Friedrich Müller an Hugo Schuchardt (08-07578)

von Friedrich Müller

an Hugo Schuchardt

Wien

08. 10. 1895

language Deutsch

Schlagwörter: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes wissenschaftliches Fehlverhalten Sprachphilosophielanguage Portugiesisch (Rangun) Humboldt, Wilhelm von Erckert, Roderich von Meyer, Gustav Kirste, Johann Schuchardt, Hugo (1895)

Zitiervorschlag: Friedrich Müller an Hugo Schuchardt (08-07578). Wien, 08. 10. 1895. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5757, abgerufen am 17. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5757.


|1|

Wien, 8t Oktober 1895

Verehrter Freund und College!

Vor allem meinen besten Dank für Ihre herrliche Abhandlung.1 Das ist eine treffliche wahrhaft sprachphilosophische Arbeit, über die ein W. von Humboldt, wenn er unter den Lebenden weilte, eine besondere Freude haben würde! Ich freue mich besonders daß meine Worte in der Vorrede zum Erckerdt‘schen |2| Buch2 – das Werk möge anregend wirken, so rasch in Erfüllung gegangen sind. – Eine solche Arbeit könnte der Tolwut-Mensch3ריאמ* [* Wenn M. über Ihre sprachphilosophischen Neigungen spöttelt, dann zeigt er daß er blos die τέχνη cultiviert und von der ἐπιστήμη – um mit den Griechen zu reden – keine Ahnung hat], dem jeder Funken Genie fehlt, nie ausführen! – Das was Sie mir über diesen Herrn schreiben, bestätigt vollkommen mein Urtheil, welches ich mir über ihn gebildet habe. Auch ich bin über ihn empört. Ich gönne ihm von Herzen die |3|Blamage vor der Facultät daß jener Mann, den er niedertreten wollte, nun ihm gleichgestellt ist! Ich bin neugierig wie er sich jetzt Kirste gegenüber betragen wird.

Haben Sie sich die Arbeiten, die ich Ihnen vorgestern gesandt habe, bereits angesehen? Ich glaube, daß man warten sollte auf das was nachkommt.

Lesen Sie regelmässig unsere Zeitschrift?4 Was sagen Sie zu meiner Besprechung der Horn‘schen |4| Buches?5 Diese Publication enthüllt so recht die Unwissenheit der neuesten Richtung der Sprachforschung. Die Herren scheinen ihr Wissen nicht im Kopfe, sondern blos auf dem Papier zu haben. Wie üblich ging das Buch während der Correctur von einem Meister zum andern und keinem dieser Meister sind die zahllosen haarsträubenden Fehler (Zeugen bodenloser Unwissenheit) aufgefallen.

Mit herzlichen Grüßen Ihr

ganz ergebener

F. Müller


1 Schuchardt, „Über den passiven Charakter des Transitivs in den kaukasischen Sprachen", Sitzungsberichte d. Wien. Ak. 133, I, 1895, 1-91.

2 Roderich v. Erckert, Die Sprachen des kaukasischen Stammes. Mit einem Vorwort von Friedrich Müller, Wien 1895. – Gleich auf S. 1 geht Schuchardt auf Erckert ein. Er habe sich schon lange für den passivischen Charakter der kaukasischen Sprachen interessiert, doch sei sein Interesse durch Erckerts Buch „aufgefrischt“ worden, nachdem er gesehen habe, dass auch dieser Autor sich für diesen Aspekt interessiere. Leider sei diese Schrift „allzu druckfehlerreich“. Erckerts Arbeit wird dennoch mehrfach von Schuchardt zitiert. Sie gilt allerdings heute als überholt.

3 Lesart nicht sicher! Im älteren Deutsch wird „toll“ allerdings häufig mit nur einem „l“ geschrieben. Zur hebräischen Transliterierung des Namens vgl. den vorangehenden Brief.

4 Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes.

5 Rez. von Paul Horn, Das Heer- und Kriegswesen des Gross-Moguls, Leiden 1894, Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 9, 1895, 375. Da die Arbeit militärgeschichtlich sei (der Vf. sei Straßburger Privatdozent und Leutnant der Landwehr) sei sie auch von Militärhistorikern rezensiert worden, die ihr aber bescheinigt hätten, nur bereits bekanntes Material neu aufbereitet zu haben. Daher schlussfolgert Müller: „Also dieselbe nervöse Hast und Uebereilung, die sie HORN in seinem Hauptwerke, dem Grundriss der neupersischen Etymologie, an den Tag gelegt hat!“ Das Buch ist 2011 im Paderborner Salzwasser-Verlag nachgedruckt worden und existiert auch als Internetversion.

Faksimiles: Universitätsbibliothek Graz Abteilung für Sondersammlungen, Creative commons CC BY-NC https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/ (Sig. 07578)