Robert Oppenheim an Hugo Schuchardt (01-08390)

von Robert Oppenheim

an Hugo Schuchardt

Berlin

01. 03. 1877

language Deutsch

Schlagwörter: Verlag Karl J. Trübner Brink, Bernhard ten

Zitiervorschlag: Robert Oppenheim an Hugo Schuchardt (01-08390). Berlin, 01. 03. 1877. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6396, abgerufen am 09. 12. 2022. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.6396.


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ROBERT OPPENHEIM, VERLAGSBUCHHANDLUNG
6. KARLSBAD 6.1
Berlin, W., den 1. März 1877

Hochgeehrter Herr Professor!

Ich erlaube mir in Nachstehendem Ihre Beihilfe zur Vollendung eines seit längerer Zeit geplanten Unternehmens, das jetzt in die Stadien der Verwirklichung getreten ist, in Anspruch zu nehmen.

Es handelt sich nämlich um die Herausgabe einer Sammlung von Literaturgeschichten der modernen Völker, und wäre es mir außerordentlich angenehm, wenn Sie sich entschließen würden, die Ausarbeitung der italienischen Literatur zu übernehmen – um so eher aber glaube ich, daß Sie dazu geneigt sein werden, da Sie ja jedenfalls bei Gelegenheit Ihrer Studien und Ar- |2| beiten, die italien. Literatur betreffend, schon Material gesammelt haben werden, das außer Ihnen wohl Keinem oder nur sehr Wenigen vorliegt.

Der erste Band der ganzen Sammlung wird demnächst erscheinen. Er enthält den ersten Theil der englischen Literaturgeschichte, herausgegeb. von ten Brink, Professor i/ Straßburg.2

Mein Wunsch ist, daß diese Literaturgeschichten von den meisten bereits vorhandenen sich dadurch unterscheiden sollen, daß sie nicht die Gesch. d. Literaturen der einzelnen Völker als für sich alleinstehende Erscheinungen, sondern als integrierenden Theil der Culturgeschichte der betr. Völker behandeln sollen.

Besser, als ich Ihnen dieses hier |3| darthun kann, ersehen Sie meine Absicht jedenfalls aus dem ten Brink’schen Werke, dessen Aushängebogen ich Ihnen – falls Sie nicht überhaupt abgeneigt sind, der Sammlung Ihre schätzenswerthe Mitarbeiterschaft zu widmen – zur gef. Durchsicht zusenden werde. Wenn ich auch nicht wagen darf, Ihnen die Schreibart des Prof. ten Brink als Muster vorzulegen,3 so möchte ich Sie doch bitten, die Art und Weise, wie er die Entwickelung und Fortentwickelung der Literatur beschreibt, als Norm zu betrachten – damit die sämmtlichen Literaturgeschichten, wenn auch von verschiedenen Persönlichkeiten geschrieben, sich dann doch insofern gleichen, als sie alle von denselben Gesichtspunkten ausgehen und auf der gleichen Grundlage errichtet sind.

Was den Umfang der einzelnen |4| Abtheilungen betrifft, so richtet sich derselbe nach dem Interesse, welches die verschiedenen Völker für uns Deutsche haben; danach würde also Italien ziemlich ausführlich zu behandeln sein. Doch während England’s Literaturgeschichte 3 Bände à 25 Bogen umfaßt, braucht Italien wohl nur 2 Bände von demselben Umfange.

Ich weiß wohl, daß ein solches Werk dem Kopfe nicht fertig entspringt, sondern langer Vorbereitungen bedarf, doch bin ich überzeugt, daß bei Ihrer umfassenden Kenntniß der einschl. Fächer es Ihnen noch am leichtesten gelingen müßte, der großen Aufgabe gerecht zu werden.

Um, falls Sie geneigt sind, die Arbeit zu übernehmen,4 nicht noch lange korrespondiren zu müssen, theile [ich] Ihnen gleich meine Bedingungen mit. Ich würde Ihnen nämlich ebenso wie den andern Herren Mitarbeitern für den Bogen Gr. Octav – 16 Seiten à 34 Zeilen ℳ. 60,00 zahlen. Bei etwaiger zweiter Auflage bin ich natürlich gern bereit, dieses Honorar zu erhöhen.

Ihre[r] gefl.5 Antwort entgegensehend, zeichne mit vorzüglicher Hochachtung ganz ergebens

p. Robert Oppenheim6


1 Heute Bezirk Tiergarten.

2 Bernhard ten Brink, Geschichte der englischen Litteratur. 1. Bis zu Wicllifs Auftreten, Berlin: Oppenheim, 1877. – Es ist nur ein Brief ten Brink’s (1841-1892), angesehener Romanistikordinarius in Straßburg, an Schuchardt erhalten (HSA, 11589). Der zweite Band (Bis zur Reformation) erschien postum bei Trübner in Straßburg im Jahr 1912.

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Vgl. ten Brink, Bd. I, Vorwort, S. vii-viii: „Die Schrift, deren ersten Band ich hiermit an die Oeffentlichkeit gebe, verfolgt einen doppelten Zweck. Einmal sucht sie das historische Verständniß der englischen Litteratur überhaupt zu fördern, zweitens dasselbe weiteren Kreisen, zunächst in Deutschland, zu erschließen.

Die Rücksicht auf die ,weiteren Kreise‘, deren Theilnahme ich für einen ihrer gewiß nicht unwürdigen Gegenstand zu gewinnen hoffe, hat von meinem Buch Manches ausgeschlossen, was der Jünger der Wissenschaft, und sogar Einiges, was auch der Meister ungern darin vermissen wird“ (S. vii).

4 Schuchardt hat das Angebot abgelehnt, vgl. Brief 08391. Stattdessen hat Adolf Gaspary (1849-1929) die Aufgabe übernommen: Geschichte der italienischen Literatur, Berlin: Robert Oppenheim, Bd. 1: Die italienische Literatur im Mittelalter, 1885; Bd. 2: Die italienische Literatur in der Renaissancezeit, 1888 (Geschichte der Literatur der europäischen Völker [Geschichte der italienischen Literatur], Bde. 4 u. 5. – Zu Einzelheiten vgl. Frank Baasner (Hrsg.), Literaturgeschichtsschreibung in Italien und Deutschland. Traditionen und aktuelle Probleme, Tübingen: May Niemeyer, 1989 (Reihe der Villa Vigoni; 2), 1-16.

5 Abk. für „gefälllig, gefälligst“ (nebst Beugeformen).

6 Meist p. p. = per procura, d.h. daß Oppenheim diktiert und nicht selber unterschrieben hat.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 08390)