Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (365-199)

von Hugo Schuchardt

an Georges Lacombe

Graz

09. 02. 1920

language Deutsch

Schlagwörter: Revue internationale des études basques Vinson, Julien Nyrop, Kristoffer Kluge, Friedrich Aranzadi y Unamuno, Telesforo de Urquijo Ybarra, Julio de Sare

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Georges Lacombe (365-199). Graz, 09. 02. 1920. Hrsg. von Katrin Purgay (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.6044, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.6044.


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9.II.’20.

Lieber Freund!

Sie werden mich ausgelacht haben weil ich die Korrektur meines Artikels in einer Postkarte und zwei Drucksendungen erledigt habe; die Zerstreutheit des Alters!

Heute habe ich Ihren Brief vom 3. erhalten, nebst der Vinsonschen Beilage und ich danke Ihnen vielmals.

Wenn Sie der „Phonétique basque“ von V. einen kürzeren oder längeren Artikel widmen wollen, so wird das im Interesse der Leser der Rev. sein; auf V. wird es keinen Eindruck machen. Oder vielleicht doch? Falls er sich nämlich bewußt ist daß er infolge seines Augenleidens nicht mittun kann, |2| aber anderseits auch keine seiner alten Ansichten aufgeben mag. Ich fühle um so mehr Mitleid mit ihm als gerade für einen Sprachforscher der Mangel der Sehkraft besonders empfindlich ist. Mein Freund, der Romanist Kr. Nyrop in Kopenhagen ist seit vielen Jahren blind, und er veröffentlicht beständig sehr bemerkenswerte Arbeiten in fehlerfreiem Druck. Ebenso der mir befreundete, aber nicht persönlich bekannte Germanist Fr. Kluge, der Lexikograph. Aber sie haben gute Helfer oder Helferinnen. Auch meine eigene Lage stimmt mich zur Teilnahme; hoffentlich lebe ich nicht so lange, daß ich zu wissenschaftlicher Arbeit völlig unfähig werde.

Vinson ist wohl von jeher gewesen wie er ist. Ich las in diesen Tagen Aranzadis Polemik mit ihm; dieser |3| hat ihn, (vor zehn Jahren) ebenso beurteilt wie ich; seine Vortrag ex-cathedra, seine olympische Verachtung für seine Kritiker usw.

Der Brief an de Urquijo, den Sie in Abschrift beilegten, gibt ein weiteres Zeugnis für Vinsons Art. Ich sage nicht: ein neues; alles das habe ich ja schon gelesen, in der Revue de ling. Lauter unrichtige Allgemeinheiten! Z.B. Wenn er sagt, er zöge es vor, statt sourdes und sonores zu sagen: fortes und faibles, so verkennt er daß diese Ausdrücke sich keineswegs decken. Das hat zu der allgemein verbreiteten falschen Auffassung geführt, daß die Deutschen mediae und tenues beständig verwechselten (z.B. intupidapte)*), was eines der größten Kunststücke wäre die sich auf diesem Gebiete denken ließe. Wir Mitteldeutschen verwechseln beides nicht miteinander, wir gleichen es aus;

|4| so lautet z.B. „du, tu das auf den Tisch“ in meiner heimischen Aussprache so: τu τu τas auf τen τisch. wo τ einen Laut bezeichnet der zugleich sourde und faible ist.

Ist dieser Brief von 1914 gedruckt? soll er gedruckt werden? Ich warte auf Ihre Antwort, ehe ich ihn zurückschicke.

Meine Gespräche von Sare liegen nun seit Jahr und Tag, eigentlich seit Jahren da und erwarten Ihren Abschluß. Daß dieser nicht erfolgt ist, liegt zum großen Teil an der Schwierigkeit, die Betonungsverhältnisse zu behandeln. So habe ich mich denn in diesen Tagen entschlossen, sie in der für die Berliner Akademie bestimmten Denkschrift, ganz wegzulassen und das was ich in dieser Hinsicht gesammelt und erklügelt habe, den Lesern der Rev. zur Begutachtung vorzulegen, da ja diese Frage dort nun einmal angebrochen worden ist. Pia desideria!

Mit herzlichem Gruß

Ihr

H. Schuchardt

Ich schreibe an Frau Uhlenbeck, um von ihm zu hören.

*) so bei der Gyp (übrigens meine Lieblingsschriftstellerin).

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