Wendelin Förster an Hugo Schuchardt (01-03092)

von Wendelin Förster

an Hugo Schuchardt

Bonn

05. 12. 1878

language Deutsch

Schlagwörter: language Rumänischlanguage Spanischlanguage Portugiesischlanguage Französischlanguage Provenzalisch Baum, Richard/Tappert, Birgit (1993) Diez, Friedrich Christian (1836–1838) Foerster, Wendelin (1878) Hirdt, Willi (1993)

Zitiervorschlag: Wendelin Förster an Hugo Schuchardt (01-03092). Bonn, 05. 12. 1878. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7100, abgerufen am 31. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7100.


|1|

Bonn 5. Dec 78

Geehrter Herr Kollege,

mein Plan, meine Rückreise aus Italien1 über Graz zu nehmen, konnte wegen Mangel an Zeit u. a. nicht ausgeführt werden, daher ich schriftlich Ihnen näheres betreffs der Bearbeitung der neuen Auflage der Diezschen Grammatik, für welche Sie Walachisch2 übernommen haben, mittheile.1.) Die 3. Auflage (1. – 3. Band) wird unverändert abgedruckt (mit ausmerzung von druckfehlern – angaben3 sind willkommen), bloß wichtige Varianten der früheren, bes. der 2. auflage kommen unter den text.4

2.) Ein selbständiger, einzeln verkäuflicher Band, Nr. 4, wird als anhang ausggb. u. wird Nachträge u. Besserungen enthalten.5 Was also Band 2. und 3. anlangt, wird alles, was nach dem heutigen Stand unsrer Wissenschaft anders erklärt wird u. was neues hinzugekommen ist, direct mit Bezugnahme auf den Diezschen Text berichtigt, resp. eingefügt. Höchstens wird ein selbständiges Kapitel (Normalcasus) dazukommen.

Diese Methode erweist sich für den 1. band, die Lautlehre als undurchführbar. Daher st. die Berichtigungen u. Nachträge, die hier notwendig wären, diesmal ohne Beziehung auf den Diez’schen Text folgen, Neues selbständig gegeben wird.

1.) allg. Einleitung über Laute, zugleich als Erklärung des phonet. alfabets (wir nehmen Ascoli’s Transcription Saggi ladini I an; wenn Sie mehr Zeichen brauchen, so wählen Sie sich dieselben)

2.) allgemeine Einleituung, die Geschichte der Änderung der lat. Laute betreffend – wieder Ascoli.6

|2|

Dann eine kurze, gedrängte Lautlehre für jede einzelne romanische Sprache ( 1-2 bogen höchstens); Ascoli übernimmt Italienisch, u. Ladinisch, Coelho spanisch u. portugiesisch, Sie haben walachisch zugesagt, ich nehme französisch. Für Provenzalisch suche ich noch. Ascoli bietet jetzt Catalanisch u. Spanisch Mussafia an (in diesem Falle hätte Coelho ptg. allein) – doch weiß ich nicht, wie es mit M. steht u. ob derselbe im Stande sein wird anzunehmen. Für band 2 usf. liefert auch Flechia für Italienisch bei.

Was die Anlage dieser Lautlehren anlangt, so schwebt mir eine Änderung, wie ich sie im Rhein. Museum 1878 vorgenommen vor7 u. bes. nach Ascolis Saggi.8 Die Mitarbeiter bekommen zudem Ascolis Einleitung gedruckt zugeschickt –

Die Gesammtredaktion werde ich vornehmen; ich brauche wol nicht zu sagen, daß ich mich möglichst drauf beschränken werde, eine gewisse Gleichartigkeit einzuführen; bei innerem Widerspruch zwischen Mitarbeitern wird über eine Form, die beiden gerecht wird, verhandelt werden.

Was die Zeit anlangt, so sind Berichtigungen des Diezschen Textes (Druckfehler, falsche Citate usf.) sofort erwünscht u. möglichst bald einzusenden. Die Beiträge für den Anhangband sind bis Ende 1879 einzusenden u. zwar spätestens.

Dies ist im Großen u. Ganzen der Plan, wie er sich durch verschiedenartige Besprechungen nach und nach herausgeschält hat. Es thut mir leid, nicht mündlich mit Ihnen verkehrt zu haben. Ich muß Sie also bitten, mir schriftich Ihre Ansicht mitzutheilen, Änderungen usf. vorzuschlagen, Rath zu geben – damit endlich der definitive Plan, mit Zustimmung aller, angenommen werden kann.9

Mit besten Grüssen

Ihr ganz ergebener

WFoerster

Wenn sie mit GMeyer10 verkehren viele herzliche Grüße an ihn. Wenn er noch nicht weiß, warum ich Anf. Sept. nicht nach Florenz gekommen,11 so können Sie ihm sagen, daß ich das stete Deutschsprechen in Italien satt hatte u. mal unter Eingeborene kommen wollte, was mir dann wirklich geglückt ist.


