Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (088-04087)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

26. 01. 1896

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachen auf der Malaiischen Halbinsel Reflexion über Philologiebegriff Personennamen Ortsnamen Ministerium für Elsass-Lothringen Guerber, Joseph Schuchardt, Hugo (1896)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (088-04087). Straßburg, 26. 01. 1896. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5905, abgerufen am 19. 05. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5905.


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[Poststempel: STRASSBURG (ELS.) 26-1-96]
26.1.96.

Lieber Freund.

Ueber Ihre Frage kann ich Ihnen erst im Laufe der Woche sichere Auskunft geben. Mein Freund im Ministerium, bei dem ich sie erhalten werde, ist gegenwärtig in Berlin und wird am Dienstag oder Mittwoch hier zurückerwartet. In unsrem Verordnungsblatt steht über die Sache nichts; daß eine geheime Verfügung bestehen könnte, scheint mir ausgeschlossen, da sich die Wirkung einer solchen Verordnung in der Oeffentlichkeit geltend machen würde. In diesen Dingen kundige Leute wissen auch nichts von einer Germanisierung von Personennamen in der Art, wie Sie es in Ihrer nach Ungarn gerichteten Schrift,1 für deren Zusendung ich Ihnen nachträglich noch danke, beschrieben hatten. Der Regierung fällt es hier nicht ein, etwa Jemand der Louis heißt Ludwig nennen zu wollen, oder die thörichten Accente im Namen wie Kablé (d. i. Kable), Stiefvatèr ( Stiefvater), Baeré (d.i. Bäre) – lauter hier übliche Namen – anzutasten. Selbstverständlich heißt in den gedruckten Landesausschußberichten der bekannte Pfarrer Guerber : Guerber, wie sich dieser Gerber2 des Französischen wegen zu schreiben beliebt hat; – kurz ich weiß nicht, was für eine Vergewaltigung Ihr französ. Gewährsmann im Sinne hat. Daß man Ortsnamen, die vor der Französirung des Reichslandes deutsch waren, restituirt und solche die man sich seitdem französ. zu schreiben gewöhnt hatte (Mulhouse, Sarb ourg, Sarguemine u. dgl.) nun in deutscher Weise wieder schreiben gelernt hat, ist ja hinreichend bekannt, u. kommt für Sie nicht in Frage; auch kann Ihr Gewährsmann das nicht meinen. Ich werde mich gleichwohl an amtlicher Stelle noch erkundigen. – In Bezug auf den Begriff „Philologie“ stimme ich – theoretisch – Ihrer Auffassung durchaus bei; die Zusammenfassung von Sprach- u. Litteraturforschung hat nur praktische Bedeutung u. drückt aus, daß die Regierungen bis jetzt beide noch in einer Person vereinigt zu sehen wünschen müssen; sie werden dem Vorschlag der Zerlegung der Professur für rom. Philologie für jetzt kaum schon zugänglich sein- - Gestatten Sie mir Ihrer Frau Mutter baldige Genesung zu wünschen.

Ihr
G.Gröber.


1 Schuchardt, „A keresztnevek ,fordítása‘“, Magyar Nyelvőr 25, 1896, 97-107.

2 Joseph Guerber (1824-1909), katholischer Priester, Straßburger Domherr, von 1874-1903 Abgeordneter des Deutschen Reichstags in Berlin für den Wahlkreis Gebweiler.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04087)