Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (116-04116)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

20. 01. 1901

language Deutsch

Schlagwörter: Universität Straßburg Universität Marburg Universität Königsberg Martin, Ernst Paris, Gaston Meyer-Lübke, Wilhelm Cornu, Julius Förster, Wendelin Straßburg Schuchardt, Hugo (1901) Schmidt, Charles (1901) Schuchardt, Hugo (1901) Lienhart, Hans/Martin, Ernst (1899) Förster, Wendelin (1899) Hirdt, Willi (Hrsg.) (1993) Körting, Gustav Carl Otto (1901)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (116-04116). Straßburg, 20. 01. 1901. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5933, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5933.


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Straßburg i/E. d. 20.1.1901

Lieber Freund.

Die etymologischen Miscellen habe ich erhalten und mit großem Interesse gelesen. Leider kann ich sie erst in XXV,  3 bringen, da XXV, 2 ganz besetzt ist.1Ecclesia erhält in XXV, 2 seine Stelle. Warzloff steht bei Charles Schmidt mit z (ein Beleg daselbst aus dem 17. Jh. hat t ( wartlofen).2 Bei der Gelegenheit versäume ich nicht Ihnen eine neue Adresse für Erkundigungen über Termini der Fischerei mitzutheilen, die mir vor längerer Zeit Coll. Martin3 gab, die ich Ihnen nur deshalb nicht schon schrieb, weil ich glaubte, daß die Angelegenheit für Sie erledigt wäre. Aber erschrecken Sie nicht. Die Adresse lautet: Garderobier Oberthür, an der Eisenbahn, wohnhaft Weißenthurmring 254 d.h. der Mann ist nicht nur Hausbesitzer, sondern auch geschätzter Vorstand der Société nautique in Straßburg, eine sehr populäre Gesellschaft aus franz. Zeit dahier, und O. ist ihr langjähriger Leiter, der sehr stolz darauf sein soll, |2| wenn man seine Fischereikenntnisse in Anspruch nimmt, u. bereitwilligst Fragen beantworten soll. Sie könnten sich bei ihm auf Prof. Martin beziehen.

Ihrer Auffassung von der Art und Weise, wissenschaftlich sich zu verständigen, kann ich nur zustimmen. Die wissenschaftliche „Verständigung“ wird nur leider so sehr mit Elementen der Selbstliebe verquickt, daß die Wissenschaft in ihrer Entwicklung dadurch gehemmt wird. „Nichts für sich wollen“, sollte hier Wahlspruch sein. Wenn man nun aber solche Äußerungen vernimmt, wie Sie sie von einem Mann wie G. P., an dessen Wahrheitssinn viele glauben, bez. F’s permaine-Artikel zusammenzuhalten in der Lage sind,5 so möchte man glauben, daß jene Art u. Weise wissenschaftlicher Verständigung nicht einmal denen Bedürfnis ist, die auf ihrem Gebiete die höchste wissenschaftliche Verantwortung haben. Parodi ist ein liebenswürdiger Herr,6 der mir auch öfter |3| Freundlichkeiten sagt; doch ist er sicher dabei nicht uninteressiert.

Daß Meyer-Lübke nicht den Ruf nach Graz erhalten hat, wird ihn kränken. Da er aber mit Cornu7pari loco vorgeschlagen wurde, wird ihn doch wohl das Ministerium schadlos halten. Wird dann Cornu, der sich so schwer von seinen Penaten scheint trennen zu können, kommen? Bei Meyer-Lübke möchte mir auch die Annahme des Rufes zweifelhaft erscheinen, da Wien doch auf alle Fälle große Vorzüge für ihn als Docent wie als Privatmann hat. Daß Foerster in Spanien ist,8 ist mir neu. Was aus seiner Professur wird, ist mir ebenfalls unbekannt. Die Vertretung durch den Oberlehrer Bu[s]cherbruck9 geht doch nicht auf die Dauer. Er wünschte wohl eine Vertretung durch einen Docenten bis dahin, wo er entschieden ist, zu resignieren; man sprach einmal von Koschwitz,10 aber der ist von Marburg, bei der dortigen Frequenz, nicht abkömmlich, u. ich wüßte nicht, welchen Sinn es haben sollte, einen Ordina- |4| rius durch einen Ordinarius „vertreten“ zu lassen.

