Hugo Schuchardt an Emilio Teza (22-ST12)
von Hugo Schuchardt
an Emilio Teza
16. 01. 1891
Deutsch
Schlagwörter:
Javanisch
Kjachta-Behelfssprache Valera, Juan Menéndez Pelayo, Marcelino Cuervo, Rufino José Machado y Álvarez, Antonio Teza, Emilio (1887) Teza, Emilio (1889) Burckhardt, Jacob (1860) Justi, Carl (1888) Schuchardt, Hugo (1890) Schuchardt, Hugo (1891) Schuchardt, Hugo (1909) Schuchardt, Hugo (1873) Schuchardt, Hugo (1886)
Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Emilio Teza (22-ST12). Graz, 16. 01. 1891. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2018). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6084, abgerufen am 18. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.6084.
Graz, 16 Jänner 911
Verehrter Freund,
Wie tief Sie sich in die ältere spanische Dichtung versenkt haben, das zeigen mir nicht nur die Broschüren die Sie mir geschickt haben,2 sondern vor Allem der Spagnolismus der den Eingang Ihres Briefes durchwehte.3 Ich beneide Sie dass Sie Zeit und Kraft haben, sich mit den Litteraturen ebenso wie mit den Sprachen zu beschäftigen. |2| Vor einem Jahrzehnt noch hatte ich ein so thätiges Interesse an der spanischen Litteratur dass ich davon träumte zu Burckhardts Kultur der Renaissance in Italien4 ein spanisches Gegenstück (das 17. Jhrh.) zu liefern; aber ich hielt mir vor dass ich mit einigem Erfolg entweder nur den sprachgeschichtlichen Studien mich widmen könnte, und ich entschied mich für Letzteres. Neulich schon bei der Lektüre des „Velasquez“ von Justi5 erstanden mir meine „chateaux en Espagne“6 als romantisches Vergangenheitsbild, und nun wieder, bei dem Betrachten Ihrer Reisefrüchte. Gerne hätte ich von ihrer spa- |3| nischen Reise Ausführliches gehört,7 aber ich begreife dass das nur auf mündlichem Wege geschehen kann. Sie haben so viele meiner näheren und weiteren Freunde gesehen, Valera, Menendez Pelayo, Cuervo u.s.w.! Auch Antonio Machado?8
In meinen Kreol. Stud. IX9 (die vorhergehenden haben Sie doch?) wird Manches zu bessern und zu ergänzen sein. Ich selbst finde bei wiederholter Durchsicht immer noch Etwas. So muss z.B. S. 73, 660 der Punkt vor tempo wegfallen („die Krähe = der Rabe wusste nur wo Leichen zu finden wären als Noah wissen wollte ob …“). Nur wenn Einer darüber urtheilen kann, so sind Sie es, als Kreolist, Lusitanist, Malaiist. Ich gedenke übrigens eine Selbstanzeige zu schreiben und dabei Manches zu erklären und |4| zu rechtfertigen.10 Meine Bildungen Javasch, Balisch u.s.w. (für Javanisch, Balinesisch u.s.w.) werden Sie, der Sie amharico u.s.w. vertheidigen, wohl gelten lassen. Wir haben im Deutschen – und so verhält es sich mit dem Italienischen u. andern Sprachen (nicht aber mit dem Magyarischen) – zu bunte Ortsadjektivendungen: atheniensisch, napolitanisch, madrileñisch, kurazoleñisch,11kiachtinisch,12japanesisch u.s.w. und man sollte da einmal, abgesehen von denjenigen Formen die ganz eingebürgert sind, Ordnung schaffen.
