Hugo Schuchardt an Reinhold Köhler (045-S.91-94)

von Hugo Schuchardt

an Reinhold Köhler

Leipzig

08. 12. 1870

language Deutsch

Schlagwörter: Herzogin Anna Amalia Bibliothek (Weimar)language Französische Dialektelanguage Süditalienische und extrem süditalienische Dialektelanguage Rumänischlanguage Russischlanguage Slawische Sprachen Richter, Gustav Gotha [o. A.] (1825)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Reinhold Köhler (045-S.91-94). Leipzig, 08. 12. 1870. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2019). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6694, abgerufen am 06. 10. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.6694.


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L., 8.12.70


Lieber Freund!

[S. 91-94]

Ich hatte versprochen, Ihnen einige der entliehenen Bücher baldigst zurücksenden zu wollen. Es wäre dies auch in der That schon geschehen; nun bin ich aber schon seit 3 Wochen unwohl und hat mir in Folge dessen und da ich über wenig Bedienung verfüge, die nöthige Energie zu der gewaltigen Arbeit des Verpackens gefehlt. Brauchen Sie sie etwa, dann, bitte, geben Sie mir Nachricht; sonst bringe ich Ihnen alle Bücher etwa in 12 Tagen bei meiner Durchreise nach Gotha persönlich. Ich werde mich bei Ihnen dann wieder einmal nach ostfranzösichen (besonders lothringisch) und südital. Mundarten umsehen; die hiesige Bibliothek läßt mich fast immer im Stich, so fehlt beispielsweise Oberlin1 und Meli.2|2| Über das walach. Gebetbüchlein3 kann ich nur Negatives sagen. Es scheint nicht allzu alt zu sein, etwa aus dem vorigen Jahrh.

Ein Datum enthält es nicht; am Schluß steht nicht etwa ein Calender, sondern ein μηνολόγιον, in dem also die beweglichen Feste fehlen.

Recht alterthümlich in der Schrift ist nur das m für T (nach russischer Weise), das auch dem walachischen Geistlichen, dem ich das Buch zeigte, auffiel.

Die Sprache ist allerdings ziemlich alt (je älter als das Walachische, desto mehr mit slawischen Wörtern vermischt); aber in gottesdienstlichen Büchern pflanzt sich der Text vielfach lange Zeit unverändert oft (wie wir ja selbst Gesangbücher aus diesem Jahrhundert in wunderlich-alter Sprache besitzen).

Die Orthographie weicht wenig von der neuren ab; Ѫ und Ъ sind, wie heutigentags, wo noch kyrillische Schrift überhaupt gebraucht wird geschieden. In der Einleitung zum wal. Wörterbuch von 18254 S. 5 lese ich also: „Jure proinde |3| concludere possum, literam Ѫante saeculum XVIII. haud usurpatam fuisse ad designandam illum sonum, quem hodie denotat, nec ante in scribendo hunc sonum expressum.“ Und weiter wird gesagt, daß unter den in Siebenbürgen gedruckten Büchern ein Kalender von 1733 zuerst Ѫ und Ъ in der späteren Weise auseinanderhalten.

Stünden mir walachische Bücher aus dem 17. und Anf. des 18. Jhrhs. zu Gebot, so könnte ich ein sichereres Urtheil abgeben.

Grüßen Sie Richter5 bestens von mir.

Auf baldiges Wiedersehen!

Ihr
H. Schuchardt.


1 Jeremias Jacob Oberlin, Essai sur le patois lorrain des environs du comté du Ban de la Roche fief royal d'Alsace, Straßburg: Stein, 1775.

2 Giovanni Meli, Don Chisciotte e Sanzio Panza nella Sicilia; Poema originale in Dialetto Siciliano. Tradotto in lingua italiana dal Cav. M. di Bevilacqua, Wien: Stöckholzer, 1818.

3 Vermutlich das heute in der Anna-Amalia-Bibliothek aufbewahrte Penetru … [Walachisches Gebetbuch und Alphabetarium], Hs., etwa 1705.

4 Lexicon valachico-latino-hungarico-germanicum quod a pluribus auctoribus decursu triginta et amplius annorum elaboratum est, Buda 1825.

5 Gustav Richter (1838-1904), Lehrer in Weimar und Kommilitone Schuchardts aus Bonner Tagen.

Faksimiles: Die Verwendung dieses Exemplars im „Hugo Schuchardt Archiv” wurde von der Archivdatenbank des Goethe- und Schiller-Archivs gestattet. (Sig. S.91)