Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (020-04019)

von Gustav Gröber

an Hugo Schuchardt

Breslau

09. 08. 1877

language Deutsch

Schlagwörter: Druckfahnen Korrekturlesen Reflexion über das Rezensieren Diezstiftung Gerold & Co. Wilhelm Braumüller Universitäts-Verlagsbuchhandlung Romania (Zeitschrift) Gaster, Moses Bartsch, Karl Friedrich Witte, Karl Paris, Gaston Varnhagen, Francisco Adolfo de Gaster, Moses (1878) Alighiere, Dante/Bartsch, Karl (1877) Ascoli et al. (1878) Bonitz et al. (1877)

Zitiervorschlag: Gustav Gröber an Hugo Schuchardt (020-04019). Breslau, 09. 08. 1877. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5834, abgerufen am 01. 10. 2023. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5834.


|1|

Breslau, 9. Aug. 1877.

Verehrtester Herr College.

Eine beträchtliche Anzahl Correcturbogen, die schnelle Erledigung forderten, verhinderten mich leider Ihnen sofort auf Ihre freundlichen Zeilen vom 4. d. M. zu antworten, was ich um so eher wünschen mußte thun zu können, als Sie eine verspätete Antworte vielleicht schon nicht mehr in Graz antreffen dürfte.1

Leider kann ich meinem Briefe auch nicht schon einen Abzug Ihres Artikels über die Columna2 beifügen, da derselbe auf dem letzten Bogen des außerordentlich angeschwollenen Heftes 2/3 der Ztsch. Platz finden wird, und mit dem Satz der Recensionen erst in voriger Woche begonnen werden konnte. Ich glaube kaum, daß vor 12-14 Tagen ein Abzug davon vorliegen wird, – ich würde ihn natürlich mit größter Sorgfalt corrigiren, falls Sie in dieser Zeit nicht zu erreichen wären. Daß Gaster3 (der noch kurz vor seiner Einberufung zur rum. Armee in Leipzig mit dem Bruchstück einer Arbeit über rum. Lautgeschichte promovierte) Ihr Manuscript durchgesehen hatte, habe ich Ihnen, wenn ich nicht irre, bereits mitgetheilt; ich hoffe danach, daß meine Correctur des Abzugs zu Ihrer Zufriedenheit ausfallen kann, bin aber natürlich gern bereit Ihnen, wenn irgend möglich, denselben zuzustellen.

Ihre Ansicht bezügl. des Recensierens theile ich vollkommen; die Arbeit ist eine lästige und meist undankbare, sie verhindert die Concentration und die Ausführung umfassender Arbeiten, an denen wir in Deutschland auf romanischem Gebiete in bedenklichem Grade Mangel leiden; aber gerade Sie haben durch mehrere größere Werke gezeigt, daß Sie das Eine zu thun vermögen ohne das Andre lassen zu |2| müssen, ich glaube sogar, daß Sie das Bedürfnis haben, sich mit Untersuchungen und Werken von größrer Bedeutung, die nicht in das Bereich von Ihnen begonnener oder geplanter umfassenderer Arbeiten fallen, weil es darin an Gelegenheit über jene zu sprechen fehlt, auseinanderzusetzen, und so hoffe ich, daß die Ztsch. sich immerhin auch ferner auf Beiträge zur Recensionenabtheilung von Ihnen wird Hoffnung machen dürfen. Die Bedeutung, die Sie derselben unzweifelhaft mit Recht beimessen, bestärkt mich ebenfalls in dieser Ueberzeugung und daß allein jüngere Kräfte, an denen allerdings kein Mangel ist, die kritische Arbeit in der Ztsch. besorgen sollen, werden Sie gewiß nicht in ihrem Interesse finden. Ich denke, wenn Sie einmal auf Bartschs Dante zurückzugreifen veranlaßt werden,4 wenn einmal die Neugier in Ihnen rege wird, wie er eine Stelle verstanden, erklärt und übertragen hat, wird sich von selbst eine kleine kritische Notiz5 – zu mehr wird er kaum Anlaß bieten – auch nach Witte6 noch ergeben. Das Gleiche wird vielleicht auch mit den Lautphysiol. Büchern geschehn.

