Alois Pogatscher an Hugo Schuchardt (06-08894)

von Alois Pogatscher

an Hugo Schuchardt

London

17. 01. 1883

language Deutsch

Schlagwörter: Biographisches Universität Graz Sprachwissenschaft (Beschreibungsebenen/Subdisziplinen) Informationsbeschaffung Katechismus Trübner’s American and Oriental Literary Record British Museum (London) Literaturbeschaffunglanguage Portugiesisch Calvert, James Trübner, Nikolaus England Fidschi Oxford

Zitiervorschlag: Alois Pogatscher an Hugo Schuchardt (06-08894). London, 17. 01. 1883. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6896, abgerufen am 29. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6896.


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16 Selby Villas Anerley S.E.
17. Jänner 1883.

Verehrter Herr Professor!

Für die freundlichen Worte des Beileides, die Sie mir nach dem Tode meines Vaters schrieben, so wie für die gütigen Mitteilungen Ihres letzten Schreibens, die mir zeigen, wie liebevoll Sie sich meiner annehmen, spreche ich meinen aufrichtigsten Dank aus. Was die Grazer Universitätsangelegenheit betrifft, so habe ich lange eingesehen, daß meine Zeit vorüber und alles weitere Wünschen vergeblich ist. So begehrenswert mir die Universitätslaufbahn auch erscheint, fühle ich recht wol, daß ich im Interesse meiner Gemütsruhe jeden weiteren Gedanken daran aufgeben muß. Vor Jahren hatte ich dieses eine Ziel fest im Auge, aber eine Kette widriger Ereignisse und Umstände, vielleicht auch Mangel an Bedachtsamkeit und Umsicht und an der |2| nötigen Ausdauer haben es mich nicht erreichen lassen; und ich glaube jetzt besser zu fahren, wenn ich entschlossen und männlich mir und anderen bekenne, daß ich dieses Ziel nicht erreichen kann. Der Kampf zwischen dem Streben nach wissenschaftlicher Tätigkeit und dem menschlich begreiflichen Verlangen, mit anderen Menschen auch ein Mensch zu sein, diese zwei Seelen in meiner Brust haben mich nur zu lange nicht zur Ruhe und Zufriedenheit gelangen lassen, und nun bin ich fest entschlossen, beide zu versöhnen, indem ich keine der anderen völlig opfere. Wollte ich aber noch länger meiner früheren Lieblingsidee nachhängen, so würde dies bei meiner zeitraubenden amtlichen Tätigkeit eine fortgesetzte klösterliche Einsamkeit fordern, die meiner Gemütsstimmung keineswegs frommen würde. Ich habe diese Lebensfragen bereits entschieden; was ich schon länger als das richtige fühlte, ist während meines Aufenthaltes in England mir völlig klar geworden. Ich schätze wissenschaftliche Tätigkeit als die edelste Arbeit, der wir uns widmen können, und ich werde nie aufhören, das Loos desjenigen zu beneiden, |3| denen ein gütiges Geschick diese Aufgabe zugeteilt hat; aber eines schickt sich nicht für alle; mir scheint es versagt, vielleicht als gerechte, aber harte Strafe dafür, daß ich immer mehr gewünscht als gehandelt habe. So gebe ich denn diesen Gedanken auf, ohne darum der Wissenschaft untreu zu werden.

Ich kann diesen Gegenstand nicht abtun, ohne mit wenigen, aber innigen Worten des Dankes all der liebevollen Hilfe und Förderung zu gedenken, seit ich das Glück hatte, mit Ihnen, verehrter Herr Professor, in Berührung zu kommen. Hätte ich vor Jahren, während der Zeit meines Universitätslebens jemanden gehabt, der mir ratend zur Seite gestanden hätte, es wäre vielleicht manches anders gekommen; ich war willig, fleißig und ein warmer Anhänger wissenschaftlicher Bestrebungen; allein mir fehlte alle Leitung, und als Autodidakt verlor ich mich in vertiefendes, aber häufig unfruchtbares Brüten und Träumen, aus dem ich nur spät erwache, um zu sehen, daß die beste Zeit unwiderruflich dahin ist. Ihrer werde ich stets mit Liebe und Dankbarkeit gedenken.

|4| Ich gehe nun daran, Ihre Anfragen zu beantworten, so gut ich es vermag.

