Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (133-01170)

von Ferdinand Blumentritt

an Hugo Schuchardt

Leitmeritz

23. 01. 1890

language Deutsch

Schlagwörter: Revue Coloniale Internationale Politik- und Zeitgeschichte Literaturhinweise / bibliographische Angaben Publikationsversand Biographisches Solaridad Korrespondenzbeilagen Universitätsbibliothek Grazlanguage Küchenspanisch Meyer, A. B. Pardo de Tavera, Trinidad Hermenegildo Rizal, José Sichrovsky, Harry (1983) Multatuli, Edward Douwes Dekker (1860) Schuchardt, Hugo (1890) Fernández Rodríguez, Mauro (2010)

Zitiervorschlag: Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (133-01170). Leitmeritz, 23. 01. 1890. Hrsg. von Veronika Mattes (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.769, abgerufen am 02. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.769.

Printedition: Mattes, Veronika (2010): "Sa Profesor Schuchardt munting alay ni F. Blumentritt": Die Briefe Ferdinand Blumentritts an Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 74., S. 63-237.


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23. Januar 1890

Verehrter Freund!

Sie ahnen es gar nicht, welche Freude Sie mir mit ihrem lieben Schreiben bereitet haben. Es ist nicht so sehr das Lob, das Sie mir spenden (obwohl es mir durchaus nicht gleichgültig ist), sondern die freudige Überraschung zu sehen, dass ein Mann wie Sie meine Ideen über die farbigen Asiens etc. theilt. Ich bin mit allem, was Sie sagen, einverstanden u. gehe in manchem weiter noch wie Sie. Ich bin ein vollständiger Rassendemocrat, der die natürliche Gleichheit der Rassen auf sein Panier gesetzt hat. Es ist ein Zeichen großer Gedankenlosigkeit jenen farbigen Menschen eine der unseren gleiche Intelligenz abzusprechen. Alle Völker haben ihre Wilden. Was ist unser ungebildeter u. halbgebildeter Bauer? Ein Trottel, stumpfsinnig, dumm verschmitzt u. viehisch. Unser Fabriksarbeiter? Ah, schweigen wir lieber. Aber natürlich, wir vergleichen immer die meist im Bauer-Fabrikssklavenstande lebenden Farbigen nicht mit unseren diesbezüglichen Ständen sondern mit den Spitzen unserer Gesellschaft! Ich glaube ein Vergleich zwischen dem bayrisch-östr. Bauer (vom Slavischen will ich erst gar nicht reden) mit dem Javanen u. dem indio civilizado würde verdammt schlecht für unsere Stammesgenossen ausfallen. Über das ähnlich schiefe Urtheil, das man über die Mischlinge fällt, habe ich (freilich nur "die Sache streifend") seinerzeit in der nun eingegangenen Amsterdamer Internationalen Revue Coloniale gesprochen. Die Mischlinge sind ja meistens Sprößlinge eines Concubinats, Bastarde, die von der ungebildeten Mutter nicht gut erzogen werden können. Unter ähnlichen Verhältnissen sehen wir bei unseren Bastardeln dasselbe. Ich halte es mit denjenigen, welche gerade in der Kreuzung der Rassen u. Stämme den Fortschritt zu Besserem erblicken.

|2| Die philippinischen Indios civilizados sind eben keine reine Rasse mehr, abgesehen von uralten mongolischen (nicht-chinesischen) Beimischungen, sind sie seit der spanischen Aera sehr mit spanischem u. chinesischem Blute gemengt. Ersteres wird besonders durch die Frailes besorgt, welche in der copula carnalis das möglichste leisten. Es ist also hier ein richtiger Amalgamierungsprocess vorhanden oder vielmehr "geht vor sich".1

