Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (070-04069)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Straßburg

07. 05. 1889

language Deutsch

Schlagwörter: Etymologie Romanische Studienlanguage Slawische Sprachen Ulrich, Jakob Raynouard, François-Just-Marie Roussillon, Girart de Förster, Wendelin Boehmer, Eduard Latini, Brunetto Frankreich Italien Spanien Ulrich, Jakob (1887)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (070-04069). Straßburg, 07. 05. 1889. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5869, abgerufen am 05. 02. 2023. Handle: hdl.handle.net/ 11471/518.10.1.5869.


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[Poststempel: STRASSBURG (ELS.) 7-5-89]

Lieber Freund.

Entschuldigen Sie bitte, daß ich so spät erst Ihre, razza betreffenden Zeilen beantworte. Ihre Einwendungen erscheinen mir durchaus gewichtig; sie berühren Punkte, die ich nicht aufzuklären vermag, weshalb ich mich auch begnügte, in einer Anmkg. zu Ulrich1 auf die slav. Grundlage hinzuweisen. Sie als richtig zu erweisen, sollte vor allem eins: der Nachweis, wie das slav. Wort in den Westen vorgedrungen sein könnte. Im Stillen hoffte ich, ich würde Aufschlüsse über den Viehhandel finden, die ergäben, daß der, wie mir scheint, zuerst von Thieren (Hausthieren) gebrauchte Ausdruck etwa aus Böhmen sich verbreitet hätte. Meine Nachforschungen in dieser Beziehung waren aber bis jetzt ohne Erfolg; ich kann daher keine Bedenken tragen Ihre Einsendung in der Ztschr. mitzutheilen.2 Nur Folgendes möchte ich mir noch zu bemerken gestatten:

1) das bei Raynouard einmal aus dem Girard v. Ross. belegte raza ist feste Lesart; Foersters neue Ausg. (BöhmersRom. Stud. V) bietet das allein formgemäße raçō (raçon leial) Vers 5174. Ein Beleg für raça aus dem MA. ist daher nicht vorhanden. *) [Auch Ital. razza erst im 16. Jahrh., da der Beleg im Pataffio3 wegfällt: ich sehe nicht, daß Jemand ihn nach Brunetto Latini bringt]. 2) Die Umsetzung des stimmhaften z in ts ist in der That auffällig, aber auch bei radius als Grundlage liegt sie doch vor, da das Ital. razzo = radius neben razza Rasse hat. Ich meine auch nicht, daß das Grundwort überallhin direct gebracht worden sei, daß es vielmehr nach Frankreich von Italien, nach Spanien aus Frankreich gelangte. Die Erklärung des zz ist nur einmal zu geben nöthig; freilich ist aus derselben Grundsprache ein zweites Beispiel nicht zu erbringen. Bei tazza steht ss ( tassah), also gleichfalls ein stimmloser Consonant gegenüber. Es wäre verwegen bei dem suggerirten Viehhandel die Deutschböhmen anzurufen und sie für zz statt z verantwortlich zu machen.

3) Span. raza neben rayo = radius ist mir noch ein Räthsel. Doch legen Sie wohl auf die sich an radius anschließenden Bedeutungen: Linie, hervorgehen, ein größeres Gewicht in der Frage, als auf die des span raza: Hufstrahl. Jene beiden Bedeutungen sehe ich aber gerade in den Sprachen, auf die es besonders anzukommen scheint, nicht entwickelt, und mit der Bedeutung ,Linie‘ sich auch nicht die von ,Geschlecht, Familie‘, sondern eben nur die von Rasse sich verbinden, was wohl nicht ganz dasselbe ist; span rayo wohl = Linie, aber nicht Geschlecht; span. raza = Geschlecht, aber nicht = Linie.

Ich werde mir die Sache aber noch überlegen; Sie gestatten mir vielleicht, zu dem event. Abdruck Ihrer Bemerkungen meine weiteren Erholungen4 mitzutheilen.

Mit den besten Wünschen für Ihr Befinden

Ihr ergebenster

GGröber.

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1 Ausgangspunkt dieser Diskussion über razza ist ein Artikel von Jakob Ulrich, „Romanische Etymologien“, ZrP XI, 1887, 556-557, hier S. 557; dem fügt Gröber eine einseitige Bemerkung an, in der er Herleitung aus ahdt. Reize (Linie) bzw. (Canello) rationem ablehnt und auf das Wortfeld Schlag, Gepräge verweist, da in slavischen Sprachen und Dialekten raz so viel wie „Schlag“ bedeutet.

2 Nicht nachgewiesen.

3 Franco Sachetti, Il pataffio (Lehrgedicht aus der 1. Hälfte des 15. Jhdts.; Zuschreibung an Sachetti ungewiss, häufig wird Brunetto Latini als Autor genannt).

4 Im Sinne von repetitio, recapitulatio (DWB 3, 855).

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04069)