Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (076-04075)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

01. 05. 1890

language Deutsch

Schlagwörter: Druckfahnen Chanson de Rolandlanguage Mittellateinlanguage Provenzalisch Cornu, Julius Karras, Ehrhardt Frankreich Schuchardt, Hugo (1891)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (076-04075). Straßburg, 01. 05. 1890. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5875, abgerufen am 01. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5875.


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[Poststempel: STRASSBURG (ELS.) 1-5-90]

Lieber Freund.

Der Beginn der Vorlesungen hat mich verhindert Ihnen sogleich wieder zu schreiben. Inzwischen habe ich Ihre 2 weiteren Karten erhalten.1 Bei meiner ersten Bemerkung zu anc-i-ien schwebte mir vor, daß c und das sillabische i sich erklären könnten wie –tió in gelehrten Wörtern (extension, action [*am Rand: Vgl. noch Lu cien (Lucienus); chirurgien, fisic-ien, musicien] u. dgl.), und ich setzte dabei mlat. Aussprache des teá von *anteanus, als-zea-, also anzianus, voraus. Aber es ist in der That fraglich, ob man auch im M[ittel]alterlichen Latein nicht *ant’anus statt ante-anus gebildet haben würde; festzustellen ist die Sache nicht, da ein Wort auf –e nicht vorliegt, das mit anus hätte weitergebildet werden können. [** am Rand: antan heuer = ante annus ist wohl nicht ganz gleicher Art]. Ihre Bedenken bleiben daher bestehen. Doch will mir auch Ihr Typus *anti-v-anus nicht gefallen, so gut er sich an ein anti(q)us anschließen lassen möchte (altfz. antin + an), weil mir der Schwund des v u. die Umbildung des –anus zu ien zweifelhaft ist, die ja immer, wie Sie mit Recht sagen, ein i-Element vor anus voraussetzt. Zulässig wäre wohl ein *antiquanus im Hinblick auf veteranus, obgleich dieses Wort z.B. Frankreich fremd geblieben zu sein scheint. Auch antea wird kaum helfen; denn man findet wohl prima (postea) aber keine Spur von antea; u. wäre ein anza vorhanden u. annehmbar, so würde man wohl nur anzain, nicht anc- i-en erhalten. Oder sollte man mein *anteanus aus antea + anus ziehen dürfen. Bei DC.,2 wo ich erst jetzt nachgesehen habe, ist antianus erst später belegt, als ancien in fzös. Texten; (andre Quellen – Merovinger u. Karolingerzeit konnte ich noch nicht auf das Alter der Form prüfen). Gesetzt nun aber ital. anzi-ano wäre aus anzi gebildet (wie z.B. prochain aus proche), u. span. etc. anciano wäre aus dem Provenz. aufgenommen, was wegen span. antes unbedenklich ist, so bleibt nur fz. ancien zu deuten übrig. Läge es dabei zu fern von anc-eis (ainçois) normans auszugehen u. an ancessor anceissor (z.B. Benoit u.a.) = ant(e)cenór-em zu erinnern, woraus, bei der etymol. Beziehung zwischen ainz und ançeis doch vielleicht ein anc-ein möglich war, wie wenn zu Egypte : Egyptien, Gepid-ein (Gepide), paroissien u. dgl. gebildet wird (Benoit), und wie auch bei re-dev-able vom Stamm der endungsbetonten Formre-dev-oir ausgegangen wird? Als Vorbild des anc-ien, das u.a. ursprünglich wohl Substantiv war ( ancienor zuerst Alexius; dann: ancienne geste Roland), denke ich mir payenor payen u. die Völkernamen auf –ien, die ja in großer Zahl neugebildet wurden (Philistinien u. dgl.)? Sie sehen ich kann nur fragen. – Bei propiu s muß wegen sages-sabius das fehlende s um so mehr Zweifel erregen, als s adverbiale das –s von propius zu stützen geneigt war. Daher haben Sie (der Begriff nahe, nicht näher kommt hinzu) jedenfalls Recht, wenn Sie den Comparativ verwerfen. Bei giere(s), gierre, giers bei dem Sie an ea hora erinnern, macht mir die Bedeutung „itaque“ Scrupel.3 So wenig ich mir noch ie bei dem Cornuschen Etymon igitur zurechtlegen kann, so stimmt jedenfalls die Bedeutung. – Karras sandte mir heute Correcturbogen mit Ihrem Wortgeschichtlichen; ich sehe darin, daß er Ihre Correctur dringend nöthig hat. Platz für Ihre Nachträge ist noch hinreichend; Sie werden Sie nur auf dem Correcturbogen noch nicht vorfinden, weil dieser schon längere Zeit fertig war.

Mit den besten Grüßen

Ihr

GGröber

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1 Fortsetzung der Diskussion des vorangegangenen Briefs; vor allem Schuchardt, „Prov. altfranz.anceis u.s.w.“, ZrP XV, 1891, 237-241, bes. 240f.

2 Du Cange, Glossarium mediae et infimae latinitatis, Niort 1883-87.

3 Vgl. in der Druckversion S. 241.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04075)