Sie haben Recht, wenn Sie sagen, dass das wahre Heil der Philippinen in der Loslösung vom Mutterlande liegt. Aber, diese Loslösung könnte nur mit Strömen von Blut erkauft werden u. dann würde erst noch eine Epoche von Revolutionen etc. folgen. Die Philippinen wollen mit dem guten sich begnügen u. auf das bessere verzichten. Werden die Spanier nicht klüger und wird die Frucht reif, dann wird eben die Birne vom Baume von selbst abfallen. Ich bin ein grundsätzlicher Gegner jeder Revolution, jeder Conspiration, jeder Bewegung, welche nicht die Garantie einer Besserung der Zustände aufzuweisen im Stande ist. Ein magerer Vergleich ist besser als ein fetter (d.h. hier: blutiger u. entkräftender) Process. Wir werden sehen.2 Ein Umschwung ist in der spanischen Anschauung schon eingetreten. Die in Madrid u. Barcelona lebenden Philippiner schreiben mir, dass heute von der peninsularen liberalen Presse Deductionen der philippinischen Politiker gebilligt werden, die vor wenigen Jahren noch als Hochverrath angesehen worden wären. Selbst meine bescheidenen Artikel haben bei all der blinden Wut der getroffenen Kreise ihre Wirkung nicht verfehlt: Die Spanier Manilas trauen sich nicht mehr die Indier als Rasse zu beschimpfen u. ziehen sogar frühere Äußerungen insofern zurück, in dem sie behaupten, sie wären nur gegen die clase baja gerichtet gewesen.

Ich glaube, die philippinischen Zustände lassen sich nicht mit Angloindien vergleichen, denn die Hindus u. Drawidas gehören einer anderen Civilisation als der unseren an, während die indios civilizados sich der europäischen angeschlossen haben.1)

Das Buch Chakopâdhyâya habe ich nicht gelesen.

Glauben Sie nicht, dass ich den Portugiesen abhold bin!

Gott bewahre! Ich besitze noch Landkarten, die ich als Knabe gezeichnet, wo ich in meinen kindlichen Phantasien beinahe die ganze Erde zwischen Deutsche, Spanier u. Portugiesen (z. Theil auch Italiener)

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vertheilte (nur den Franzosen, Angelsachsen, Russen u. Mohamedanern gieng es schlecht.) Ich nehme herzlichen Antheil an dem Unglück der Portugiesen, das ihnen durch die Krämerseelen des hochmütigen Albions zutheil wird.3 Ich möchte es gerne erleben, wenn Russland, England u. die Yankees einmal gehörig gedemütigt würden. Ich hasse diese Schecherer und Despotenseelen!

Haben Sie Max Havelaar4 gelesen? das interessanteste Buch über Holländisch-Ostindien, das ich je gelesen. Ich besitze den holländischen Urtext, er steht ihnen zur Verfügung.5

Die eigentlichen Malayen sind durch den entsetzlichen Islam versumpft. Mit dem Christenthum kann nur der Buddhismus u. der jap. Ahnencultus rivalisieren. Der Islam tödtet.

Wenn Sie zu Serrano's Anzeige tagalische Lexika brauchen, warum wenden Sie sich nicht an A.B. Meyer, der gerne seine Bücher leiht? Inliegend erhalten Sie einen Ausschnitt mit Küchenspanisch6. Wenn Sie Pardo de Tavera's letzte Arbeit nicht erhalten haben, so kann ich Ihnen eines meiner beiden Exemplare geben.

Ich weiß mir nicht das Verhalten Pardo's gegen Sie zu erklären7, ich bin doch von einem entsetzlichen Freimuth gegen ihn u. er nimmt nicht nur alles gütig auf, sondern überschüttet meine Kinder u. meine Frau bei jedem Anlasse mit Geschenken, obwohl ich armer Schlucker gar nicht in der Lage bin, sie auch nur durch eine Kleinigkeit zu ersetzen. Dies gilt überdies von allen Philippinern. Wildfremde Filipinos schicken mir Cigarrentaschen, Statuen, Stöcke, silberne Zahnstocher u. Gott weiß was alles. Seidentücher u. dgl., manchmal komme ich durch die Zollspesen in nicht geringe finanzielle Verlegenheiten, besonders wenn sie mir Cigaretten, Cigarren, Tabak schicken, was regelmäßig in Triest confisciert wird u. wofür ich noch Strafe zahlen muss. Nur wenn es über Bodenbach kommt, da ist das Zollamt so freundlich mich zu benachrichtigen u. ich komme mit der Tabaklicenz davon.

