Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (430-241)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

24. 07. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Revue de Linguistique Romanelanguage Spanisch Bonaparte, Louis Lucien Saroïhandy, Jean-Joseph Gavel, Henri Bähr, Gerhard Harff, Arnold von Urquijo Ybarra, Julio de Azkue y Aberasturi, Resurrección María de Braun, Friedrich Hermann, Eduard Sare Göttingen Baskenland Leipzig Schuchardt, Hugo (1915) Schuchardt, Hugo (1893) Schuchardt, Hugo (1922)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (430-241). Graz, 24. 07. 1922. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6122, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6122.


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Graz, 24. Juli 1922

Lieber Freund!

Verzeihen Sie wenn ich ihnen erst heute – infolge von Neurasthenie Altersschwäche und Sommerhitze – für Ihre reichlichen Gaben danke: Gure Herria bis zum Juli, Bonapartenummer des J. de St Palais, L.E. Itzaldiak und das Verjüngungsbuch. Auch für das letzte, obwohl ich mich nicht habe überwinden können, auch nur einen einzigen Blick hinein zu tun – aber es soll einmal geschehen. Ich habe nämlich eine natürliche Scheu vor allgemeinen Ratschlägen und bin selbst für auf mich berechnete recht ablehnend; seit über zwei Jahren habe ich die ärztlich verordneten Mittel gegen Arteriosklerose aufgegeben, und seit lange [sic] befolge ich die anempfohlene Lebensweise nicht, nämlich öfter am Tage zu speisen, sondern speise nur einmal (um |2| 1/2 11 Uhr) und dann (1/2 5) nur eine Tasse Kakao oder Tee, um nüchtern zu Bette gehen. Ich denke, in solchen Dingen, ist man am besten sein eigener Ratgeber.

Zu der Lektüre in Gure Herria hatte ich mir ein paar Bemerkungen gemacht aber nicht aufgezeichnet, zu Saroïhandys Nachträgen betreff der Sprechweise von Sara, zu einer Notiz über die Couvade (die Posteriorität ( Bask.–Lig.–Ib.?), nicht die Priorität beanspruchte1 ich hier) und last not least: Gavels Grammatik. Auf wen diese berechnet ist, wird mir noch nicht klar; wenn sie praktisch sein soll, dann enthält sie zu viel Phonetik. Aber die Hauptsache ist: wie werden die Verbalformen dargestellt? in welcher Mundart? – G. Bähr, der jetzt in Göttingen Chemie studiert, wohl mehr aus praktischen Ursachen, während sein großes Interesse dem Baskischen |3| gewahrt bleibt und er dafür auch in jeder Hinsicht geeignet ist, schrieb mir neulich: „von der Zeitschrift Gure Herria habe ich bloß das 1. Heft zu Gesicht bekommen; doch will ich versuchen mir einige Hefte zu verschaffen“. Er hat meine Bask. Stud. I schon fast bis zu Ende ins Spanische übersetzt und will ein gleiches mit der Sara-abhandlung tun.

Die Veröffentlichung über die Pilgerfahrt des Ritters A. von Harff, die Gavel im 7. Heft des G.H. begonnen hat, ruft mir eine Sache zurück die Sie in Ihrem Brief vom 1. Juli erwähnen, die mir aber ganz entschwunden war. Ich habe sie, aus Rücksicht für Urquijo, nicht wieder zur Sprache gebracht. Könnte nicht Gavel die Stelle der Rev. de ling. zitieren?

Ihr kurzer Vortrag in den Itzaldiak – in dem Sie übrigens in allzuschmeichelhafter Weise von mir sprechen – ist |4| in mir unbegreiflicher Weise entstellt, selbst der Name des Verf. in doppelter Lesung gegeben. (Über die Berechtigung des n statt m vor Labialen bin ich mir noch nicht klar, habe mich allerdings auch nicht gründlich damit beschäftigen können).