1 Im August und September d. J.

2 Dieser Teil (Walachisch = Rumänisch) ist von Schuchardt nicht geliefert worden. Foerster schreibt dazu (16.12.1878) an Ascoli: „Schuchardt hat mir auf meine Anfrage geantwortet, dass er von dem Augenblicke an den Gedanken an eine walach. Grammatik u. sonstige Mitarbeiterschaft aufgegeben habe, als er Gasters Aufsatz über rumän. Vocale im Gröberschen Journal gelesen, er könne mit dem eingeborenen nicht concurrieren“ (Hirdt, Romanistik. Eine Bonner Erfindung II, 1010).

3 Foerster ist ein quirliger Geist, wie seine Handschrift spiegelt, die im Lauf der Jahre immer unleserlicher und verschliffener wird und in der z.B. Groß- und Kleinschreibung ohne System wechseln.

4 Friedrich Christian Diez, Grammatik der romanischen Sprachen , Bonn: Weber, 31870-72, 3 Bde.

5 Es gibt zu diesem Zeitpunkt aber bereits einen 1875 erschienenen 4. Bd. (Anhang: Romanische Wortschöpfung), den Diez noch verantwortet hatte, wie das auf den Oktober 1874 datierte Vorwort ausweist.

6 Vgl. auch Foersters Briefe an Ascoli bei Hirdt, Romanistik. Eine Bonner Erfindung II, 1003-1010, 1013-1015.

7 Foerster, „Bestimmung der lateinischen Quantität aus dem Romanischen“, RM, N. F. 33, 1878, 291-299 u. „Nachtrag“, ebd., 639f.

8 Ascoli, Saggi e appunti, Mailand: Tip. Zanetti, 1867.

9 Das Projekt wurde, wie bekannt, nicht verwirklicht. Zu Einzelheiten vgl. Hirdt, „Wendelin Foerster“, in: Hirdt / Baum / Tappert, Romanistik. Eine Bonner Erfindung 1,1993, 161-162: „Für das Rumänische ist Hugo Schuchardt vorgesehen, der bereits im Mai 1878 einen Vertrag unterzeichnete, für das SpanischeAlfred Morel-Fatio und für das PortugiesischeFrancisco Adolfo Coelho; sich selbst behält Foerster die Bearbeitung des Französischen und eventuell des Provenzalischen vor. Aber Foerster hat, wie ein reich dokumentierter Briefwechsel in diesem Zusammenhang zeigt […], das Gewicht der wissenschaftlichen Erbhöfe und nationalen Interessensphären unterschätzt, die sich noch zu Lebzeiten Diezens herausgebildet haben. Mit unterschiedlichen Gründen tritt ein Mitarbeiter nach dem anderen von dem Unternehmen zurück, Ascoli endgültig im Dezember 1878. Ein wichtiges Motiv für das sich abzeichnende Scheitern ist ein fast identisches Projekt, das der ehemalige Diezschüler Gaston Paris seit 1874, zusammen mit Auguste Brachet und A. Morel-Fatio, erfolgreich in Arbeit hat. Seinem Freund Ascoli gibt G. Paris neben sachlichen Bedenken gegen den Foersterschen Plan in einem Brief am 23.11.1878 auch seine subjektiven Vorbehalte gegen die Person Foersters preis, mit dem ers sich seit dem Erscheinen des Aiol heftig entzweit hatte. […] So endet denn ein enthusiastisch in Angriff genommenes Unternehmen von europäischer Dimension sang- und klanglos, mit einem für Foerster deprimierenden Ausgang. Als die fünfte Auflage der Grammatik 1882 schließlich erscheint, erhält sie zusätzlich nichts weiter als einen Index, den Foersters Schüler F. Apfelstedt und E. Seelmann erstellt haben“.

10 Gustav Meyer (1850-1900), Indogermanist in Graz.

11 Dort fand im September der IV Congresso Internazionale degli Orientalisti statt, bei dem Ascoli z.B. einen Vortrag über „Iscrizioni di antichi sepolcri giudaici“ hielt. Im 2. Bd. finden sich in der Sektion IV (Studi generali indo-europei e Studi iranici) Beiträge, die auch die Romanisten interessierten. Zur Kommission, die die einzelnen Beiträge beurteilte, gehörte neben Ascoli auch Michel Bréal. Anwesend waren u.a. die Verleger Hubert Welter (Paris) und Nikolaus Trübner ( London).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 03092)