Ich werde Sie mit nichts drängen und mich gern geduldigen. Nur wenn Sie es positiv wünschen, werde ich über Ihnen zugestellte Schriften anders disponieren. Von meinem Vorsatze im nächsten Heft der Ztsch. über die Diezstiftung zu sprechen hat mich der Wortlaut des Ascolischen Aufrufs und G. Paris‘ Bericht über den Stand der Dinge im letzten Romaniaheft7 wieder zurückgebracht. Beide sprachen die Ueberzeugung aus, daß die Fonds aller Comités schließlich zusammenfließen müssen; Ascoli ist mit den übrigen Unterzeichnern des ital. Aufrufs8 sogar bereits entschlossen, das Erträgnis seiner Sammlung dem Berliner Comité zu überweisen; G. Paris deutet an, daß die beiden deutschen Comités allein unter sich eine Vereinbarung zu erzielen haben, und verzichtet auf eine Stimme bei den coord. Verhandlungen; aehnlich wird sich das Englische Comité ohne Zweifel verhalten, das, wie ich von Dr. Varnhagen9 höre, |3| alsbald mit einem Aufruf hervortreten wird. Es handelt sich also jetzt, nachdem das Ausland wie das Inland die beiden Comités anerkennt, nur noch um [ein] Arrangement beider, das aber nicht vor Abschluß der Sammlungen möglich ist, da keins von beiden sich angesichts der auf beiden Seiten vorhandnen Contribuenten auflösen kann. Eine private Meinungsaeußrung, wie es die meine und die jedes andren wäre wird eine frühere Vereinigung der beiden Comités nicht bewirken können, und auf die Sammlungen Einfluß zu üben nicht mehr im Stande sein. Es wird alles von officiellen Schritten abhängen, zu denen wohl das Wiener Comité, als das spätre, den Anstoß wird geben müssen. Das Berliner Comité wird nothwendig auf einen Antrag des Wiener Comités auf Vereinigung der beiderseitigen Sammlungen und auf die von ihm gestellten Bedingungen eingehen und über letzte verhandeln müssen, und es wird von der Geschicklichkeit der Mitglieder des W. C. [= Wiener Comités] abhängen, ob der Berliner Plan modificirt wird. Ich glaube, nur indem Sie Mitunterzeichner des Berliner Aufrufs für sich gewinnen, indem Sie darauf hinwirken, daß bei den gemeinsamen Berathungen eines Ausschusses, der beiderseitigen Comités die vom Wiener Aufruf vertretne Idee zu Geltung gebracht und dafür gesorgt wird, daß die Chancen für beide Seiten gleich sind, wird eine Modification des Berliner Planes noch möglich sein. Es werden vom W. C. verschiedne Anträge bereit gehalten werden müssen und es wird nichts übrig bleiben als den Weg eines Compromisses zu betreten, wenn sich nicht schon bei der Abstimmung über den ersten Antrag, den das WC. doch wohl in Ihrem Sinne s[t]ellen wird, eine Entscheidung zu Gunsten Ihres Gedankens erzielt.

Aus diesem Grunde also, weil ich glaube, daß jetzt nur noch officielle Schritte gethan werden können, werde ich mich einer Aeußrung über die Diezst. enthalten, und ich werde vielleicht Ihrer Zustimmung nicht entbehren, wenn Sie sich die Sachlage vergegenwärtigen. Daß ich Ihrer Idee nach wie vor zugeneigt bin, brauche |4| ich nicht erst zu versichern.

Glauben Sie nicht, daß es gut wäre im nächsten Heft der Ztsch. auch über das Erträgnis der Wiener Sammlung zu berichten? Ich werde das Resultat der neuen Berliner Sammlung, u. das von G. Paris verzeichnete des Pariser Comités mittheilen und will noch Ascoli bitten mich zu einem Bericht über die Summe der bei dem Ital. Comité eingelaufnen Beiträge zu autorisieren.10

Könnten Sie mir zur Erlangung einer Nachricht über die bei Braumüller und Gerold eingegangnen Summen behilflich sein?11

Bez. Ihrer Recension von Stünkels Arbeit,12 äußerte T. „daß es ihm leicht sein würde Ihren Angriff als das hinzustellen, was er ist; dass es sich bei der Arbeit St.s gar nicht um eine Preisaufgabe, sondern um Bewerbung um ein Stipendium gehandelt habe und daß er Ihr Vorgehen bei der Academie als sehr uncollegialisch bezeichnen müsse“. (Diese Mittheilungen natürlich sub rosa)13. Inwiefern dieser Ihr Irrthum als ein capitaler zu bezeichnen ist, vermochte ich noch nicht zu untersuchen. Ihnen werden die angeführten Worte wohl deutlicher sein.