Von der 2. Aufl. des Körting’schen Wörterbuches11 erhielt ich die Buchhändlernachricht „erscheint binnen kurzem“ am 15. Januar. Es ist aber jedenfalls noch nicht versandbereit.

Mit herzlichem Gruße

Ihr

GGröber.


1 Es handelt sich um insgesamt acht Etymologien, die in ZrP XXV, 1901, 353-354 abgedruckt wurden.

2 So nicht gefunden; Charles Schmidt, Historisches Wörterbuch der elsässischen Mundart unter besonderer Berücksichtigung der früh-neuhochdeutschen Periode. Aus dem Nachlass, Strassburg 1901, vermerkt nur S. 413 „Wartolf. Art Fischreuse“. Vgl. Schuchardt, „Wolf, 1. ,Garnreuse‘; 2. ,Lehre‘ (Seilerspr.)“, ZfdW 2, 1902, 82–84. Werluff, Wadluff, Warkluff, Wartholf, Wartolf usw. seien süddt. Bezeichungen für ein Zugnetz.

3 Ernst Martin (1841-1910), Germanist und Romanist, seit 1878 Professor in Straßburg.

4 Er wird als Gewährsmann in E. Martin / H. Lienhardt, Wörterbuch der elsässischen Mundarten, Strassburg 1899, Bd. 1, S. v genannt.

5 Vgl. dazu Schuchardt, „Franz. Permaine“, ZrP XXV, 1901, 353-354 (mit Bezug auf Gaston Paris, Romania XXVIII, 635 u. XXIX, 615 u. Wendelin Försters Herleitung in „Französische Etymologien. 1. Neufrz. landier, engl. andirou. 2. Neufr. permaine, engl. pearmain, deutsch Parmäne“, ZrP XXIII, 1899, 422-429 u. Nachtag 23, 1899, 587.

6 Ernesto Giacomo Parodi (1862-1923), ital. Romanist in Florenz; leider wissen wir nichts über seine Korrespondenz mit Gröber.

7 Jules Cornu (1849-1919) wurde 1901 als Nachfolger Schuchardts nach Graz berufen.

8 Förster hatte aus Gesundheitsgründen bereits am 9.3.1900 vom Preußischen Unterrichtsministerium unbestimmten Urlaub erhalten. Er schreibt z.B. am 5.10.1900 an Schuchardt: „Der hier einsetzende Nebel, Regen usf. drängt zur baldigen Flucht nach Süden, wo ich bis Mai bleiben muß. Ich soll wieder nach Biskra, da Riviera, Corsica, Sardinien, Sizilien, Tunis, Algier durch starken Wind und Regen für mich unmöglich sind. Allein das elende, schmutzige, laute Araberdorf, wo ich schon einmal 4 Monate gewesen, flösst mir Angst ein. Freunde raten zu Sevilla oder Malaga? Die einen rühmen das milde Klima, wenig Regen, wenig Wind, kein Nebel u. Frost [meine Feinde, die mir Herzasthma verursachen], aber Morel-Fatio warnt wegen der gr. Feuchtigkeit. Wissen Sie was? oder kennen Sie Leute, die sicher Auskunft geben würden? Nehmen Sie sich Ihres kranken Kollegen an!“ (Lfd.Nr. 03099).

9 „Mit der Vertretung des wegen Krankheit beurlaubten Direktors wurde Herr Dr. Karl Buscherbruck, Oberlehrer am hiesigen städtischen Gymnasium, von dem hohen Ministerium beauftragt. Derselbe hat sich des schweren Autrags mit grossem Geschick und musterhafter Pflichttreue entledigt“ (zit. nach W. Hirt, Romanistik. Eine Bonner Erfindung, Bonn 1993, II, 984-985). Buscherbruck (geb. 1870), der 1895 bei Förster über Die altfranzösischen Predigten des heiligen Bernhard von Clairvaux promoviert hatte, las 3std. „Geschichtliche französ. Lautlehre“ und hielt eine Seminarübung über „Alfred de Musset“. Am 10.8.1901 wurde Försters Schüler Eugène Gaufinez (1864-1945) zum Bonner Extradordinarius ernannt, womit die Personalprobleme gelöst waren.

10 Eduard Koschwitz (1851-1904), Romanist in Marburg, wurde im Jahr 1901 nach Königsberg berufen.

11 Lateinisch-romanisches Wörterbuch / von Gustav Körting, 2., verm. und verb. Ausg., Paderborn 1901.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04116)