In der Itz. S. 133 findet sich eine Stelle die mich sehr interessiert. Also, vor 4 Monaten, das heißt im Herbste 1921 war der (nicht genannte) Georgier (N. Marr, Prof. a. d. Univ. Petersburg) im Baskenland und besuchte Azkue. In der Schrift seines Mitarbeiters Fr. Braun heißt es, er sei im Winter und Frühling 1921 im Baskenland gewesen. Also etwa zwei verschiedene Male. Aber das ist für mich gleichgültig; nicht jedoch wo er gewesen ist, in welcher Gegend er „seine Vermutungen und aprioristischen |5| Aufstellungen in der überraschendsten Weise bestätigt gefunden hat“. Ein Wiener Professor, der mich kürzlich besuchte, erzählte mir, Marr habe ihn in Wien besucht, auf seiner Reise nach dem Baskenland, ihm aber auch sein Ziel nicht verraten – vielleicht aus Sorge wegen bolschewikischer Überwachung. Es scheint mir um seinen Aufenthalt ein Geheimnis gemacht zu werden. Nun auch das geht mich schließlich nichts an; wohl aber muß mir daran liegen, daß sobald Marr sich irgendwo in der R. Basque oder sonstwo, über die baskische Ursprungsfrage geäußert haben wird, auch ich die Möglichkeit habe ebenda zu Wort zu kommen. Er neigt sich, wie es den Anschein hat, recht phantastischen Ansichten |6| zu, so leitet er z.B. in einer 1920 zu Leipzig erschienenen russischen Schrift (über das Japhetitische im allg.) das franz. pilote aus dem bask. pilotu (statt umgekehrt!) ab. Für Marr ist wie auch für mich, das Problem des Baskischen, zwar nicht geradezu das interessanteste, aber jedenfalls ein sehr interessantes und wichtiges, aber nicht wie für ihn, ein schon endgültig entschiedenes, das ihm eine dogmatische Stellungnahme verstattet. Ich möchte wie gesagt, gern mich in dieser Angelegenheit vernehmen lassen – mit einer Beurteilung von Marrs Aufstellungen – aber es bleibt mir wenig Zeit dazu; ich möchte dennoch mir vorher einen Platz sichern, doch nicht einen körperlichen |7| wie auf dem Kongreß von Gernika. Er wird gute Erfolge haben, aber nur im äußerlichen Sinne; wissenschaftliche Erörterungen können da nicht zu Ende geführt werden. Sichere Errungenschaften aber wohl vorgelegt, so wie Sie das mit dem Überblick über das Baskische Frankreichs beabsichtigen.

26. Juli . – Ich mußte abbrechen, und setze noch ein paar Worte hinzu.

Ist Urtel zum Kongreß eingeladen worden? Er hat einen sehr schweren Winter durchgemacht. Vor kurzem erst ist seine Gattin, eine sympathische Schwedin, nach grausamen Leiden gestorben. Eine Ablenkung seiner Gedanken auf lebendige Wissenschaft wäre für ihn, der in vorigem [sic] Jahre auch die Absicht einer Reise nach Spanien gehegt hatte, recht heilsam. Freilich weiß ich nicht ob er ohne seine zwei Töchterchen reisen möchte oder könnte. Er schrieb mir neulich von Göttingen aus, wo er auf der |8| Durchreise weilte. Er erfreute sich dort der Gesellschaft von G. Bähr und dem (bask.) Neophyten Prof. DrE. Hermann.

Gestern kam mir auch das neueste Heft von Euskera zu: Mein erster Gedanke war auch hier wieder wie wird es mit der Vereinheitlichung der Schriftsprache werden?

Mit dem Briefschreiben geht es jetzt recht schlecht bei mir

Herzlichst grüßt Sie

Ihr

H. Schuchardt

Welches ist wohl die älteste Inschrift in baskischer Sprache?


1 Oder beanspruche.

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