlesungen und Seminarübungen vorbereitet erhielte. Dem Dr Rolin2 konnte ich mit gutem Gewissen diese Aufgabe zuweisen. Prof. Mussafia fragte mich auch, ob ich nicht für Prag ebenfalls einen Extraordinarius in Vorschlag bringen könnte, wodurch unserem Fache besser gedient würde, worauf vom theoretischen Standpunkte Nichts einzuwenden wäre. Ich musste ihm darauf antworten, dass dieser |4| Vorschlag hier gar keine Aussicht auf Erfolg hätte. Bei der geringen Anzahl von Studirenden, welche sich den romanischen Studien widmen, und welche beinahe durchwegs Lehramskandidaten sind, denen daher vor allem das Französische am Herzen liegt, wäre es einstweilen ein eitles Beginnen noch einen zweiten Professor vorschlagen zu wollen. In so lange das Französische oder Italienische an den Gymnasien nicht ein obligater Gegenstand geworden ist, werden wir hier zu Lande immer ein Studentenmaterial haben, welches das deutsche oder schweizerische an Vorbildung nicht erreicht, und deshalb den Professor |5| zwingt, sich häufig mit Dingen abzugeben, welche die Gymnasien übernehmen sollten. Sehe ich nun auf meine eigenen Lehrerfolge in Prag seit meiner Berufung zurück, so können sie in keiner Weise mit denen in Basel verglichen werden, wo ich als Schüler Thurneysen,3 J. Gilliéron4 und Carlo Salvioni5 hatte, der damals allerdings ein rechter Schlingel war und erst später zur Vernunft gekommen ist. Nach Allem, was ich höre, sind die Erfolge an der tschechischen Universität um kein Haar besser als an der deutschen, im Gegentheile sollen sie noch um ein Bedeutendes geringer sein, obgleich die Anzahl der Studirenden eine grössere ist. Es war immer |6| meine Bemühung die Anforderungen nicht allzu niedrig zu stellen. Nach den vorhandenen Verhältnissen, denen man Rechnung tragen muss, kann ich nur das als richtige Aufgabe betrachten, tüchtige Lehramtskandidaten auszubilden. Wie ist es auch möglich von Studirenden, die mit täglichen Nahrungssorgen geplagt sind, hohe Ziele zu verlangen? Meine Vorlesungen habe ich daher mehr und mehr auf das Französische eingeschränkt, nicht etwa aus Vorliebe oder Faulheit, sondern weil die Verhältnisse es so verlangen. Wollten einige meiner Zuhörer ihren Gesichtskreis weiter ausdehnen, so habe ich zu Hause für sie Übungen abgehalten. Bei der grösseren Anzahl und Auswahl von Studirenden, welche der Romanist in Wien vorfindet, ist es wohl |7| am Platze, dass zwei Professuren bestehen.

Sollte sich unser hochverehrter College pensioniren lassen, so gehören Sie nach Wien, und weder Gartner6 noch ich sind durch ihre Leistungen irgendwie berechtigt mit Ihnen zu konkurriren. Nicht den letzten Antrieb zur Annahme der Pragerprofessur hat mir die Hoffnung gegeben, dass ich hier als Universitätsprofessor die spanischen Schätze der K. Hofbibliothek leicht würde benützen können. Diese Hoffnung schlug fehl7 und noch vor kurzem wurde ich mit der Bitte um Übersendung der Bibel von Ferrara, wovon die genannte Bibliothek zwei Exemplare besitzt,8 aus nichtigen Gründen abgewiesen. An Ort und Stelle |8| würde ich manche Arbeiten zu Ende führen können, welche ich nun liegen lasse, weil ich fühle, dass mir zu viel fehlt, um sie nach meinem Sinne auszuführen. Vor der Versöhnung habe ich in Prag nicht unglücklich gelebt, mit der Versöhnung zieht das goldene Zeitalter ein!!!9

Was Sie mir von Ihrem Entschlusse sagen, den ich durchaus nicht als einen unabänderlichen betrachte und betrachten kann, bleibt unter uns, wie ich Ihnen nicht einmal zu versichern brauche.

Prof. Pogatscher10 habe ich sehr lieb gewonnen und schätze ihn sowohl wegen seiner Tüchtigkeit als seines liebenswürdigen Wesens sehr hoch.

Mit den herzlichsten Grüssen

Ihr freundschaftlich ergebener

J. Cornu


1 Vermutlich Mussafia in Wien; in Prag gab es niemanden mit dieser Initiale, und Meyer (Meyer-Lübke) wurde erst in diesem Jahr nach Wien berufen. Es wäre möglich, daß angesichts der geringen Zahl österreichischer romanistischer Ordinariate nicht mehr als eines pro Semester unbesetzt gewesen sein sollte.

2 Gustav Rolin (1863-1937), österr. Romanist, Schüler Cornus; zu Einzelheiten vgl. Romanistenlexikon. Er stammte aus Vincennes, war 1888 von Cornu promoviert worden und sollte sich 1894 auch in Prag habilitierten.

3 Rudolf Thurneysen (1857-1940), Schweizer Romanist und Keltist, der seine akademische Karriere in Deutschland machte.

4 Jules Gilliéron (1854-1926), Schweizer Romanist und Dialektologe, ab 1876 in Paris.

5 Carlo Salvioni (1858-1920), Schweizer Romanist und Dialektologe, der in Basel und Leipzig studierte, aber ab 1888 in Italien Karriere machte.

6 Theodor Gartner (1843-1925), vgl. HSA 03348-03570. Die Zahl der damals tätigen romanistischen Ordinarien war durchaus überschaubar, selbst wenn man zu Graz, Innsbruck und Wien noch Czernowitz und Prag hinzuzählt.

7 Vgl. HSA 01733 (Cornu macht den Bibliothekspräfekten Ernst von Birk für seine Schwierigkeiten verantwortlich).

8 Biblia En lengua Española traduzida palabra por palabra dela verdad Hebrayca por muy excelentes letrados vista y examinada por el officio dela Inquisicion; Con priuillegio del Yllustrissimo Señor Duque de Ferrara, Ferrara: de Vargas, 1553 [Übers.: Duarte Pinel]. Die ÖNB stellt das 866 S. umfassende Werk als Digitalisat zur Verfügung.

9 Cornu spielt vermutlich auf die Spaltung der deutschen von der tschechischen Universität im Jahr 1882 an.

10 Vgl. Brief 01757.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01760)