Ich gedenke noch einige Zeit unter Palmen zu wandeln, und etwa noch vier aufs Malaioport. bezügliche Abhandlungen zu verfassen; den vier soll eine läng[ere] Erörterung über das mal. Pantun vorangehen13 – da könnten Sie gewiss auch rathen und helfen. – Und |5| in Bezug auf einen andern Gegenstand appelire ich schon jetzt an Ihre Gelehrsamkeit und Mildthätigkeit. Ich werde später einmal auch über die Lingua franca eine „Kreol. Studie“ veröffentlichen. Ich denke mir dass in älteren ital. Komödien u.s.w. sie doch öfter vorkommen wird, habe aber bis jetzt selbst nur in Goldoni`s Impr. delle Sm.14 eine Probe davon gefunden. Natürlich handelt es sich dabei gar nicht um Wissenschaftlichkeit, sondern nur um äussere, geschichtliche Belege für die Existenz und Verbreitung der L. fr.15
Über Allitteration habe ich meines Wissens nie |6| geschrieben, nur einmal einen Aufsatz „Reim und Rhythmus“,16 worin aber von Allitteration auch nicht beiläufig die Rede ist, und der selbst ganz populär gehalten ist, das Prinzip der romanischen Metrik mit dem der germanischen vergleichend. Er ist wieder abgedruckt in meinem „Romanisches und Keltisches“, von dem ich nicht einmal selbst ein Exemplar mehr habe.17
Ihre „coselline“ behalte ich mit bestem Dank.
Herzlichst Ihr
H.S.
1 Schuchardt datiert auf das Jahr 1890, aber sein Brief antwortet auf den vorangehenden Tezas vom Januar 1891. Es geschieht häufig, dass nach dem Jahreswechsel noch eine Zeitlang, sozusagen automatisch, die alte Jahreszahl benutzt wird.
2 Il Sacco di Roma versi spagnuoli pubblicati da E. Teza, Roma 1887; Di Una antologia inedita di versi spagnoli fatta nel secento, nota del professore E. Teza, Venedig 1889. Weitere Texte konnten nicht identifiziert werden
3 Dieser Brief (wie andere der Korrespondenz auch) ist nicht erhalten.
4 Jacob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch, Basel 1860; Ausg. letzter Hand 1869.
5 Carl Justi, Diego Velasquez und sein Jahrhundert, Bonn 1888 (2 Bände).
6 Redewendung für hochfahrende Projekte, die nicht verwirklicht werden.
7 Nähere Hinweise zu dieser Reise konnten nicht gefunden werden.
8 Juan Valera (1824-1905), Marcelino Menéndez Pelayo (1856-1912), Rufino José Cuervo (1844-1911), Antonio Machado y Álvarez (1848-1892) – mit allen Genannten korrespondierte Schuchardt.
9 Schuchardt, „Kreolische Studien IX. Ueber das Malaioportugiesische von Batavia und Tugu“, SB d. phil.-hist. Cl. d. Kais. Akad. d. Wiss. Wien 122, 1890, 1-256.
10 Schuchardt, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 12(6), 1891, 199-206.
11 Nicht identifiziert; Adj. zu Curaçao?
12 Zu Kjachta, einem russisch-chinesischen Grenzort, vgl. Schuchardt, Hugo, „Die Lingua franca“, ZrP 33, 1909, 441–461.
13 Nicht nachweisbar; vgl. dazu Schuchardt, „Kreolische Studien IX. Ueber das Malaioportugiesische von Batavia und Tugu“, SB d. phil.-hist. Cl. d. Kais. Akad.. Wien 122, 1890, 1-256, hier 17: „Etwa aus derselben Zeit als die Meister’sche Probe stammt eine handschriftliche Sammlung malaioportugiesischer und malaiischer Pantuns, die ich schon wegen ihres Umfanges für eine besondere Veröffentlichung aufsparen muss“. Vgl. auch Schuchardts Brief 011 vom 21.6.1888.
14 L’Impressario delle Smirne (1760): „Rappresentata la prima volta nel Carnevale del 1760 a Venezia, com’era nella tradizione di allora presentare le nuove commedie in quell’occasione: scritta in versi e nella parlata delle tre cantatrici: veneziano, fiorentino e bolognese, in seguito Goldoni decise di portarlo in lingua italiana per favorire la maggior comprensione del testo“ (Teatro Luigi Bon).
15 „Lingua franca“.
16 Schuchardt, „Reim und Rhythmus im Deutschen und Romanischen“, Im neuen Reich. Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes in Staat, Wissenschaft und Kunst 3, 1873, 180-187.
17 Schuchardt, Romanisches und Keltisches. Gesammelte Aufsätze, Strassburg 1886, 222-235.
Faksimiles: Biblioteca Nazionale Marciana - Fondo Teza (Sig. ST12)
