Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (366-200)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

24. 02. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Phonetiklanguage Baskisch Vinson, Julien Meillet, Antoine Uhlenbeck, Christian Cornelius Eys, Willem Jan van Bonaparte, Louis Lucien Saroïhandy, Jean-Joseph Azkue y Aberasturi, Resurrección María de Schuchardt, Hugo (1906) Schuchardt, Hugo (1907)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (366-200). Graz, 24. 02. 1920. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6045, abgerufen am 03. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6045.


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G., 24. II. ’20

Lieber Freund,

Besten Dank für die Karte und besonders für die „Primeurs“, die allerdings nicht sehr schmackhaft sind. Sie sind mehr Beiträge zur Kenntnis von Vinsons wissenschaftlichem Charakter, als zur Kenntnis des Baskischen. Vinson ist unverbesserlich, ich möchte – wenn ein Komparativ erlaubt wäre – sagen, unverbesserlicher denn je. Im Grunde bedauere ich ihn wegen seiner Selbstverblendung, die auf dem Umstand beruht daß er „Doyen“ der Baskologen ist. |2| Ich mag nun aber nicht wiederum gegen ihn auftreten; es ist nutzlos für ihn, vielleicht auch für die meisten der Leser. Nur möchte ich Sie bitten Meillet zu fragen was er von dem Satze hält: „Quant à la diphtongue eu, elle se présente souvent comme un «guna» (die französischen Gelehrten pflegen gouna zu schreiben), en renforcement de u“. Er wird wahrscheinlich sagen: die sprachwissenschaftliche Uhr des Verfassers sei in den 70er Jahren stehen geblieben (im Nouveau Larousse ill. hätte V. Aufklärung über die Stellung der Wissenschaft zur indischen gouna finden können).

Was V. vor einem halben Jahrhundert über Phonetik geschrieben hat, ist, trotz vieler Irrtümer, sehr bemerkenswert; man durfte damals |3| das Beste von dem jungen Mann erwarten. Aber er hat keine wirklichen Fortschritte gemacht, und er scheint anzunehmen daß ihm auf den ersten Wurf die Bewältigung des schwierigen Stoffes gelungen sei – heute, meint er, würde er allerdings einige Modifikationen und Zusätze zu machen haben. Man begreift daß ihn die Nichtberücksichtigung der Jugendarbeit bei Uhlenbeck, der sie eben nicht kannte, verstimmt hat; aber zu behaupten daß der „Premier essai“ viel vollständiger und detaillierter sei als U.s. Abhandlung, das ist doch gar zu wunderlich. Was übrigens die „culture germanique“ hierbei zu tun habe, sehe ich nicht ein; der gleich darauf genannte Van Eys gehörte ja auch dazu. Und wenn er fortfährt „il serait fâcheux d’oublier“ – so besagt das so viel als daß er wirklich im Augenblick, da er von der |4| „initiative de l’étude scientifique du Basque“ sprach den Dr. A. Mahn1 vergessen hatte mit seiner „introduction vraiment scientifique“ aus Vorvinsonischer und auch Vorbonapartescher Zeit. Daß V. wiederum dem Prinzen B. „défant de méthode et manque de discernement“ vorwirft, das ist mir unbegreiflich; denn hierin übertrifft er ihn selbst weit. Und wenige Zeilen vorher hatte er erwähnt daß die Arbeiten B.s „sur l’observation expérimentale“ gegründet seien.

Das erste Wort von Vinsons Aufsatz ist durchaus irreführend: La (Phonétique Basque). Denn das Ganze besteht aus einer Reihe von Bemerkungen, die soweit sie richtig sind, längst Bekanntes bilden, und sie sind aneinander geknüpft durch Wendungen wie „il convient de rappeler“, „il faut tenir compte“, „on n’a pas assez pris garde“ usw. Wahrlich, |5| im „Décousu“ – ich habe dieses Wort schon einmal in Bezug auf ihn gebraucht – sucht Vinson seinen Meister. Nicht einmal in einer Unterhaltung, die Vinson einem jungen Baskologen gewähren würde, um ihm Ratschläge bezügl. einer Doktordissertation über bask. Phonetik zu geben, wäre eine solche Kunterbuntheit statthaft. Ich gehe auf das Einzelne nicht ein; denn es wäre nutzlos – V. diskutiert ja nie, er dogmatisiert immer, nie berücksichtigt er was andere gesagt haben. Es finden sich Ungeheuerlichkeiten bei ihm; so „t = g est normal“ in betagin, betazal usw. Über das t dieser Zusammensetzungen, wie anderer (su-t-alde, su-t-arri usw) habe ich mich ausführlich geäussert; betagin steht für begi-t-agin (vgl. begi-t-arte). Und belhaun Knie, eig. „front du pied“! Genug; nur eines |6| möchte ich noch berühren. Vor sehr langer Zeit hatten Sie mir einmal mitgeteilt, daß Vinson der Erblindung nahe sei. Ich hatte damit die außerordentliche Häufigkeit von Druckfehlern bei ihm in Zusammenhang gebracht und war geneigt sie nicht mehr auf Rechnung von Nachlässigkeit zu setzen. Und jetzt da ich selbst großer Nachsicht bedarf, müßte ich um so mehr solche gegen Andere üben: Nun läßt aber die Korrektur des Aufsatzes die doch von V. selbst herrührt, keinen Schluß auf abnehmende Sehkraft zu; die Druckfehler aber dauern fort z. B. erreberro Jauregui… avec chute du u; und warum nicht jauregi? warum Yaungoikoa usw. und nicht J-? – Mein Brief an Saroïhandy ist hoffentlich trotz einer nicht ganz richtigen Ziffer der Hausnummer angelangt? – Von Azkues Schriften ist eine kurze Anzeige schon gedruckt und korrigiert.

Mit herzlichem Gruß
Ihr
>H. Schuchardt

|7|Letagin

wird von Azkue als Nebenform von betagin, Augenzahn angeführt. Das l- wird wohl ebenso zu erklären sein, wie das l- von lezoin = pezoin, liper = piper, lizifru = span. pesebre u.ä. (Bask. u. Rom. 35). Betagin steht für *begi-t-agin, wie betarte für begi-t-arte, otondo für ogi-t-ondo, su-t-alde, su-t-arri u. ä. (Iber. Dekl. 63)

H. Schuchardt

|8|2 Ich habe den Brief wieder geöffnet um dieses Blatt mit einem schmerzlosen Antivinsonianum einzulegen; vielleicht findet es noch im dem laufenden Hefte Platz*), als Seitenfüller, wie sie ja neuerdings so beliebt sind. – Ich habe Ihnen auch noch für das Zeitungsblatt von St.-Palais zu danken.

*) Korrektur von meiner Seite wäre ja wohl nicht nötig


1 Carl August Friedrich Mahn, 1802-1887, deutscher Philologe.

2 Unterer Teil von 7, abgetrennt.

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