Hugo Schuchardt an Friedrich Kluge (61-HSFK_s.n.)

von Hugo Schuchardt

an Friedrich Kluge

Graz

10. 09. 1919

language Deutsch

Schlagwörter: Sprachen in Bengalen/Indien Spinnen und Weben Publikationsvorhaben Sprachkontakt (allgemein) Reflexion über Forschung Entlehnung Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften (Berlin) Allgemeiner Deutscher Sprachverein Gesundheitlanguage Portugiesisch (Madurá) Schuchardt, Hugo (1920) Schuchardt, Hugo (1919) Schuchardt, Hugo (1918)

Zitiervorschlag: Hugo Schuchardt an Friedrich Kluge (61-HSFK_s.n.). Graz, 10. 09. 1919. Hrsg. von Frank-Rutger Hausmann (2017). In: Bernhard Hurch (Hrsg.): Hugo Schuchardt Archiv. Online unter https://gams.uni-graz.at/o:hsa.letter.5662, abgerufen am 18. 07. 2026. Handle: hdl.handle.net/11471/518.10.1.5662.


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Graz, 10. Sept. 191

Verehrter Freund,

Ihren eben eingetroffenen Brief vom 2. d. M. beantworte ich sofort. Den Dank für das schöne Buch2 hatte ich etwas aufschieben wollen [es ist erst vor wenigen Tagen in meine Hände gelangt], weil ich hoffte Ihnen eine oder zwei Kleinigkeiten als formale Gegengabe bieten zu können. Aber die Sonderabdrucke lassen noch auf sich warten. Und dazu kam noch etwas Anderes.

Ihr Buch hat mich zu guter Zeit angetroffen, nämlich |2| bei einer kleinen germanistischen Arbeit; das „klein“ bezieht sich auch auf meine Germanistik, sie ist wirklich mit unbewaffnetem Auge nicht zu erkennen.3 Die Fremdwörterei hat mich fortdauernd beschäftigt – seitdem ich Ihnen darüber schrieb, und vor einiger Zeit wurde mir die Gelegenheit geboten, mich in der Anzeige einer gewissen Schrift darüber zu äußern.4 Ich habe sie sofort ergriffen, bin aber mit meinem Aufsatze noch nicht ganz zu Ende, er hat einen ungebührlichen Umfang erreicht. Dann hatte ich Ihnen sofort schreiben wollen; jetzt, da mir noch nicht alles fest steht, kann ich es nicht. Und überhaupt rede ich nicht gern von ungelegten Eiern, am wenigsten von solchen, die nicht einmal in eine Redaktionsstube gelegt worden sind.

Für heute nur so viel. Ich halte eine mittlere Linie ein; ich |3| denke, ich stehe in Ihrer Nähe. Nicht die Grundsätze des Sprachvereins lehne ich ab; nur sein allzu gewaltsames und übergreifendes Benehmen schreckt mich etwas ab, der Kommandoton. Und über eines komme ich in keinem Falle weg; über völkisch: Es liegt mir daran, mich zu bekennen; hält man zwischen zwei Parteien die Mitte, so kann es kommen daß einen beide von sich stoßen, aber auch daß einen beide für sich in Anspruch nehmen. Sarrazin5 schrieb mir in diesen Tagen daß er sich freuen würde mich als Mitglied des Sprachvereins zu begrüßen. Er weiß nicht daß ich das schon seit zwei Jahrzehnten bin. Die Erklärung der preuß. Akademie ist nicht sehr geschickt abgefaßt; ich meine man hätt den gleichen Standpunkt besser verteidigen können. Übrigens ist Bücherei Lehnübersetzung von librería, Liberei.

Ich werde die wenigen Tage die mir noch bleiben, mit ganz allgemein sprach- |4| wissenschaftlichen oder sprachphilosophischen Studien hinbringen – soweit überhaupt bei mir von Arbeiten die Rede sein kann. Sprachgeschichtliches ist, wenigstens wenn es sich um mir nicht völlig vertrauten Stoff handelt, von nun an ziemlich ausgeschlossen, da meine Linsentrübung zwar seit zwei Jahren noch nicht allzuweit vorgeschritten ist, mir aber doch bei den Korrekturen meiner letzten Akademieabhandlung (berberologisch),6 auch die Lupe inbegriffen, sehr hinderlich war. Wie habe ich Sie (und ebenso meinen Freund Nyrop in Kopenhagen, der mich zweimal mit seiner Frau besuchte) seit lange bewundert, daß Sie bei einem solchen Gebrest Solches und so viel zu leisten vermögen!

Mögen Sie vor Bomben und allem Übeln geschützt sein! Es grüßt Sie herzlichst

Ihr getreuer

HSchuchardt


1 Original Freiburg i.Br., UB NL 25/260 (nicht numeriert, aber Nr. 1 in der Reihenfolge des Digitalisats).

2 Vermutlich Hildebrandslied, Ludwigslied und Merseburger Zaubersprüche / hrsg., übers. u. erl. von Friedrich Kluge, Leipzig 1919 oder die 4. Aufl. von Unser Deutsch: Einführung in d. Muttersprache ; Vorträge u. Aufsätze, Leipzig 1919.

3 Vermutlich „Sprachursprung III (Prädikat, Subjekt, Objekt.)“, SB d. Preuss. Akad. d. Wiss.1919, 448–462.

4 Schuchardt, Rez. von „Leo Spitzer, Fremdwörterhatz und Fremdvölkerhass. Eine Streitschrift gegen die Sprachreinigung“, Literaturblatt für germanische und romanische Philologie 40, 1919, 5-20.

5 Otto Sarrazin (1842-1921), deutscher Ingenieur und Geheimer Oberbaurat; Dr. Ing. u. Dr. phil., einer der führenden Vertreter des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins; Vf. eines Verdeutschungs-Wörterbuchs (1886). – Der Brief ist im HSA nicht erhalten.

6 Schuchardt, Die romanischen Lehnwörter im Berberischen, Wien 1918 (SB d. Kais. Akad. d. W. in Wien, Ph.-hist. Kl., 118 Bd., 4. Abh.).

Faksimiles: Die Publikation der vorliegenden Materialien im „Hugo Schuchardt Archiv” erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Universitäts-Bibliothek Freiburg i.Br. (NL 25/260). (Sig. HSFK_s.n.)