Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (074-01111)

von Ferdinand Blumentritt

an Hugo Schuchardt

Leitmeritz

12. 06. 1884

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachkontaktphänomene Biographisches Sprachen auf Celebes Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java... (Humboldt 1936) Übersetzung Mehrsprachigkeit (gesellschaftlich)language Deutschlanguage Tschechischlanguage Deutsche Dialektelanguage Tagaloglanguage Kawi Pardo de Tavera, Trinidad Hermenegildo Schuchardt, Hugo (1884) Humboldt, Wilhelm (1836)

Zitiervorschlag: Ferdinand Blumentritt an Hugo Schuchardt (074-01111). Leitmeritz, 12. 06. 1884. Hrsg. von Veronika Mattes (2013). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.696, abgerufen am 28. 02. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.696.

Printedition: Mattes, Veronika (2010): "Sa Profesor Schuchardt munting alay ni F. Blumentritt": Die Briefe Ferdinand Blumentritts an Hugo Schuchardt. In: Grazer Linguistische Studien. Bd. 74., S. 63-237.


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Leitmeritz, d. 12. Juni 1884

Hochverehrter Freund!

Also zuerst die Beantwortung der Corresp. Karte:

1. Tschanter Hosenträger (im Prager Deutsch nicht) wie das richtige čechische Wort heißt, weiß ich nicht zu sagen, da ich kein čechisches Lexikon besitze: ich erinnere mich in Prag von čechischen Hausirern: Kšandy gehört zu haben, meine jetzige Dienstmagd, eine echte Čechin, behauptet es hieße šandy. 1

2.) Prantschen heißt soviel als "im Wasser herum plätschern" in dem Sinne, dass man sich dabei verunreinigt oder unnöthiges betreibt, wie es zum Beispiel Kinder gerne thun. Eine unordentliche und unreinliche Wirtschaftsgebahrung in der Küche wird ebenfalls Prantscherei genannt, ebenso ein schlechter Kaffee (doch hier gebräuchlicher Prantsch, Brantsch). Ob dies Wort aus dem čechischen herstammt, das weiß ich nicht, hörte aber oft von einem čechischen Förster "Sprančovali zas polivku" "Sie haben schon wieder die Suppe verprantscht."

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3) Wosnitze2 mir das čechische Stammwort unbekannt

4) Šonkati wird im čechischen in der That im Sinne von Schippeln gebraucht.

5) Von den Dialektdeutschen1 Böhmens hörte ich nie die Redeart "auf den Flâm gehen", dagegen von den Prager Deutschen, aber stets nur in witzelndem Tone oder auch ironisch (=Schneppenstrich3). [Die Erklärung von den vlaemischen Lanzknechten erzählte uns schon seinerzeit Prof. Kouba am Kleinseitner Prager kk Gymnasium] Sonst hörte ich von den Prager Deutschen für müssiges herumschlendern der oberen 10000 promenieren, der Studenten bummeln und der Landstreicher vagabundieren gebrauchen.

1) Dialektdeutsche nenne ich die deutschen Bewohner Böhmens außerhalb Prag's, da diese im Dialekte aufgezogen wurden, während die Prager Deutschen ihren Kinder die Nachtigallenklänge des čechischen eintrichtern4, Deutsch lernen sie erst in der Schule (jetzt im Kindergarten), daher die Erscheinung, dass in vielen Prager Familien es deutsche und čechische Brüder gibt, die einander feindlich gegenüber stehen, daher auch die Unentschiedenheit der so genannten Casinoten.

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Wo noch viele Entlehnungen aus dem Čechischen im Prager Deutschen sein müssen, das wären die Benennungen der verschiedenen Obstsorten und der Feldblumen, doch müsste man sich eben an echte hijos del país wenden. So ein waschechter Prager "Daitscher" kennt kaum für das Gänseblümchen die deutsche Benennung, doch hört dies jetzt auf. Feldkümmel oder Thymian wird nur unter dem čechischen Namen "Mateři?/y? doušky?/i?"5 gekannt etc.a

Bin jetzt durch eine Woche hindurch verschnupft und heiser, vermisse schmerzlich das leidenschaftlich geliebte Rauchen.

Pardo de Tavera wird eine Grammatik des Tagalog schreiben6, ich habe ihm alles auf diese Sprache bezügliche aus Niemann's7 u Riedel's8 holld. Schriften über die Alfuren9-Dialekte ins Spanische übersetzt, jetzt möchte er noch einiges aus W Humboldts Kawi Sprache10 haben, kennen Sie nicht eine englische ó franz. Übersetzung, Besprechung, Auszug aus diesem Werk? Denken Sie sich nur, eine solche Arbeit der Übersetzung! das könnte ich bei aller Gefälligkeit dann doch nicht machen.

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Leben Sie wohl u. seien Sie herzlich gegrüsst von

Ihrem

ganz ergebenem

F. Blumentritt

Fällt mir zu guter letzt noch etwas ein:

In Prag sagt man:

Er hat sich veřošklivirt = er hat sich "verschandelt"


1 Schuchardt ( 1884: 65) gibt an: kšanda šanda (šanda als Synonym zu kšanda).

2 Wôsnitze „Wasserwage“ (vodní „Wasser“) (1884: 65).

3 Schnepfenstrich: waidm.: „Balzflug der Waldschnepfe“.

4 Eine Auswirkung der tschechischen „Nationalen Erneuerung“ im 19. Jahrhundert waren sprachpuristische Bestrebungen, Sprachmischungen wurden bewusst bekämpft.

5 Tschech.: mateřídouška „(Feld)thymian“.

6 Pardo de Tavera hat zwar einige Arbeiten über das Tagalog verfasst, eine Grammatik wurde jedoch nie veröffentlicht.

7 George Karel Niemann (s. Brief Nr. 1068).

8 Johann Gerard Friedrich Riedel (1832-1911), niederländisch-indonesischer Beamter (1853-1883). Verfasst mehrere ethnographische Arbeiten, vor allem über die Celebes-Bewohner. Lebt nach seiner Pensionierung (1883) als Gelehrter und Schriftsteller in Holland.

9 Veraltet. Bei den Holländern Bezeichnung der indigenen Bevölkerung Celebes (heute: Malaien).

10 Humboldt, Wilhelm von (1836). Über die Kawi-Sprache auf der Insel Java nebst einer Einleitung über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 01111)