Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (145-04144)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

25. 10. 1909

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Universität Leipzig Verlag Karl J. Trübner G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung Verlag Walter de Gruyter Zeitschrift für romanische Philologie Tobler, Adolf Cloëtta, Wilhelm Becker, Philipp August Meyer-Lübke, Wilhelm Schneegans, Heinrich Cuntz, Otto Gruyter, Walter de Straßburg Hillen, Ursula (1993) Gröber, Paul (1909) Meringer, Rudolf (1909) Meyer-Lübke, Wilhelm (1909)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (145-04144). Straßburg, 25. 10. 1909. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5962, abgerufen am 02. 03. 2024. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5962.


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Straßburg i/E, Ruprechtsau, 25./10.09.

Lieber Freund.

Ihre Nachrichten aus Brioni1 haben mich sehr erfreut. Einen Ort, der so vorteilhaft auf Ihr [Text: Ihres] Befinden wirkt, daß Sie sich von den Ärzten noch jetzt lossagen können, haben Sie wohl lange nicht aufgesucht oder gefunden, – er hat Ihnen genügenden Schlaf gegeben und Sie von neurasthenischen Erscheinungen befreit, sodaß Sie sich verjüngt fühlen und den Aufenthalt dort andern empfehlen können. Möge es dann auch nicht an günstigen Nachwirkungen fehlen, wenn Sie zurückgekehrt sind.

Ich bin seit dem 28. Juni vom Lehramt zurückgetreten, in der letzten Stunde von einer großen Zahl Studierender umgeben, die mir mein lebensgroßes Bild, für das Seminar bestimmt, überwiesen, von Guirlanden umrahmt und von einem Garten voll Büschen und Blumen umgeben, und beschloß so meine Lehrtätigkeit als Fakultätsvertreter der Romanistik dahier, wie nicht jeder emeritierte Kollege. Sympathisch waren ebenso die Äußerungen, die mir von der Regierung, der Universitätsbehörde, von hiesigen und auswärtigen Collegen bekannt gegeben wurden, zu welchen letzteren in einem Briefe vom August auch Tobler2 sich gesellte, der mir seine vielseitige Anerkennung aussprach. Danach habe ich gleichfalls einige Wochen von den Lasten des Semesters auszuruhen gesucht, |2| in Neuenahr im Rheintal, in dem ich, allein, mich guten Muthes erfreute und durch weite Spaziergänge, im Ahrtal, stärkte. Mein Schlaf war dort schlecht, aber er hat sich nach der Rückkehr so gebessert, daß ich seitdem in den verflossenen Wochen kein Veronalpulver zu nehmen nötig hatte, was der Arzt mir vorher wöchentlich zweimal zu nehmen anempfahl, – eine andere Hilfe wußte er nicht mehr. Auch ich habe hierbei, und sonst, erfahren, was Sie an den Ärzten beobachtet haben; über das Handbuch hinaus den Patienten zu belehren, erlaubt ihre Kenntnis und die notwendige Ausdehnung der Praxis nicht; selbst langjährige Hausärzte gelangen zu solchen Grundsätzen! Mein rechtes Auge, seit einem Jahr blind, ist ihnen bis auf weiteres entzogen. In Rücksicht auch auf das sehr kurzsichtige linke Auge war ich gezwungen, mich nach der Niederlegung der Lehrtätigkeit zu beschränken u. in der Fakultät als Mitglied derselben, meiner Stellung hier zu entraten. – Ich werde nun Mühe haben, mancherlei aufgestapelten Arbeitsstoff gelegentlich zu erarbeiten und alte Gedankenrichtungen wiederaufzugreifen.

Mein Nachfolger, als den die Fakultätskommission nach den erhaltenen Körben, nur noch Cloetta3 vorzuschlagen wußte (Becker, den ich schließlich gewünscht hätte,4 nachdem weder Meyer-Lübke, noch H. Schneegans zu erlangen war, wurde bei Seite gestellt) ist nun seit einer Woche hier; ich werde ihn nach Möglichkeit unterstützen, damit er hier vorteilhaft wirken kann. Persönlich macht er den günstigen Eindruck seiner Briefe. |3| Wir, meine Frau und ich und mein Sohn, der gegenwärtig nach Veröffentlichung seiner zweiten größeren Arbeit in den Abhandlungender Bayer. Akademie über geologische Erscheinungen des asiatischen Himmelsgebirges,5 an das kgl. naturhistorische Museum in Brüssel berufen ist, um dort das ungeordnete Carbonfaunamaterial zu verarbeiten, bleiben hier in unserem von einem Garten und weiteren großen Gemüsegartenanlagen umgebenen Landhaus, das wir allein bewohnen, und wo wir uns im zweiten Teil der Ferien unserer Leipziger Enkelkinder, unserer Tochter und ihres Gatten nach dem Tode seines Vaters, Max Heinze, der am 17. Sept. starb,6 zu erfreuen hatten. Auch für meine Tochter ist Strassburg, wo sie vom 6. Bis zum 21. Jahre verweilte, noch Heimat, wie für meinen hier geborenen Sohn, und da auch wir Eltern, nach 29jährigm Verweilen dahier, einen Wohnort mit Verwandten und näheren Bekannten nicht aufzuweisen haben, ist es uns nahe gelegt, unsere Tag hier zu beschließen. Das schließt nicht aus, daß auch wir noch einmal, um so mehr als meine Frau Oesterreicherin ist, Ihr so anziehend geschildertes Brioni aufsuchen können, um seine Wirkungen kennen zu lernen.

