Julius Cornu an Hugo Schuchardt (035-01744)

von Julius Cornu

an Hugo Schuchardt

Türmitz

Unbekannt

language Deutsch

Schlagwörter: Romania (Zeitschrift) Grundriss der romanischen Philologie Erster Weltkrieglanguage Portugiesisch Keller, Otto Sauer, August Kremer von Auenrode, Lodvina Vieweg, Friedrich Paris, Gaston

Zitiervorschlag: Julius Cornu an Hugo Schuchardt (035-01744). Türmitz. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Katrin Purgay (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7084, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.7084.


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Stadtiz bei Türmitz (Böhmen)1
den 23. Dezember 1886.

Lieber, sehr lieber, vernachlässigter, aber durchaus nicht vergessener Freund!

Es geht mir zwar sehr gut, aber ich wäre zu bedauern, wenn ich nun im Kreise meiner lieben Familie, welche mir täglich neue Freuden bereitet, nicht an Sie häufig denken sollte. Wenn Ihre Rückreise Sie über Prag führt, vergessen Sie Ihre Freunde in partibus infidelium2 nicht. Keller3 und Sauer4 würden sich freuen Sie wieder zu sehen, Frau Kremer auch5 und ich am meisten. Meine Frau und meine Kinder6 würden Sie zwar nicht sehen, die in Staditz im Bielathal7 den Winter verbringen, um der schlechten Prager Luft zu entgehen. Die Wirthschaft führt mir in Prag eine allerliebste Schwiegermutter.8 Wenn Sie in Prag sich aufhalten, so steht Ihnen bei mir ein Bett zur Verfügung. Ich komme dahin zurück nach den drei Königen, wahrscheinlich am Freitag oder Samstag.

|2|Keller sehe ich ziemlich häufig, welcher Ihnen ein sehr freundliches Angedenken bewahrt. Sauer treffe ich seltener, wohl durch meinen Fehler, da ich sehr selten ausgehe.

Was Sie mir von Vieweg9 erzählen, überrascht mich durchaus nicht. Er ist schmutzig im Quadrat trotz seiner saubern Umgangsmanieren. Schmutzig war er immer mit den Auszügen, schmutzig mit der Bezahlung der Honorare und Jahre hindurch konnte ich keine Rechnung von ihm bekommen, und die welche ich bekam war der Art, dass ich daraus mein Soll und Haben nicht ersehen konnte. Pünktlich ist er aber in der Zusendung seiner eigenen Rechnungen immer gewesen. Briefe wegen Geld beantwortet er gewöhnlich gar nicht. Wie vielmal ich wegen eines nicht an mich gelangten Heftes der Romania an ihn schrieb, weiss ich nicht. |3| Das verlangte Heft wurde Jahrre hindurch nicht geschickt, bis er wegen des Abonnements der Romania an mich schrieb, worauf ich ihm antwortete, dass ich erst dann es ihm bezahlen werde, wenn er dasselbe mir schicke. Er behauptete, dass er mir das verlangte Heft zum vierten Male sende. Wunderbar! nicht wahr. Sie werden aber ganz gewiss zu Ihrem wohlverdienten Honorar gelangen,*) welches V. kein Recht hat Ihnen vorzuenthalten. Ihre Zeilen kommen mir gerade recht. G. Paris, den ich lange wegen meiner Rechnungen nicht belästigen wollte und dem ich vor einiger Zeit mein Verhältniss zu Vieweg mitgetheilt habe, bekommt sie zu lesen. Es ist nur gut, wenn die Redaction im Klaren ist über den sauberen Verleger. Hoffentlich habe ich nach Ihrem Sinne gehandelt. Bescheidenheit ist eine grosse Zier, Doch weiter kommt man ohne ihr, sagen die Berliner.

|4| Ich bin jetzt mit der Ausarbeitung des Port. für Gröbers Grundriss sehr beschäftigt10 und hoffe bald fertig zu werden. Gern möchte ich Ihnen dieselbe zur Durchsicht schicken, wenn die Zeit langt. Es ist ein böses Stück Arbeit gewesen, welches sehr schlecht bezahlt wäre, wenn die vielseitige Belehrung, welche ich durch eine systematische Untersuchung des Wortschatzes gewonnen habe, mich nicht reichlich entlohnen würde.

Meine Frau und ich schicken Ihnen die Photographie unserer beiden Buben, welche Felix und Adolf11 heissen, und wünschen als Gegengeschenk die Ihrige. Mögen dieselben Ihnen frohe und glückliche Feiertage bringen.

Ich grüsse Sie herzlichst
J. Cornu

*) Die Romania zahlt 60 francs per Bogen.


1 Zur Ortsangabe vgl. Brief 01730 bzw. 01743.

2 Zusatz zum Titel von Bischöfen in wieder heidnisch gewordenen Gebieten; hier ironisch auf Prag gemünzt.

3 Otto Keller (1838-1927), Klass. Philologe aus schwäbischer Gelehrtenfamilie; Horaz-Spezialist; seit 1881 in Prag.

4 August Sauer (1855-1926), österr. Germanist; er war in diesem Jahr (1886) von Graz nach Prag gewechselt.

5 Vgl. Brief 01710.

6 Das Ehepaar Cornu hatte vier Kinder, von denen zwei (ein Sohn Jula und ein weiteres Kind, dessen Namen wir nicht kennen) früh starben. Von Felix / Félix (1882-1909) und Adolf / Adolphe (1885-1944), Ingenieur, verh. mit Horina gen. Mila, kennen wir die Lebensdaten. Adolf ging, dem Wunsch seines Vaters gemäß, nach Ende des Ersten Weltkriegs in die Schweiz, wo er das Erbe seines Onkels Felix, eines bekannten Chemikers, stillen Teilhabers der Weltfirma Geigy in Basel und Président de la Société Vaudoise des Scienes Naturelles, antrat und Herr auf Riant-Port (Villa mit großem Park am Genfer See) wurde.

7 Vgl. Brief 01730.

8 Vgl. Brief 01726.

9 Friedrich Viehweg junior (1808-1888), Sohn des gleichnamigen Verlegers (1761-1835) in Braunschweig, gründete 1837 in Paris eine Verlagsbuchhandlung. Er gab u.a. die Romania heraus. Auf der Titelseite von Bd. 1, 1872, steht der Vermerk: „PARIS / LIBRAIRIE A. FRANCK (F. VIEWEG PROPRIÉTAIRE), 67 RUE RICHELIEU).

10 Cornu, „ Die portugiesische Sprache “, in: Gustav Gröber (Hrsg.), Grundriss der romanischen Philologie. I. Band, Strassburg: Karl J. Trübner, 1888, 715-803. Es erstaunt, dass Cornu dieses Kapitel trotz seiner Spannungen mit Gröber übernahm.

11 S. o. - Briefe der Familie Cornu befinden sich u. a. in Ljubljana (Laibach), Narodni in Univerzitetna Knjiznica (Slowenische National- und Universitätsbibliothek), Murko, Matija (Korespondenca), 1 Bf. Adolf (s. d.), 7 Bfe. Julius (1906-15), 1 M. T. Cornu-Kluckauf (1, 1915).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01744)