Julius Cornu an Hugo Schuchardt (031-01740)

von Julius Cornu

an Hugo Schuchardt

Prag

23. 01. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Etymologie Literaturblatt für germanische und romanische Philologielanguage Portugiesischlanguage Spanischlanguage Spanische Dialektelanguage Provenzalischlanguage Spanische Dialekte (Asturien)

Zitiervorschlag: Julius Cornu an Hugo Schuchardt (031-01740). Prag, 23. 01. 1884. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann und Katrin Purgay (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.7073, abgerufen am 28. 09. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.7073.


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Prag, den 23 Januar 1884.

Werther Freund,

Meinen besten Dank für Ihre Zeilen, welche ich mit herzlicher Freude gelesen habe.1 Dass Sie mich belehrt haben, brauche ich Ihnen kaum zu sagen. –

Es war gewiss larίce im Lat. Vgl. den Vers Et larices, fumoque gravem serpentibus urunt.2 Die Stelle kann ich augenblicklich nicht nachschlagen. Das port. laríço oder laríco ist der Prosodia von Bento Pereira3 entnommen, wo kein Akzent notirt ist. Weder das eine noch das andere Wort kommt bei João de Deus noch bei Eugenio de Castilho (Dicc. de rimas)4 vor. Man kann über dieselben also nicht diskutiren.

Wunderschön ist Ihre Erklärung von viejo. Wenn ich sie zugebe, so ist vielleicht eine Beeinflussung von cerasea durch ceresus doch nicht so bedenklich. Cerasea und ceresea|2| können nebeneinander bestanden haben, bis die letztere Form die Oberhand gewann. Es würde in dem Falle nichts merkwürdiges sein, dass irgendwo cerasea sich behauptet hätte.

Wenn ich nicht irre, habe ich im alt.port. Formen wie mego tego sego angetroffen. Mi ti si sind allerdings schwierig. Da das Sp. aber die Neigung hat den Dativformen den Vorzug zu geben, so kann mi = mî mihi sein, ti und si können angebildet sein. Diese Andeutung kann genügen.

Peydro erinnert mich an die bekannten provenz. Formen. Eine solche Form ist aber sehr vereinzelt, steht zwar fest. Ich hätte gern andere Beispiele. Ich werde den betreffenden Passus korrigieren.

Ich hatte bei cejo, concejo, consejo gedacht dass l möglicherweise den e hervorgelockt hat. Im port. ist es eine bekannte Regel, dass die Vokale, die einmal geschlossen waren, vor l offen werden: Alt.port. amavil, heute amavèl. – Ihre Erklärung ist sehr schön.

|3|firme ist gewiss populär, trotzdem dass f sich erhalten hat. asp. fermidumbre kann nicht angeführt werden für eine Grundlage * ferme. Denn wir haben hir die bekannte Dissimilation von i i in e i.

Was meaia betrifft, so sagen Sie meine Ansicht, die ich allerdings nicht ausgedrückt hatte. Ich fasse jedoch die Sache etwas anders auf. Medialia ist auf dem ganzen rom. Gebiete sehr früh medalia geworden durch Dissimilation. cf. das fr. tienne = tiegne. Das mod. port. Wort, welches Sie nicht erwähnen, ist migalha. Es hat mit mica nichts zu thun. Durch Ihre Erklärung von cruz fällt eine Ausnahme weg.

Ich hatte zuerst peço angesetzt. Aber das port.pèço (off. e) und das Subst. pieza liessen mir pieço wahrscheinlicher erscheinen. Sehr gut erklären Sie vendió und sintió. Die Frage war übrigens nicht an Sie gerichtet. Wer über die eine Form schreibt, darf die andere nicht vergessen. sintio geht auf die Zeit zurück, wo man sintir u. sintío sprach. Ich hätte aus sp. Mundarten noch allerlei anführen können, und Sie haben Recht, |4| wenn Sie sagen, dass besonders das Asturische auf Manches Licht werfen könnte. Ich habe absichtlich manches nicht erwähnt, was auf die besprochenen Erscheinungen gepasst hätte, weil ich später Gelegenheit haben werde, zwei altsp.Mundarten ausführlich zu behandeln.

Heute erhielt ich mein Manuscript und zugleich Ihre Postkarte. Gr. war nicht gemeint. Ich werde übrigens den Passus auf die Thatsache reduziren. Dieses P. S. war mir sehr erwünscht. – Wenn Sie es erlauben, werde ich von Ihren Mittheilungen Gebrauch machen und Sie mit erneuter Freude ehrenvoll erwähnen.

den 25 Januar

Ich wurde beim Schreiben dieser Zeilen so häufig gestört dass ich drei Tage für diese 4 Seiten gebraucht habe. Verzeihen Sie mein Kauderwelsch.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr dankbarer

J. Cornu


1 Schuchardt hat vermutlich zum Ms. von Cornus Artikel „ Mélanges espagnols “, Romania 13, 1884, 285-314 Stellung genommen, die in verschiedenen Fußnoten von Cornu aufgegriffen wird, z.B. 285 Anm. 1, wo es z.B. zu Wechsel von altsp. -asti zu -esti -este -est heißt: „Schuchardt rejette cette manière de voir Literaturblatt für germ. und rom. Philologie 1883, p. 110, et dans une lettre qu’il vient de m’adresser“. Auf diesen Brief bezieht sich Cornu auch in Anm. 3, S. 286.

2 Lucan, Pharsalia IX, 920 („und sie verbrennen Lärchenholz, dessen Rauch Schlangen vertreibt“).

3 Bento Pereira (1605-1681), portug. Jesuit und Lexikograf, Verf. der Prosodia in vocabularium trilingue, Latinum, Lusitanicum, & Hispanicum digesta, Évora 1634.

4 Eugénio de Castilho, Diccionario de rimas luzo-brasileiras, Lisboa: Afra, 1884.

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