Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (049-04047)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Unbekannt

23. 12. 1885

language Deutsch

Schlagwörter: Lautgesetze Reflexion über Philologiebegrifflanguage Langue bleue (Bolak) Brugmann, Karl Friedrich Christian Schuchardt, Hugo (1885) Gröber, Gustav (1888) Brugmann, Karl (1885)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (049-04047). Unbekannt, 23. 12. 1885. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5890, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5890.


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Lieber Freund.

Ihre Philippika gegen die Junggrammatiker erhielt ich soeben.1 Ich zweifle nicht daß sie klärend wirken wird. In den Beispielen für Ihre Auffassung des Sprachlebens und der Veränderung in der Sprache ist sehr viel Lehrreiches enthalten. Wie ich mir vor Ihrer Schrift die von Ihnen erwogenen Dinge zurecht gelegt habe, werden Sie aus dem „Grundriß“ (Abschnitt „Methodik der Sprachwissenschaftlichen Forschung“, bereits in der Druckerei)2 ersehen. Ebenso ist (Abschnitt: Aufgabe u. Gliederung der Rom. Philologie, bereits corrigirt)3 die Frage über das Verhältnis von Litteraturgeschichte und Sprachwissenschaft darin erwogen: das Verbindende ist die eigentliche philologische, auf das Sprachverständnis gerichtete Thätigkeit des Philologen, deren Sie gar nicht gedenken. Andres kommt hinzu. Meine Bestimmung des Umfangs der rom. Philologie geht, anders als die Brugmanns,4 so zu sagen von empirischen Gesichtspunkten aus. Daß ich in Bezug auf die Unannehmbarkeit des Begriffs „Lautgesetz“ mit Ihnen einer Meinung bin, erklärte ich schon bei unserem Zusammentreffen in Freiburg (s. jetzt auch S. 108 des „Grundrisses“ und in der „Methodik“). Ich messe ihm zunächst nur reputative,5 die Forschung auf gewisse apriorische und aposteriorische Data bei der Sprachbetrachtung hinlenkenden Sinn bei. Als Dogma, wie Sie ihn auf junggrammatischer Seite gesetzt finden, hat er dem empirischen Stoffe der Sprachwissenschaft gegenüber absolut keinen Sinn. Denn er anticipirt die Einsicht, die die mit allen Möglichkeiten rechnende empirische Betrachtung erst als die einzig durchführbare beweisen soll.

Herzliche Grüße. Glück und Heil im neuen Jahr

Ihr ergebenster

GGröber.

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1 Schuchardt, Ueber die Lautgesetze: Gegen die Junggrammatiker, Berlin 1885.

2 „Methodik und Aufgaben der sprachwissenschaftlichen Forschung“, Grundriss I, 1888, 209f.

3 Ebd., 140f.

4 Karl Friedrich Brugmann (1849-1919), Sprachwissenschaftler und Indogermanist, Prof. in Leipzig, hier dürfte sein Buch Zum heutigen Stand der Sprachwissenschaft, Strassburg 1885, gemeint sein

5 Wohl im gleichen Sinn wie „putativ“ [= vermeintlich].

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04047)