Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (086-04085)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

08. 10. 1895

language Deutsch

Schlagwörter: Todesfälle Publikationsversand Kongresse und Versammlungen Metrik Universität Strassburg Universität Berlin (Friedrich-Wilhelms-Universität) Stacklberg, Konstantin von Cornu, Julius Straßburg Friedrichroda Hillen, Ursula (1993) Lorck, Carl Berendt (1879) Schuchardt, Hugo (1895) Schuchardt, Hugo (1895) Gröber, Gustav (1902) Cornu, Julius (1908)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (086-04085). Straßburg, 08. 10. 1895. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5885, abgerufen am 27. 01. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5885.


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[Poststempel: STRASSBURG (ELSASS) 8-10-95]

Lieber Freund.

Die Schrift von Stacklberg1 hätten Sie schon weit früher erhalten, wenn ich nicht nach der Rückkehr nach Str. einen langwierigen Umzug zu bewältigen gehabt hätte. Ich mußte leider meine ländliche Idylle in Ruprechtsau, wo ich 15 Jahre gewohnt habe, aufgeben und nach der Stadt ziehen.2 Auf der Philologenversammlung3 war ich nicht, theils wegen dieses Umzuges, der in die Versammlungswoche fiel, theils wegen Trauer; ich habe in den Ferien einen dritten Bruder durch den Tod verloren,4 der mit uns noch einige Zeit in Großtaberz bei Friedrichroda5 im August verbracht hatte. Aus Ihrer Karte ersehe ich, daß Sie sich gleichfalls in Friedrichroda befunden haben, vermuthlich erst, nachdem ich mit den Meinigen die Gegend verlassen (13. Sept.), sonst wären wir doch wohl, bei meinen häufigen Besuchen in Friedrichroda, einander einmal begegnet. Daß mich Ihre beiden neuen Schriften6 interessiert hätten, wenn sie für mich auch Bücher mit sieben Siegeln geblieben wären, werden Sie mir wohl ohne Versichrung glauben; – selbst wenn nichts von allgemeiner Bedeutung darin zu finden wäre, – und das ist ungewöhnlich bei Ihnen – interessiert doch hinlänglich der Autor.

Ihre Beobachtung über die im Alter vorrückenden Romanisten u. ihre Neigung, aus den Schranken ihrer Disziplin hinauszutreten, wird von Ihnen selbst hinlänglich gestützt; – auch ich kann mich zu der Gruppe (angesichts des Abrisses der lat. Litteratur des MA.7 u. im Stillen gehegter Absichten) rechnen; – von Cornusmetrischen Studien bin ich seit langem unterrichtet: er quält sich fürchterlich damit und doch scheint nichts zu reifen.8

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

GGröber
.

8.10.95.

Ueber Brandl und Nachfolger sind wir noch nicht schlüssig geworden.9


1 Titel nicht identifiziert.

2 Am oberen linken Rand der Postkarte ist ein ovaler Stempel mit der neuen Adresse: Prof. Dr. Gröber Poststrasse 10 Stassburg i.E. Vgl. Gröber an Philipp August Becker (15.9.1895): „Ich habe in diesen Ferien den Verlust meines älteren Bruders durch den Tod zu beklagen gehabt, an dessen Kranken- und Todesbett ich einen Theil der zur Reise u. Erholung bestimmten Zeit verbracht habe. Weiterhin steht mir am Ende dieses Monats ein Umzug bevor: Das Grundstück, auf dem ich 15 Jahre wohne, ist hinter meinem Rücken verkauft worden, un ich muß nun nach der Stadt (Poststr. 10) ziehen – damit geht mir auch der Rest Ferien, den ich der Arbeit am ,Grundriß‘ wirdmen zu können hoffte, verloren, – ein recht unerfreulicher Übergang vom Sommer- zum Wintersemester“ (Hillen 1993, Brief XXII, 184).

3 Möglicherweise handelt es sich um den 7. Allgemeinen deutschen Neuphilologentag, der vom 25.-28. Mai 1895 in Hamburg stattfand.

4 Gustav Gröber hatte drei Brüder, wie wir dem kurzen Bericht über die Druckerei und den Kleinverlag seines Vaters entnehmen können, vgl. Carl Berendt Lorck, Die Druckerkunst und der Buchhandel durch vier Jahrhunderte. Zur Erinnerung an die Einführung der Buchdruckerkunst in Leipzig 1479 und die dortige Kunstgewerbe-Ausstellung, Leipzig 1879: „Friedrich Gröber ist ebenfalls eine im Accidenzfache [= Gelegenheits- und Kleindrucke wie Werbeprospekte, Visitenkarten, kurze Broschüren etc.] sehr strebsame Firma. Der Besitzer gründet 1840 eine Steindruckerei und lithographische Anstalt mit einer Handpresse. 1858 wurde eine Buchdruckerei errichtet, hauptsächlich als Stütze für die Steindruckerei. Sie gedieh jedoch so schnell, daß sie das Uebergewicht behielt und allein 4 Schnellpressen beschäftigt. Die Officin ist zweckmäßig in einem neuen Geschäftsgebäude untergebracht und liefert namentlich kaufmännische Accidenzarbeiten. Friedrich Gröber zur Seite stehen seine drei Söhne Carl, Fritz und Rudolph“ (84). Friedrich Gröber starb 1895; 1900 werden als Inhaber der Druckerei Dr. Max Gustav Gröber u. Wwe. Gröber, Keilstr. 7, genannt ( Reichsadreßbuch 1900, Nr. 3500). Man darf aus diesem Eintrag schließen, dass auch die drei genannten Söhne Friedrichs inzwischen verstorben waren. Die Druckerei Gröber ist aber noch bis 1933 nachweisbar. So erwähnt das Leipziger Adreßbuch 1930, I, 315 in der Keilstr. als Druckereibeistzerin Clara Gröber geb. Kruse, vermutlich eine Schwägerin Gustav Gröbers.

5 Kleinstadt im damaligen Herzogtum Gotha.

6 Vermutlich Über das Georgische, Wien 1895, und „Über den passiven Charakter des Transitivs in den kaukasischen Sprachen“, SB d. Wien. Ak. 133,I, 1895, 1-91.

7 Gröber, „Übersicht über die lateinische Litteratur von der Mitte des VI. Jahrhunderts bis zur Mitte des XIV. Jahrhunderts“, Grundriss II,1, 1902, 97-451. Diese Übersicht war bereits 1893 ausgedruckt, ist aber erst 1902 innerhalb de 1. Abt. des II. Bandes ausgegeben worden.

8 Julius Cornu, Beiträge zur lateinischen Metrik, Wien 1908.

9 Alois Brandl (1855-1940), Anglist, von 1892-1895 als Nachfolger ten Brinks Ordinarius in Straßburg, danach in Berlin; sein Nachfolger wurde der Münchner Breymann-Schüler Emil Koeppel (1852-1917).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04085)