Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (379-215)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

06. 12. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Euskaltzaindia - Real Academia de la Lengua Vasca - Académie de la Langue Basque Revue internationale des études basqueslanguage Baskisch Gavel, Henri Uhlenbeck, Christian Cornelius Schulten, Adolf Saroïhandy, Jean-Joseph Urquijo Ybarra, Julio de Bonaparte, Louis Lucien Etcheverry, Auguste Azkue y Aberasturi, Resurrección María de Sare München

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (379-215). Graz, 06. 12. 1920. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6058, abgerufen am 03. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6058.


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Graz, 6. 12. 20

Lieber Freund,

Meinen Brief der etwas pessimistisch ausfallen wird, will ich wenigstens mit dem Glückwunsch zu etwas Erfreulichem, eigentlich Selbstverständlichem beginnen, zu Ihrer Wahl als wirkliches Mitglied der baskischen Akademie. Ich hatte mich darüber gewundert daß ihr Schwierigkeiten im Wege standen; sie scheinen nur formaler Art gewesen zu sein.

Nun zu Gavels Arbeit! Der Umfang, etwa 550 Seiten hat mich in doppelter Hinsicht unan|2|genehm überrascht. Erstens weil ich sehr ungewiß bin ob ich das Ende erlebe (nach Ihrer Angabe müßten in der nächsten Zeit wöchtenlich 3 Bogen gedruckt werden – ?), ob ich das Ganze noch werde benutzen können. Zweitens weil das Neue was uns hier geboten wird, auf einem weil kleineren Raum hätte Platz finden können, nein: müssen; weniger wäre mehr gewesen. Man gewinnt den Eindruck als ob G. sich Mühe gegeben hätte, alles möglichst auseinander zu ziehen. Sogar die Zitate aus Uhlenbecks Beiträgen, (wozu die erstaunliche Begründung auf S. 3.) Und auf der andern Seite fehlt gerade das Wichtigste, das worin die Franzosen Meister zu sein pflegen: die Exposition. Auf den drei Seiten Avant-propos läßt uns G. vollkommen im Unklaren |3| darüber was er eigentlich beabsichtigt. Der Titel Éléments scheint mir eher für die Arbeit Uhlenbecks zu passen, wie deren Titel Contribution(s) für die Gavels. Die Sache war so einfach darzulegen. Den Stoff liefert im wesentlichen Uhlenbeck; dazu gibt Gavel Ergänzungen, Ausführungen, Erklärungen, wie er sie sich auf baskischem Boden selbst verschafft hat, mit ausdrücklicher Beschränkung auf die Mundart der Soule. Ich setze diese Kritik nicht fort, um so weniger als Sie selbst ja die schwachen Seiten von G.s Schrift deutlich erkannt haben. Wenn ich je noch Gelegenheit haben sollte, einen oder den andern Punkt in G.s Schrift zu erörtern, so wird er keinen Grund haben gegen mich verstimmt zu werden. Ich bedauere seine Arbeitsweise deshalb weil sie der Wirkung seiner Schrift Eintrag tut, sie stellt die feinen, oft allzufeinen |4| Erwägungen, in denen er sich ergeht, in Schatten und sie schreckt diejenigen ab die eine elementare Behandlung des Gegenstandes erwarten. Ja, das Bedürfnis in das Studium des Baskischen eingeführt zu werden, besteht; manche Anfrage bestätigt mir das, sogar A. Schulten, der von Numantia richtet gerade jetzt eine solche, etwas naiv klingende an mich: „Gibt es wohl irgend ein Buch, in dem ich baskische Sprachproben mit ganz wörtlicher deutscher Übersendung finde?*) gibt es ein baskisches neues Testament?“ Zu allem Unglück wird Gavels Buch für uns Deutsche, sowohl in Deutschland wie in Deutschösterreich – nur hier in noch höherem Grade – einen kaum erschwinglichen Preis kosten. Ich interessierte mich schon vor einiger Zeit für Gavels Antecedentien; ist er nicht eigentlich ein Jurist? Es schwebte mir vor als ob ich Sie darum befragt hätte, aber bei der Durchsicht Ihrer Briefe habe ich keine Auskunft darüber gefunden. Vielleicht verwechsele ich die |5| Sache mit der von Saroïhandy; über ihn haben Sie mich allerdings seiner Zeit unterrichtet. Da ich gerade seinen Namen nenne, so bitte ich Sie nicht zu vergessen ihm für mich einige Zeilen zu schreiben. Ich kann mit meinem Briefwechsel nicht fertig werden; besonders da ich jetzt durch das ewig trübe Wetter und wegen des Abnehmens meiner Sehkraft sehr niedergedrückt bin.

Das Erscheinen der RB verlangsamt sich wohl noch mehr wenn Urquijo seine Gemahlin nach der Schweiz bringen wird (wohl nach Davos?). Seine eigenen baskologischen Arbeiten werden ins Stocken geraten. Er hat mir am 17. Nov. zuletzt geschrieben; aber der Brief hat lange Zeit hierher gebraucht. Er enthält nur die Beantwortung einer biblio- oder eher biographischen Frage. Auf die wegen der Bestimmung der Bonapartischen Karte habe ich noch keine Antwort.

Was Ihr auf dieses bezügliches freundliche Anerbieten betrifft, so danke ich vielmals dafür. Ich kann jetzt keinen Gebrauch davon machen, da ich die ganze dialektologische Untersuchung die damit zusammenhängt, aufschieben oder aufgeben muß. Sie sollte einen Teil meiner Arbeit über die Mundart von Sare bilden. Aber die Berliner Akademie für die ich diese bestimmt hatte, druckt nicht einmal die Sitzungsberichte mehr. Darin ist ihr unsere, die Wiener Akademie gefolgt. Mit der dritten deutschen Akademie deren Mitglied ich bin, der Münchener wird es nicht besser stehen. Jetzt habe ich nur noch eine Möglichkeit vor Augen; ich werfe alles Beiwerk, auch die deutsche Übersetzung der Etch.schen Dialoge über Bord, und bringe bloß diese mit meinen Anmerkungen zum Drucke. Das aber müßte meinen Umständen gemäß, bald geschehen – und wie?

Der baskische Atlas in unbestimmte Ferne gerückt, Azkues Sp.-b. Wtb. abgebrochen! – die Aussichten für die baskischen Studien sind schlecht.

Mit herzlichem Gruß

Ihr getreuer

H. Schuchardt

*) Hätte ich nur schon vor Jahren meine Leizarragasche Sprachprobe mit deutscher Interlinearübersetzung drucken lassen! Jetzt können wir nichts drucken, auch müßte sie umgearbeitet werden.

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