Vom Philologentag in Graz7 habe ich in den Zeitungen wenig gelesen, die Karte, die mir auch Ihren freundl. Gruß brachte, habe ich erhalten. Mein Schwiegersohn Heinze, der durch Cuntz8 u.a. dringend aufgefordert wurde, dort zu erscheinen, wurde durch den Tod seines Vaters daran gehindert. Cornu zeigte mir bald darauf den Tod seines Sohnes an.9 Nachhaltiger geltend gemacht hat sich dort wohl Meringer.10 Meyer-Lübkes Abhandlung über die Dreschgeräte11 erhielt ich dieser Tage.

Ihre Erörterung sprachwissenschaftlicher Fragen wird Trübner (Drde Gruyter)12 hier mit |4| Vergnügen entgegennehmen, ebenso wie ich die beiden von Ihnen angekündigten Artikel für die Ztschr.13 Wir werden sie wohl im 1 Heft des neuen Bandes mitteilen können.

Hoffentlich erreicht Sie dieser noch ausführlicher als der Ihrige gewordene Brief, – morgen geht das Semester an, wo ich zum ersten Male nicht lese, – der Sie bei bestem Wohlsein zu erreichen wünscht.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

GGröber.


1 Kleine Inselgruppe in der kroatischen Adria ( Brijuni-Inseln, ital. Brioni), nach 1900, als die Malaria weitgehend eingedämmt war, Treffpunkt der eleganten Welt.

2 Adolf Tobler (1835-1910), Romanist in Berlin; Gröber hatte seine Habilitationsschrift in Leipzig bei Adolf Ebert verfasst, sie dann aber in Zürich eingereicht, wo sie von Tobler, inzwischen in Berlin, und Ebert, zur Annahme empfohlen wurde.

3 Der Schweizer Wilhelm Arnold Cloetta (1857-1911) war u.a. Schüler Vollmöllers in Göttingen und wurde von Jena nach Straßburg berufen, wo ihm aber nur eine kurze Zeit der Tätigkeit vergönnt war.

4 Am 17.10.1909 hatte Gröber an Becker geschrieben: „Daß mein Nachfolger nun Cloëtta geworden ist, dem ich in der neuen Woche das Seminar mit Bibliothek und Inventar zu übergeben haben werde, wir Ihnen bekannt geworen sein, ich werde dabei immer an den erhofften Nachfolger denken [müssen], der in seinem Heimathlande im Sinne desselben und der gefestigten Traditionen gewirkt haben würde und wohl kaum ersetzt werden wird“ (Brief CXLI, ed. Hillen, 1993, 371). Betrübt muss er dann am 2.10.1910 feststellen, daß „gegen Cloëtta am Anfang der Semesterschlußwoche wegen seiner Art, Vorlesungen zu halten und zu examinieren durch Scharren, Pfeifen und Johlen von den Studenten so demonstriert worden ist, daß er die Vorlesungen einstellen mußte“ (Brief CIIL, ebd., 383). Da Cloëtta das Auditorium maximum nicht mehr füllte, wurde die romanistische Hauptvorlesung in einen kleineren Hörsaal verlegt.

5 Carbon und Carbonfossilien des nördlichen und zentralen Tian-Schan. Aus den wissenschaftlichen Ergebnissen der Merzbacherschen Tian-Schan-Expedition. Von Paul Gröber. Mit 3 Tafeln, München; K. B. Akademie der Wissenschaften; 1909 ; 1 Bl., 341-384, 3 Taff.

6 Max Heinze (1835-1909), Theologe und Philosoph, bekleidete seit 1875 den Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie an der Univ. Leipzig. Sein Sohn Richard (1867-1929), Leipziger Ordinarius für Klass. Philologie, war seit 1899 mit Gröbers Tochter Johanna (1876-1951) verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne.

7 Vgl. Lfd.Nr. 144-04143.

8 Otto Cuntz (1865-1932), Althistoriker in Graz.

9 Der Mineraloge und Petrograph Felix Cornu (Jg. 1882) starb am 27.9.1909 in Leoben.

10 Rudolf Meringer (1859-1931), österr. Indogermanist. Er steuerte zu Stromateis (Lfd.Nr. 04143) den Beitrag „Zur Bildung des indogermanischen Komparativs“ bei.

11 „Zur Geschichte der Dreschgeräte“, Wörter und Sachen 1, 1909, 211-244.

12 Walter de Gruyter (1862-1923), der in Leipzig germanistisch promoviert worden war, wurde 1906 Teilhaber und 1909 Eigentümer des Verlags Trübner und gründete 1919 durch Zusammenschluss der Verlage Immanuel Guttentag, Karl I. Trübner und G.J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung die Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter & Co, die ab 1923 den Namen Verlag Walter de Gruyter in Berlin führte. Der Verleger Karl J. Trübner war am 2.6.1907 verstorben.

13 Nicht sicher, welche Beiträge gemeint sind, da Schuchardt in ZrP XXXIV, 1910 sieben Beiträge publiziert hat.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04144)