3506.f.5 Catéchisme école ist wirklich, wie Sie vermutet haben, der von Mauritius, ohne O. u. J., 7 Seiten enthaltend. 3437.e.36 stimmt völlig mit Ihrer Ausgabe überein, mit Ausnahme der Jahreszahl (1834) und des Verlegers (P. T. Brünnich).

In der neuen (9.) Auflage der Encyclopaedia habe ich nichts bemerkenswertes gefunden; der Band mit dem Artikel Negroes ist noch nicht erschienen.

Mit den Wesleyanern bin ich in Fühlung getreten. Ich war letzte Woche im Centenary Hall oder Mission House in London, Bishopsgate Street, wo ich bei einem der Leiter der Anstalt mein Anliegen mündlich vorbrachte. Ich hielt dies für den besseren Weg und schickte daher Ihren Brief nicht ab. Der Mann war sehr freundlich, sagte, daß es auch in ihrem Interesse läge, daß derartige Studien gepflegt würden und versprach seine Hilfe, so weit er helfen könne. Als ich die Bitte um Texte vorbrachte, sagte er, daß nach neuen Einrichtungen alle Texte auswärts in den Kolonien gedruckt werden, so daß er mir keine Hilfsmittel in dieser Beziehung bieten könne. Als ich ihn um Referenzen bat, schrieb er mir die beiligenden Adressen auf |5| und sagte, Sie mögen sich auf das Centralamt in London berufen und die Herren würden Ihnen gewiß nicht nur mit ihrer eigenen Kenntniß dienen, sondern auch Verbindungen mit anderen Leuten vermitteln. Der letztgenannte, Rev. J. Calvert,1 wohnt in England, hier in der Nähe, und war durch „zwei Perioden“ auf den Fidji Inseln. Da ich glaubte, daß er zunächst am nützlichsten sein könnte, schrieb ich ihm vor einigen Tagen und erbat mir die Erlaubnis zu einem Besuche, um auf mündlichem Wege zu erlangen, was auf schriftlichem immer umständlich bleibt. Da ich aber bis heute keine Antwort erhalten habe, glaubte ich nicht mehr länger mit meinem Schreiben warten zu sollen. Ich gehe heute Abend nach Croyden, einer Stadt von etwa 80.000 E. im Südosten von London, wo ich Erkundigungen über Calvert einziehen will.

Trübner’s Record2 habe ich nicht gesehen. Im Brit. Mus. sind Zeitschriften in ungebundenem Zustande unzugänglich. Mit Trübner bin ich nicht zusammengekommen. Ich muß ihn doch einmal aufsuchen; vielleicht leiht er mir ein Exemplar der Zeitschrift.

|6| Der Secretär der Londoner Baptist Association ist nach Dickens (Dictionary of London, freilich etwas alt: 1880) Rev. W. Penfold Cope, Wesley House, Pepys Road, New Cross, S.E.

Es besteht in London ein Missionary Museum, Blomfield Street, Finsbury. Könnte das irgend wie dienlich sein? „An exhibition of interesting objects collected by missionaries of the London Society“.

Wenn Sie mir die Liste der Bücher, über die Sie genauer Auskunft wünschen, bald senden wollen, ist es mir lieb, da ich ab und zu ins Museum gehe und bei solchen Gelegenheiten das besorgen könnte.

Mein portugiesisch-treibender Freund ist in Oxford und daher mir für die port. Blätter nicht zugänglich.

Wir haben bisher noch keinen Winter gehabt, sondern nur einen verlängerten Herbst. Ein wunderliches Klima! Nässe und Nebel in Hülle und Fülle. Man könnte verdrießlich werden, wenn es sich der Mühe lohnte.

Mit dem Ausdrucke meiner besonderen Hochachtung zeichne ich mich ergebenst
APogatscher


1 James Calvert (1813-1892), engl. methodistischer Missionar und Geistlicher; vgl. HSA 01518; weiterhin seine Geschichte der christlichen Missionen auf den Fidschi-Inseln, Bremen-Zürich-Cincinnati-Bremen: Verl. d. Traktat-Hauses, 1860 (Übers. von Fiji and the Fijians: mission history) und weitere Schriften.

2 Trübner's American, European and Oriental Literary Record, N.S. 1.1880 - 9.1888.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 08894)