Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (427-240)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

18. 05. 1922

language Deutsch

Schlagwörter: Revue internationale des études basques Universität Leipzig Rossijskaja Akademija Nauk (St. Petersburg)language Baskischlanguage Armenischlanguage Georgisch Rousselot, Jean-Pierre Eys, Willem Jan van Bonaparte, Louis Lucien Braun, Friedrich Marr, Nikolaj Jakovlevič Urquijo Ybarra, Julio de Portugal Braun, Friedrich (1922)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (427-240). Graz, 18. 05. 1922. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6119, abgerufen am 03. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6119.


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G., 18.5.22

Lieber Freund

An Ernault und Rousselot sind die gewünschten Exemplare sofort abgesandt worden (leider wieder ohne die übliche Widmung).

Für Ihre Mitteilungen zu meinen Bemerkungen über van Eys und Bonaparte bin ich Ihnen sehr dankbar, besonders die ersteren haben mich interessiert, weil ich seiner Zeit trotz aller Bemühung über van Eys’ Studien nichts Genaueres erfahren konnte (später, bei meinem Besuch in San Remo, lagen mir andere Gesprächsstoffe näher).

So wertvoll mir nun diese und die noch in Aussicht stehende Glossierungen [sic] meiner Arbeit sind, so ist es mir doch ganz unmöglich – und ich denke die Gründe |2| liegen auf der Hand – sie weiter für das wissenschaftliche Publikum zu verwerten. Darüber hatte ich wohl schon bei der Niederschrift keinen Zweifel gelassen; ich bitte Sie, die obersten Zeilen von S. 19 zu lesen. Ich hatte sie mit besonderer Absicht auf sie geschrieben und war darauf gefaßt, einer gründlichen und scharfen Kritik zu begegnen. Nun fassen Sie die Corrigenda et Addendavon denen ich Ihnen auch brieflich sprach, als „Anmerkungen“ zu meinem persönlichen Gebrauche auf; wo ich sie in irgend welcher Form drucken lassen könnte, wüßte ich durchaus nicht, während für Sie es ein Leichtes wäre.

Das Baskische wird Mode, aber nicht sowohl wegen der schönen Augen die es uns jetzt macht, sondern wegen seiner dunkeln Vergangenheit. Das Interesse an dem vorarischen Europa ist im beständigen Wachsen begriffen. Darüber |3| habe ich in meinem Aufsatz in der R. Basque dieses Jahres einige Aufklärung gegeben.

Die Alarodisten erscheinen nun unter einem andern Namen, dem der Japhetitisten. Fr. Braun (seit kurzem Universitätsprofessor in Leipzig – ich weiß noch nicht, für welches Fach) und N. Marr (Professor in Petersburg für Armenisch und Georgisch – ich habe vor vielen Jahren Briefwechsel mit ihm geführt), jedenfalls zwei ernste und ernst zu nehmende Forscher haben begonnen: Japhetitische Studien (I, 1922) herauszugeben. In diesem I. Heft ist S. 45 Anm. 3 von den auf das Baskische bezüglichen Plänen die Rede. Am 28 April 1920 habe Marr in der Petersb. Ak.d.W. eine vorläufige Mitteilung vorgelegt: Über den japhetitischen Ursprung des Baskischen. Ich habe mir diese Abhandlung in russischer Sprache (ein Dutzend Quartseiten) leihweise verschafft und mich mit den Mitteln und Zielen Marrs im allgemeinen bekannt gemacht. „Sie wird mit einer erweiternden Vorrede demnächst in einer baskologischen |4| Zeitschrift in spanischer Sprache erscheinen.“ Ich schrieb an Braun, daß sei wohl die Revista intern. de los est. vascos; er bejahte es. Darauf wandte ich mich an Urquijo um näheren Bescheid; er antwortete mir aus Portugal, er wisse nichts von der Sache Marr, er wolle Sie befragen. Das tue ich nun selbst, denn da er bis Mitte Juni fern von Burgos weilt, habe ich den Briefwechsel mit ihm aufgeschoben. Weiter heißt es in jener Anmerkung: „Marr hat seither (im Winter und Frühling 1921) Gelegenheit gehabt, die baskischen Dialekte an Ort und Stelle eingehender zu studieren.“ Vor kurzem schrieb mir Braun: „M. habe vor einem Jahre ungefähr 3 Monate in den Pyrenäen (?) zum Zwecke baskischer Sprachstudien verbracht und gedenke im kommenden Herbst wieder dahin zurückzukehren.“ Ist irgend etwas davon zu Ihrer Kenntnis gelangt? Die Anmerkung kündigt zum Schluß an daß „M. mit der Ausarbeitung einer baskischen Grammatik auf |5|historischer Grundlage beschäftigt ist, die wir in nicht zu ferner Zukunft in den Japh. St. zu bringen hoffen.“

Ich brauche Ihnen nicht auseinander zu setzen daß mich diese Angelegenheit in ganz besonderem Maße interessiert; Sie werden mir keine indiskrete Neugier vorwerfen, aber auch kein ungeduldiges Drängen. Ich wünsche mir in einer Frage, die mich seit so langer Zeit beschäftigt hat, und über deren stofflichen Grundlagen ich einigermaßen Bescheid zu wissen glaube, mich noch äußern zu dürfen. Gerade jetzt, da mit den warmen Tagen, meine Sommerabspannung wieder über mich hereingebrochen ist, schaue ich nicht viel über meine Nasenspitze hinaus. Und, von den äußern Umständen zu reden, ist nicht Gefahr vorhanden daß unter dem Baum von Gernika heftige Auseinandersetzungen über das Urbaskentum |6| bei der großen Herbstfeier stattfinden? Vielleicht ließe sich bis zu einem gewissen Grad vorbauen.

Ich danke vielmals für das letzte Heft von Gure Herria und die Nummer von Aŕgia, in der Chistera und Persularis vorgeführt werden.

Ich hätte noch so viel zu sagen und zu fragen; aber ich bewältige nur mit größter Mühe meine Korrespondenz, nur mit Preisgabe aller epistolographischen Eitelkeit.

Herzlichst

Ihr

H. Schuchardt

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