Richard Cornelius Kukula an Hugo Schuchardt (03-05872)
an Hugo Schuchardt
28. 12. 1909
Deutsch
Schlagwörter: Pape, Wilhelm August, Otto Terentius Afer, Publius Landgraf, Gustav Lessing, Gotthold Ephraim Ausonius, Decimus Magnus Pape, Wilhelm (1842) Otto, August (1890)
Zitiervorschlag: Richard Cornelius Kukula an Hugo Schuchardt (03-05872). Graz, 28. 12. 1909. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6366, abgerufen am 07. 08. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.6366.
Verehrter Herr Hofrat,
auf meinem gestrigen Heimweg fiel mir zu sequitur vara vibiam ein,1 ob man nicht schreiben könnte sequitur Vara (oder Varia?) Vibiam. Denn Varus, Varius, Vibius sind ja sehr häufige Eigennamen. Aus Pape2 verstehe ich überdies wenigstens das Eine, daß die Namen Οὐάρα(=Vara) und Οὐίβια (=Vibia) inschriftlich bezeugt sind. Dann könnte Vara (Varia) und Vibia das weibliche Gegenstück zu Bavius = Maevius (Verg. ecl. III 90) Mucius= Brutus (Otto, Sprichwörter S. 231, Nr. 1150),3Titius= Seius (Otto, Sprichwörter S. 349, Nr 1790), Gaius= Lucius (Mart. V, 14, 5) im Sinne unseres „Hinz und |2| Kunz“, „Eisele und Beisele“ u. dgl. sein. Die Deutung wäre nicht schwer: „Die Varia folgt der Vibia“, denn „Gleich und Gleich gesellt sich gern, mulier mulieri convenit (Ter. Phorm.4 726, hiezu Landgraf in Archiv. f. Lat. Lex. V p. 167).5 Gleiches Spiel mit ähnlich klingenden (wirklichen oder frei erfundenen Eigennamen bei unserem Lessing, z.B. Sinngedichte 8 ( Thrax und Stax), 46 (Trill und Troll), 78 (Velt und Polt). Ich wage natürlich nicht, mir auf die „Hypothese“ etwas einzubilden, zumal ich noch nicht einmal die Belegstelle bei Ausoniusnäher angesehen habe: aber seine wenig präzise Erklärung similium nugarum subtexo ne- |3|quitiam6 ließe vielleicht vermuten, daß er selber über das vetus proverbium nicht im klaren war. Heranziehen könnte man auch das alte: Ubi tu Gaius, ego Gaia, das die Braut bei der Trauung zum Bräutigam sagte, auch wenn dieser Tullus und sie selber Cornelia hieß.
Mit wiederholten herzlichen Neujahrswünschen, auch von meiner Frau,7 bin ich, Herr Hofrat,
Ihr in Verehrung ergebenster
R. C. Kukula.
Graz, 28/12 1909.
1 Ausonius, Technopaegnion („das Querholz folgt dem Balken“), dem Autor zufolge ein altes Sprichwort i.d.S. ein Übel folgt dem anderen oder „ein Unglück kommt selten allein“.
2 Wilhelm Pape, Wörterbuch der griechischen Eigennamen nebst einer Übersicht über die Bildung von Personennamen, Braunschweig: Vieweg, 1842 u.ö.
3 August Otto, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer, Leipzig: Teubner, 1890.
4 Terenz, Phormio.
5 Gustav Landgraf (1857-1923), deutscher Altphilologe u. Gymnasiallehrer in München.
6 Ausonius „Vt in vetere proverbio est, sequitur vara vibiam; similium nugarum subtexo nequitiam“.
7 Kukula war seit dem 12.4.1894 mit seiner aus Brünn stammenden Cousine Milla Suppantschitsch verheiratet, vgl. Laibacher Zeitung, 113. Jg., Nr. 35, 13.2.1894, S. 295 .
