Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (154-04153)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

28. 06. 1910

language Deutsch

Schlagwörter: Meyer-Lübke, Wilhelm Meringer, Rudolf Schröder, Edward Gröber, Gustav ([o. J.]) Curtius, Ernst Robert (1951) Hillen, Ursula (1993)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (154-04153). Straßburg, 28. 06. 1910. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5971, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5971.


|1|

Straßburg-Ruprechtsau 28. Juni 1910

Lieber Freund!

Die Nachrichten über mein Befinden,1 die Sie zuletzt von Meyer-Lübke erhalten haben, sind leider insoweit nicht mehr richtig, als zu dem ziemlich geheilten verletzten Arm eine Augenentzündung getreten ist, die mich an eigener Erledigung der Korrespondenz wiederum verhindert und mich veranlasst Ihnen durch meine Frau zu antworten.2

Ihr ausführlicher Brief bezweckt ohne Zweifel mir Aufklärung über Ihre Stellung zu M.L. zu geben, worauf ich unlängst in einer früheren Zuschrift angespielt hatte, indem ich andeutete, daß die Philologenversammlung in Graz Ihnen vielleicht Gelegenheit geboten hätte sich mit M.L. über die Meringerfrage selbst auszusprechen.3 Daß Sie in den Unterhaltungen mit M.L.‘s Frau4 darin nicht weit gekommen sind, verstehe ich aus dem Charakter von Frau M.L., die ihren Gatten immer glaubt verteidigen zu müssen, da sie seine Zurückhaltung für eine der Unterstützung bedürftige Schwäche hält und für ihn eintreten zu müssen glaubt. Ich habe den Eindruck daß sie glaubt ihren Gatten auch Meringer gegenüber stützen zu müssen, der offenbar |2| wie Ihnen, so M.L. gegenüber aufgetreten ist und ihn zu ducken sucht. So wird sie auch Ihr Verhältnis zu ihrem Gatten auffassen, daher die lange Auseinandersetzung im „Zickzack“ von denen Sie sprechen.

Das Verhalten Schroeder’s [?]5 ist unbedingt tadelnswert und für eine Redaktion unverständlich. Ihre Stellung zu Meyer-Lübke in der Kritik als Polemik bezeichnen Sie jedenfalls so richtig, und es ist nur zu wünschen daß er nicht in die Kritik Ihnen gegenüber verfällt.

Den angenehmen Eindruck, den Sie von Meyer-Lübkes Töchterchen haben, empfingen auch wir als M.L.s uns vor drei Jahren hier besuchten.

Dem angekündigten Manuskript sehe ich entgegen. Ich glaube es baldigst verwenden zu können.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

G. Gröber.6


1 Auffällig ist, dass Gröber in diesem Jahr eine Aphorismensammlung mit dem Titel Wahrnehmungen und Gedanken (1875-1910), Strassburg 1910, veröffentlicht, die eine so nicht erwartete deutschnationale und wenig tolerante Einstellung dokumentiert. Man lese z.B. den III. Teil „Vom Volkscharakter“, der über die Romanen, deren Sprachen und Literaturen Gröber doch so viel Aufmerksamkeit gewidmet hatte, zu abschätzigen Einstellungen gelangt, z.B. „Franzosen empfinden wie Frauen und rechnen wie Juden. Kritische Denker sind unter ihnen selten, häufig Satiriker und Komiker“ (Nr. 10, 34); „Den Italienern erlaubte die Sonne von je den Müßiggang und erschwerte ihm Leidenschaften zu beherrschen“ (Nr. 15, 35); „An des Spaniers Arbeitskraft stellte der Boden ebenfalls keine Anforderungen. Die Kirche hat seine Leidenschaften in ihre Gewalt gebracht und ihn geistig fast bedürfnislos gemacht. Seine Literatur blühte zu Zeiten, wo der Priester weltlich geworden war, unter dem Einfuß anderer Völker“ (Nr. 16, 35) usw.

2 Zu Gröbers angegriffener Gesundheit vgl. die folgenden Hinweise: Gröber war schon seit 1909 leidend, vgl. die Erinnerungen des Gröber-Schülers Ernst Robert Curtius: „Gröber war damals [=1910] schon schwer krank. Er hatte 1907 einen Schlaganfall erlitten, von dem er aber bald genas, so daß er seine Vorlesungen wieder aufnehmen konnte. Allein 1909 verschlimmerte sich sein Zustand, und er ließ sich emeritieren. Ich lasse einige Aufzeichnungen aus dem November 1909 folgen. ,Besuchte Gröber im Diakonissenhaus. Er saß am Fenster, seine Frau daneben, ihm vorlesend. Um den Kopf trug er eine Binde, die das kranke Auge bedeckte. Er schob sie weg, indem er mich fragte: ,Wollen Sie es sehen? Sie haben gewiß noch nie so ein Auge gesehen‘. […] Gröbers Zustand verschlimmerte sich bald. Er starb am 6. November 1911 an Verkalkung“ („Gustav Gröber und die romanische Philologie“, ZrP LXVII, 1951, 257f., hier zit. nach Curtius, Gesammelte Aufsätze zur romanischen Philologie, Bern-München 1960, 428-455, hier 449-450). Noch präzisere Angaben enthält ein Brief von Gröbers Frau Elisabeth vom 30.6.1910 an Philipp August Becker: „Bei uns geht es nicht gut, wie Sie schon durch Herrn Heitz gehört haben. Mein armer Mann hat vor 9 Wochen infolge seines Leidens, Verkalkung der Gehirnarterien, sich durch einen Sturz an der Hausstiege den rechten Oberarm verletzt, der ganz gut geheilt ist; wenn er ihn auch noch nicht ganz gebrauchen kann, vor allem am Greifen gehindert ist, so hat diese Verletzung keine Bedeutung mehr. Schlimmer ist es, daß als Folgekrankheit Zuckerabgang dazu gekommen ist, dessen man nicht Herr werden kann, trotz aller angewandten Sorgfalt. Weiter ist das noch übrige Auge (das rechte ist seit dem letzten Herbst ganz erblindet) seit einiger Zeit sehr schwach, so daß mein armer Mann selbst fürchtet, gänzlich zu erblinden. So ist er auf einmal aus aller Thätigkeit gerissen und verbringt seine Tage meist liegend zu, nicht im Bett, aber am Sopha oder im Garten, was bei den letzten herrlichen Wochen ein wahres Labsal für ihn war“ (Brief CXLVII, ed. Hillen, 1993, 380).

3 Ein solcher Brief ist nicht erhalten.,

4 Wilhelm Meyer war seit 1889 mit Hermine Lübke verheiratet und führte ab dann den Namen Wilhelm Meyer-Lübke.

5 Sollte Edward Schroeder gemeint sein, Hrsg. der Zeitschrift für deutsches Altertum ? Aufschluss könnte möglicherweise der einzig erhaltene Brief aus seiner Feder vom 7.12.1909 (Lfd.Nr. 10202) bzw. Schuchardts Karte (Göttingen, NSUB) liefern.

6 Brief von der Hand Elisabeth Gröbers; Unterschrift eigenhändig.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04153)