Ich schicke Ihnen heute meine Consideraciones8 (Rizal übersetzte es aus meinem deutschen Manuscript), ferner Zeitungen. Das Eco de Panay wollen Sie sich behalten, die Solaridades erbitte ich mir aber zurück, da es meine letzten Exemplare sind, sollte ich noch welche |4| nachgeschickt erhalten (ich habe um weitere Exemplare gebeten), so werde ich sie Ihnen nochmals senden.

In der Sylvesternummer sind 3 Producte meiner Feder, die Nummer v. 15. Januar enthält den ersten Theil meiner Antwort auf den im Eco de Panay reproducierten Artikel Lacalle's.

Die Zeit drängt, ich muss schließen. Erfreuen Sie mich recht bald mit ein paar Zeilen!

Es umarmt Sie Ihr getreuer
F. Blumentritt

1) ich glaube sogar, dass bei einer Vertiefung der Schulbildung die indios civ.os uns näher stehen werden, als die griechisch-orthodoxen Europäer. Sie werden das vielleicht als eine Illusion belächeln, aber wenn ich Zeit hätte, ausführlicher zu werden, Sie würden mir beistimmen.


1 Die spanischen Mönche lebten häufig im Konkubinat mit Philippinerinnen. Die spanisch-philippinische genetische Vermischung ist großenteils darauf zurückzuführen. Über Machtausübung und Machtmißbrauch der spanischen Mönche und die „Aufklärungsarbeit“, die Rizal diesbezüglich bei Blumentritt, einem überzeugten Katholiken, leistete, s. Sichrovsky (1983: 44-49).

2 Zu diesem Zeitpunkt war Blumentritt einer Revolution gegenüber noch ablehnend eingestellt, er setzte auf die Kraft einer Reform. Dies sollte sich jedoch ändern. Im Laufe der Zeit wurde er, im engen Austausch mit Rizal, zu einem Befürworter und moralischem Unterstützer einer anti-spanischen Revolution. Mehr dazu siehe Sichrovsky (1983: 102-110).

3 Dies bezieht sich offensichtlich auf das britische Ultimatum gegenüber Portugal vom 11. Januar 1890, indem ein Rückzug der portugiesischen Streitmacht aus der britisch besetzten Region zwischen den portugiesisch besetzten Ländern Angola und Mosambique gefordert wurde. Dieses Ultimatum wurde von den Portugiesen als große Demütigung empfunden.

4 Multatuli (Edward Douwes Dekker) (1860). Max Havelaar of de koffijveilingen der Nederlandsche Handelsmaatschappij. Der bekannte Roman setzt sich kritisch mit der Kolonialpolitik der Niederländer auf Java auseinander.

5 Schuchardt zitiert in ( 1890: 44) aus dem Buch nach der 5. Ausgabe von 1881 (Rotterdam). Es ist dies wohl das Exemplar, das Blumentritt ihm am 29. Januar 1890 geschickt hat (s. Brief Nr. 1171).

6 Welche Beilage hiermit gemeint ist, kann leider nicht rekonstruiert werden.

7 Möglicherweise wartet Schuchardt vergeblich auf eine Antwort oder eine Sendung Pardo de Taveras. Der letzte erhaltene Brief Pardo de Taveras an Schuchardt ist vom September 1885 (s. Fernández 2010, dieser Band).

8 Dieses Exemplar befindet sich in der UB Graz. Darin in Blumentritts Handschrift einige Korrekturen.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01170)