Es wird Zeit, daß ich schließe, und daß ich Sie mit weiteren Proben meiner hieroglyphischen Schriftzeichen verschone, mit denen ich zweifelsohne schon oft Ihren Unwillen erregt haben werde, und die ich mir abzugewöhnen bei der massenhaften Correspondenz, die mir dh. [=durch] die Zeitsch. erwachsen ist, vergebliche Anstrengungen mache. Ich habe weit mehr Grund Sie deswegen um Nachsicht zu bitten, als Sie mich bez. der Form Ihrer Briefe. An meinem eignen Stil sehen Sie ja auch, daß ich weder ein besonders geschärftes Auge dafür besitze noch bez. desselben verwöhnt bin. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich

Ihr treu ergebener
GGröber.


1 Zur Venedig-Reise Schuchardts vgl. Lfd.Nr. 013-04012.

2 Vgl. Lfd.Nr. 010-04009.

3 Moses Gaster (1856-1939), rumän. Gelehrter, wurde 1877 in Leipzig mit der Arbeit Die gutturale Tenuis, Leipzig 1878 (Zur rumänischen Laurgeschichte; 1) promoviert.

4 Karl Bartsch, Dante Alighieri’s Göttliche Komödie, übersetzt und erläutert, Leipzig 1878, 3 Bde.

5 Nicht nachgewiesen

6 Karl Witte (1800-1883), Jurist und Philologe, hatte ebenfalls (Berlin 1870) eine Übersetzung der göttlichen Komödie veröffentlicht.

7 Vgl. Lfd.Nr. 017-04016.

8 Appello agli studiosi italiani concernente la Fondazione Diez (Unterz. Von G. I. Ascoli, N. Caix, U. A. Canello, F. D'Ovidio, G. Flechia, A. Graf., E. Monaci, P. Rajna), abgedr. AGI 4, 1877, 425-427.

9 Francisco Adolfo de Varnhagen (1816-1878), deutsch-brasilianischer Historiker und Diplomat, seit Ende 1877 brasilian. Gesandter in Wien. Vermutlich wußte er aus diplomatischen Kreisen von der englischen Initiative. Ob sie realisiert wurde, ließ sich nicht feststellen.

10 Vgl. die „Listen eingegangener Beiträge“ 1-3, ZrP 1, 1877, 164 (nur deutsche Einzahlungen), 488 (nur deutsche Beiträge, aber Hinweis auf die französischen unter Bezug auf die Angaben in der Romania), 581 (deutsche Beiträge und Hinweis auf AGI IV,2, wo Lit. 730 vermerkt sind).

11 Braumüller und Gerold waren angesehene Wiener Verlage, die offenbar die Spenden für das österr. Komitee einsammelten.

12 Vgl. Lfd.Nr. 008-04007; weiterhin Toblers Brief an Schuchardt vom 28.4.1890: „Dagegen ist mir allerdings im Sinne geblieben, daß Sie – es sind auch Jahre her – an die hiesige Akademie, der ich damals nicht angehörte, eine Entgegnung auf mein Gutachten über Stünkel und seine Mitbewerber einsandten, die unter Umständen mir hätte schaden können. Nun, mir zu schaden, Steine in den Weg zu legen ist kein Verbrechen, am wenigsten dann, wenn einer guten Sache damit gedient ist. Das war aber damals durchaus nicht der Fall, wie mir schien u. noch scheint. Stünkels Arbeit war sicher die beste der vier, und war für eine Studentenarbeit (nur Studenten oder doch noch nicht irgendwie Angestellte waren zur Bewerbung zugelassen) überhaupt anerkennenswert. Der Preis war erteilt und blieb dem Sieger, gleichviel wie man nachträglich den zur Begutachtung Herbeigezogenen bei der Akademie herabsetzte. Wenn ich bei solcher Lage der Dinge annahm, es müsse eine besondere Mißstimmung gegen mich Sie zu dem seltsamen Schritte veranlaßt haben, so glaube ich doch nicht, meinerseits Ihnen darum gezürnt zu haben. Ich war einfach befremdet durch ein Vorgehn, zu dem ich mich in ähnlicher Lage schwerlich entschlossen haben würde“.

13 „unter dem Siegel der Verschwiegenheit“.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 04019)